Peter Stamms „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“: Alles auf Anfang

Peter Stamm bezeichnet sich selbst als einen stillen Autor. Das hat ihm, wie die Lüscher-Stamm-Bärfuss-Debatte gezeigt hat, Kritik eingebracht, aber eigentlich hat es ihm mehr genützt. Er gilt heute als einer der begnadetsten Schweizer Autoren, der im Gegensatz zu Lüscher und Bärfuss als ein Meister der Reduktion gilt. Peter Stamms Bücher durchgeistert immer ein leichter Hauch philosophischer Rotweinseligkeit. Statt ins kalte Herz des Silicon Valleys zu schauen, wie Lüscher, oder gar die Fundamente der westlichen Zivilisation in Frage zu stellen, wie Bärfuss, stellt Stamm in seinen Texten die großen Fragen nach den Möglichkeiten der Liebe, zweiten Chancen, Sinnhaftigkeiten von Existenzen und den Bedingungen eines glücklichen Lebens. So auch in „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“, das jedoch nicht mehr ist als ein Zwischentext.

Stamms neuster Roman ist ein Verdopplungsspiel. Der Ich-Erzähler Christoph, ein in die Jahre gekommener Schriftsteller, erkennt sich in einem Alter Ego, das wiederum von einer Frau, Lena, umgeben ist, in der der Schriftsteller eine alte Liebe wiedererkennt. Lenas jüngerer Freund ist ebenfalls Schriftsteller und steht gerade an der Schwelle, er schreibt seinen ersten Roman, die Christoph längst überschritten hat. Ein Übermaß an Identifikation bringt Christoph schließlich dazu, sich mit Lena zu verabreden und mir ihr durch die Nacht zu schwirren. Der Gedanke, der ihn dabei leitet, ist die Frage danach, was er mit seinem Wissensüberschuss anfangen kann: Wenn er doch weiß, wie das Leben von Lena verlaufen wird, weil es seinem eigenen Leben so sehr ähnelt, gibt es die Möglichkeit, das zukünftige Leben zu beeinflussen?

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen.

Viel mehr lässt sich über die äußere Handlung auch gar nicht sagen. Denn „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ ist kein Handlungsreigen, sondern eine stille Reflexion – auf zwei Ebenen. Auf einer ersten Ebene steht die Frage nach der Zwangsläufigkeit von Lebenswegen und wie determiniert wir auf den Schienen fahren, die möglicherweise das Leben bedeuten. Die zweite Ebene betrifft in einer Form der Selbstreflexion das Schreiben selbst. Doppelgänger in der Literatur sind immer oder zumindest sehr häufiger ein beliebter Kniff, um Vorgang des Schreibens auch auf die Handlungsebene zu transportieren, denn was ist das Entwerfen von Figuren und literarischen Orten anderes als die Verdopplung der Welt? Die Frage, die der Roman daher aufwirft, bestünde demnach darin, ob die Literatur, in ihrer Möglichkeit, Lebensverläufe theoretisch durchzuexerzieren, Weisheit verleihen kann.

Ich bin Schriftsteller, sagte ich, oder besser, ich war Schriftsteller.

In diesem Sinne kommt man gar nicht darum herum, Stamms neusten Roman als autoreferenzielle Selbstbespiegelung zu lesen, in der ein Autor einen Autor dabei zeigt, wie er sich Gedanken über die Existenz als Autor macht: „Ich habe mein Leben nicht ruiniert, sagte ich, ich habe mich für die Literatur entschieden und habe dafür Opfer gebracht. Und?, fragte Lena, hat es sich gelohnt?“ In Sinne eines Thomas Bernhardschen Gedankengangs wird dieser Frage in ständiger Bewegung nachgegangen. Interessant wird es eigentlich nur immer dann, wenn an Lenas Reaktionen auf Christoph die ganze Anmaßung deutlich wird, die in der emotionalen Übergriffigkeit des Ich-Erzählers liegt: „Sie haben Ihr Leben und ich habe meines. Und ich habe absolut nicht die Absicht, mir meines von Ihnen erzählen zu lassen.“ Denn schließlich interessiert er sich nicht für sie als Person, sondern nur für sie als Folie einer Vergangenheit, die er noch einmal durchspielen wird.

Ich hasse es, Wege zurückzugehen.

Das ist dann aber auch leider die einzig gute Pointe, in einem sonst etwas lustlos wirkenden Text, der halt mal so abfällt, wenn ein routinierter Schriftsteller wie Peter Stamm die Tastatur ansetzt. Weil Peter Stamms Texte sich gegen fast jede Form von Konkretion wehren und gerne um die großen Fragen rotieren, laufen sie immer Gefahr, etwas sehr wolkig daherzukommen: „In Wirklichkeit gibt es kein Ende außer den Tod.“ Es sind solche Sätze, die als Tiger springen, nur um als Bettvorleger zu landen, weil sie gedankliche Scheinriesen sind. Peter Stamms „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ ist eine missglückte Fingerübung eines Autors, der es viel besser kann.


Wir danken S. Fischer für das Rezensionsexemplar.

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