Paul Gurks „Berlin“: Verfluchte, geliebte Stadt

Berlin-Romane gibt es viele – die einen nerven sie, die anderen können gar nicht genug von ihnen bekommen. Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man zwei Höhepunkte der Berlinbegeisterung bestimmt: Angefangen hat alles mit den Zwanzigern und frühen Dreißigern, als Berlin zu der Metropole aufstieg, die sie nie wieder geworden ist. Dann verlor die Stadt durch die Nachkriegsordnung für längere Zeit seine Anziehungskraft – außer bei denjenigen, die Biwak und schlechter Kantinenküche aus dem Weg gehen wollten. Mit der Wiedervereinigung und Berlins Rückkehr in den Hauptstadtstatus zog auch wieder die Berlinliteratur an. Die Reihe der prominenten Beispiele ist lang, aber auch extrem starr in ihrer kanonischen Verankerung: „Berlin Alexanderplatz“, „Fabian“, „Das kunstseidene Mädchen“ – neuerdings vielleicht die „Lehmann“-Bücher oder Volker Kutschers Krimireigen. Einer der immer vergessen wird, ist Paul Gurk. Wieso eigentlich?

Wie viele, die über Berlin schreiben, war Paul Gurk einer der vielgeschmähten Zugezogenen, wenn auch unter tragischen Umständen des zu frühen Tod des Vaters. Als Schriftsteller startete er hoffnungsvoll, gewann sogar den Kleist-Preis. Doch schon vor der nationalsozialistischen Herrschaft sank sein Stern schon wieder und mit den neuen Machthabern verwarf sich Gurk, zumindest bis zu dem Punkt, dass die Publikationslage schwierig wurde. Die kurze Zeit, die er noch im Nachkriegsdeutschland verbrachte, verhalf ihm auch nicht mehr zu späten Ruhm und so starb er schließlich als vergessener Autor. Die Geschichte geht nicht gnädig mit Ruhm um und den letzten Beweis lieferte die Stadt Berlin schließlich selbst, als sie dem Grab von Gurk 2009 den Ehrenstatus aberkannte. Der Arco Verlag bemüht sich nun seit einigen Jahren für den Autor, sehr zurecht, obwohl man nach der Lektüre von dem 2016 erschienen „Berlin“ sagen muss: Für die literarische Champions League ist die Luft ein bisschen dünne.

Die Wahl dieses Platzes war das Ergebnis der letzten selbständigen Intelligenzanwendung Eckenpenns.

Das heißt jedoch nicht, dass es sich nicht lohnen würde, Gurks „Berlin“ eine Lektüre zu widmen. Wenn es stimmt, dass sich eine Epoche, ein Stil, ein Genre am besten über dessen mittelmäßige Zeugnisse erkennen und beschreiben lässt – wobei ‚Mittelmaß‘ ein zu hartes Urteil gegenüber diesem Roman wäre – dann ist „Berlin“ dafür der beste Beweis. In ihm steckt nämlich so ziemlich alles drin, was uns aus der Moderne überliefert ist – die großstädtische Existenz, die anziehende Geschwindigkeit, die sich in der Technik, aber auch im Lebensrhythmus niederschlägt, das Gefühl der Überforderung und die Sehnsucht nach einer authentischen Welterfahrung.

Ich bin Berlin, die große Stadt, aller Laster und Lüste voll!

Im Zentrum all dessen steht Herr Eckenpenn, der an einem Platz in Berlin als fliegender Buchhändler Literatur an den Mann oder die Frau bringt. Typischerweise für die Zeit ist er kein agierender Protagonist, sondern ein Beobachter – schließlich ist um ihn herum ja schon genug los. So heißt es prägend über ihn im Roman: „Eckenpenn sah sich um.“ Und das tut er. Den lieben langen Tag. Er sieht die soziale Misere der Stadt, sieht die Arbeiterschicht („Die Fabrik, die gierig und zäh auch die Hinterhäuser der Stadtmitte anfraß, ließ ihre lebendigen Maschinen auf eine Viertelstunde hinaus.“), hört den Lärm der Großstadt: „Die große Straße schoß unaufhörlich Raketen des Lärms vorbei.“ Man erfährt nicht viel über diesen Herr Eckenpenn, außer Kleinigkeiten über seine Herkunft: „Er war als junger Mensch aus den Meilern und den gedrängten, schweigenden Wäldern des schlesischen Gebirgs in die große Stadt gekommen.“

„Ich habe alle fünfzehn Parteien angekreuzt, sie wollen alle leben…“

„Berlin“ arbeitet mit den klassischen Motiven der Großstadtliteratur, die die Metropole abwechselnd als Organismus („Die gekreuzten Schienenpaare eines Rangierbahnhofes lagen bleich da – die Nervengeflechte der großen Stadt.“) und dann wieder als Maschine zeigen. Die Verstädterung wird als allumfassendes Phänomen verstanden, das – auch wiederum typisch – sehr Georg Heymisch beschrieben wird: „Es gibt nicht mehr Landgötter, nur Stadtgötter gibt es […]“ Der raumgreifenden Wirkung der Stadt entflieht Eckenpenn zwar immer mal wieder durch Ausflüge in die Peripherie, doch am Ende steht die Erkenntnis, dass eine Poetik der Moderne sich nicht in Stadteuphorie oder aber Naturverklärung begnügen darf, sondern das Stadtleben als die bestimmende Existenzform der Moderne in eine allumfassende Ästhetik übersetzen muss: „Die große Stadt ist ein Symbol der Erde und aller Geschöpfe des Kosmos, die aus Nebel und Glut einmal auf die Zeit einer Minute in der Weltenuhr Blüte und Leben werden müssen.“

Meine Türme sind Berge, meine rauchenden Schlote Schroffen, meine Häusersaat ist ein Roggenfeld voll eitler Spreu und nährender Gedanken  – und mehr als du!

Gleichwohl hat der Autor Paul Gurk in eher programmatischen Schriften ein dezidiertes Gegenprogramm zu einem der Megatrends, das Aufgehen des Einzelnen in der Masse, gefordert: „Er ist der Ansicht, daß die Rettung aus verwirrter Gegenwart in klarere Zukunft nur wieder im Appell an das Ich, durch Zurückgehn auf Individualisten wie Stirner und Nietzsche zu finden sei […]“ Herr Eckenpenn ist sowas wie das literarische Exempel dieses „Apells an das Ich“, der als Singularität, jedem Milieu enthoben und keiner modernen Existenzweise gleichend in der Mitte der Stadt steht und einfach beobachtet.

Ist Paul Gurks „Berlin“ zu recht vergessen? Sicher nicht – auch wenn sich die Herausgeber gegen den ewigen Vergleich mit Döblin und co. wehren, bestätigt die Lektüre zwar den Eindruck, es hier nicht mit der Spitze einer Epoche zu tun zu haben, dennoch liest man „Berlin“ mit Gewinn. Denn bei Paul Gurk ist alles schon da, vor allem das Gefühl der Überforderung als die prägende Erfahrung der Moderne: „Nie würde er den gleichen Pulsschlag haben können wie die neue Zeit!“ Was der Figur Eckenpenn vielleicht nicht gelingt, meistert Paul Gurk: den gleichen Pulsschlag seiner Zeit zu haben.