Peter Suhrkamp/Annemarie Seidel: Der schlichte Ostfriese

Suhrkamp-Briefwechsel

Der Begriff „Suhrkamp“ hat eine merkwürdige Unverhältnismäßigkeit produziert: Wer heute „Suhrkamp“ sagt, denkt zunächst „Unseld“. Das mag daran liegen, dass Siegfried Unseld in einer neuentstandenen Medienumwelt es besonders verstand, sich in Szene zu setzen oder aber, dass der Verlag erst unter seiner Regentschaft zu einer Kulturinstitution von Weltruhm geworden ist. Logischer wäre freilich bei Suhrkamp zunächst an Suhrkamp zu denken, an eben Peter Suhrkamp, Gründer des Verlags. Als Leiter des in Deutschland verbliebenen Teil des S. Fischer-Verlags – nachdem Bermann Fischer aufgrund der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten ins Exil gehen musste – baute er seine Hausmacht aus, die er schließlich ausspielte, als nach dem Krieg zwischen Suhrkamp und Fischer Lizenz-Streitigkeiten ausbrachen. Mit Brecht und Hesse hatte Peter Suhrkamp ein echtes Pfund für den Start gewinnen können; die zwei Autoren ebneten den Weg für eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte. Trotz des allzu hell strahlenden Unseld-Sterns möchte das Berliner Verlagshaus das Andenken Suhrkamps hochhalten. Wie mit dem nun erschienen Briefwechsel zwischen ihm und seiner Frau Annemarie Seidel.

Annemarie Seidel war nicht Peter Suhrkamps erste Ehefrau und Suhrkamp nicht ihr erster Ehemann. Als sich beide 1935 schließlich entscheiden sollten zu heiraten, hatten beide schon ein bis zwei Leben gelebt. Er war Lehrer, Herausgeber und hatte den Ersten Weltkrieg als Traumatisierter hinter sich gelassen. Sie war als Schauspielerin erfolgreich und bereits von Krankheit gezeichnet. Als Verlebte waren sie geschaffen füreinander, dennoch sollte ihre Beziehung wechselhaft bleiben und resigniert enden. Von 1935 bis 1959 erstreckt sich die hier versammelte Konversation, wobei der Begriff „Briefwechsel“ trügerisch ist: Von Annemarie Seidel sind nur wenige Briefe erhalten, sie beschränken sich fast ausschließlich auf das Jahr 1944, so fehlt Suhrkamp hier häufig der kommunikative Sparring-Partner. Ihr Halbgespräch durchschreitet Schicksalsjahre, historisch, privat und unternehmerisch. In diese Jahre fällt der Zweite Weltkrieg und die Shoah, der verzweifelte Überlebenskampf des Fischer-Restbestandes in Deutschland, die Internierung Suhrkamps in verschiedenen Gefängnissen und Lagern der Nationalsozialisten, Krankengeschichten für zehn Menschen und die immer wieder sich vollziehenden Annäherungen und Trennungen beider.

Wenn wir uns zu Grunde richten müssen, dann wollen wir es zusammen tun.

Da hier zumeist Peter Suhrkamp spricht und der Briefband zu seinem 125. Geburtstag erschienen ist, steht Suhrkamp auch im Zentrum der Publikation. Über seine Äußerungen lässt sich die Stimmung rekonstruieren, in der die deutsche Gesellschaft in den Zweiten Weltkrieg marschierte. Suhrkamp erstes, hier verbürgtes Erweckungserlebnis war Olympia. Wenn der Verleger das rausgeputzte Berlin mit seinen Hakenkreuz-geschmückten Prachtstraßen beschreibt, dann löst das ambivalente Gefühle aus. Einer gewissen Wirkung kann sich Suhrkamp nicht verwehren, gleichzeitig wird da ein Gefühl offenbar, dass der hier vorgeführte Größenwahn sich nicht nur auf sportliche Ereignisse beschränkt. Nervöser wird er, wenn Leute in seinem Umfeld anfangen, in politische Schwierigkeiten zu kommen, auch wenn er sich mit einigen solidarisch zeigt, wie mit Brecht, dem er auf der Flucht behilflich ist. 1937 hat Suhrkamp eine Vorahnung, dass die innenpolitische Repressalien sich nach außen wenden sollten: „Mein erstes Gefühl war: das ist der Krieg.“

Vorläufig bin ich noch von allem hier wie durch ein Glas distanziert. Es hat noch nichts seine wuchtige Realität.

Die Briefe Suhrkamps werfen aber auch ein Blick auf Verlegertum im Ausnahmezustand. In den Anfangsjahren ist noch viel Raum fürs Manuskripte-Durchackern, Autoren treffen, Überlegungen zu Anthologien anstellen. Mit fortschreitendem Krieg verändern sich die Bedingungen zum schlechteren: der Rohstoff, auf dem alle Verlegerträume gebaut sind – das Papier – wurde knapp, die Kriegswirtschaft war nicht darauf ausgelegt, das Volk mit anspruchsvoller Belletristik zu versorgen. Schließlich traf es Suhrkamp selbst: Die Gestapo verdächtigte ihn, in subversive Kreise verstrickt zu sein. Er wird ins KZ Sachsenhausen und ins Gestapo-Gefängnis in der Lehrter Straße in Berlin gesperrt, aus dessen Haft er erst kurz vor Kriegsende freikommt. Nach der Gründung des gleichnamigen Verlags knüpft Peter Suhrkamp Kontakte zu Autoren wie Max Frisch und gibt sich dabei als Scharnier zweier Generationen zu erkennen: So wie er vor dem Krieg ganz selbstverständlich mit Carl Zuckmayer oder Gerhart Hauptmann verkehrte, kümmert er sich nach dem Krieg um die jungen Wilden der damaligen Zeit. Doch trotz seines immer noch scharfgestellten kaufmännischen Geschicks wird ihm die neue Literatur fremdbleiben: „Zwischendrin las ich Tolstojs ‚Krieg und Frieden‘, um mir das Muster eines großen echten Romans wieder zu vergegenwärtigen. Wenn die jüngeren Schriftsteller von heute sich das doch einmal ansehen möchte!“

Aber lassen wir sie und ihre Weltgeschichte ruhig, Mirl, und bauen wir unsern Kohl und machen uns unsere eigenen Sorgen.

Am 25.4.1944 schiebt sich der erste Brief von Annemarie „Mirl“ Seidel dazwischen und aus einem fremdgerichteten Selbstgespräch wird eine richtige Konversation. Doch das Gespräch wird von den Augen des Zensors gestört: In der Haft muss Suhrkamp jeden seiner Briefe vorher der Zensur vorlegen, genauso wie jeder eingehende Brief zuvor geprüft wird. Das reduziert auf der einen Seite die möglichen Gesprächsthemen, auf der anderen Seite fordert es eine sprachliche Subtilität heraus, die dem Zensor möglicherweise heikle Gesprächsthemen entgehen lassen soll. So finden sich plötzlich mehrere Adressaten gleichzeitig in einem Brief: der offensichtlich Angesprochene und der Zensor, an den Mirls Lobeshymnen auf Suhrkamps deutschen Patriotismus gerichtet sind. Es ist dieses Haftjahr, auch wenn das eine zynische Pointe ist, das die spannendste Kommunikationssituation ausstellt und das Peter Suhrkamp zu den schärfsten Selbstreflexionen zwingt.

Es ist die schwerste Geduldsprobe für einen so tätigen und selbstständigen Menschen wie Dich, andere für sich handeln zu lassen, wie jetzt im Verlag.

Denn nun ist der emsige, von protestantischem Arbeitseifer beseelte Verleger stillgelegt. Zwar wird ihm schon bald Lektüre erlaubt und auch zum Verfassen eigener Texte kommt er, doch aus dem Kontext der Verlagsarbeit herausgelöst, verliert er den Glauben an einen von Beschwerden inspirierten Sinn: „Das Erdrückende an diesen Zuständen ist das Unausgesetzte, Pausenlose und die völlige Ziellosigkeit; daß das der Alltag ist. Für gewöhnlich sind Strapazen eine Auszeichnung, und sie haben ein Ende, und am Ende sind sie meist ein Erfolg, der gefeiert wird, unter Umständen erringt man mit ihnen sogar Größe.“ Diese Passage erhellt den Blick auf das, was Max Weber als die protestantische Ethik beschreiben würde. Nicht etwa das erduldete Leid wird beklagt, sondern dass das Leid nicht zielgerichtet ist. Der Arbeitsmensch Suhrkamp verzweifelt an der Absenz der Arbeit, erträgt die Haft selbst aber mit einer stoischen Gelassenheit, die höchstens von den regelmäßigen Klagen über seinen Gesundheitszustand unterbrochen wird, zu denen er aber auch vor und nach der Haft neigt.

In eine Gebrauchssprache übersetzt, wäre der Text auch ein fortgesetztes: ich liebe Dich …

In einem Brief Annemarie Seidels an Hanns Johst – ein Jugendfreund Suhrkamps, der als Dichter im Dritten Reich zum Vorsitzenden der Reichschrifttumskammer aufstieg und dessen literarische Karriere nach dem Krieg als „Odemar Oderich“ in der Edeka-Kundenzeitschrift „Die kluge Hausfrau“ endete – setzte sich Suhrkamps Ehefrau für den Inhaftierten ein und erflehte seine Freilassung. Um den Nazi-Oberschriftsteller von seiner Unschuld zu überzeugen, hob Seidel hervor, wie gänzlich ungeeignet Suhrkamp für subversive Umtriebe wäre und hat damit mehr gesagt, als sie vielleicht wollte: „Er ist langsam und stetig in seinem Denken und in seinem Kristallisierungsprozeß, sonst wäre er ja kein Ostfriese und noch dazu vom Lande.“ Peter Suhrkamp als ein langsam denkender Bauerntrampel – sie übertreibt freilich, dennoch sind die Zuschreibungen nicht ganz falsch und das ist ein Problem für den Gegenwartsleser dieser Briefe.

Als historisches Artefakt hat dieser Briefwechsel ganz unbestritten seinen Wert. An ihm lassen sich, zumindest in Ansätzen, wichtige Entwicklungen des Verlagswesens und natürlich ganz besonders des Suhrkamp-Verlags rekonstruieren und das, was außen vorbleibt, liefert der vorbildliche Kommentar nach. Doch spätestens seit Thomas Bernhards Briefkanonade an Siegfried Unseld ist klar: Briefkonversationen sind eine literarische Gattung, die von ganz bedeutender Qualität und unglaublichen Unterhaltungspotential gekennzeichnet sein können. Davon kann hier keine Rede sein. Peter Suhrkamp war, trotz aller literarischen Versuche, in der Hauptsache Verleger und Kaufmann und diese Rolle hat er wohl wie kaum ein zweiter in Deutschland ausgefüllt. Doch die friesische Spröde, mit der er sich seitenlang über Speiseabfolgen, Spaziergänge oder den Arbeitsalltag ergehen kann, macht die Lektüre häufig zu einer bleiernen Angelegenheit, zumal er dabei nicht die neurotische Überreiztheit eines Thomas Manns besitzt. Mit akribischer Genauigkeit hält er vor allem meteorologische Phänomene fest: „Draußen war Glatteis, als ich ging. Die Temperatur war von -13° früh auf -3° gestiegen und der Schneesturm von gestern in Nieselwetter übergegangen. Zu Hause fand ich zum Abendessen Forelle.“

Geliebte Mirl – der Tag ist heute mit Manuskriptlesen hingegangen, so daß ich jetzt ganz rammdösig davon bin.

Wenn Peter Suhrkamp ein Gedanke kommt, dann führt er ihn nicht aus, sondern ist „philosophisch gelaunt“ und lässt den Leser unbefriedigt zurück. Vermutlich ist der geeignetste Rezipientenkreis dieses Briefwechsels der Verlag selbst, schließlich ist der Suhrkamp Verlag mit Projekten wie der Unseld Chronik besonders erpicht, die eigene Historie festzuhalten und das ist sein gutes Recht. Mit diesem Briefwechsel werden wichtige Ereignisse nachgetragen, auch wenn über manches auch bedauerliches Schweigen gelegt wird. Der handelsübliche Leser muss sich jedoch über manche literarische Wüste hinwegretten, in der das Reflexionslevel schon mal solche Niederungen erreicht: „Am Abend ist dann eben Abend.“


Wir danken dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

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