Petra Morsbachs „Justizpalast“: Vom Palast zerkaut

Mit ein bisschen, ein bisschen sehr viel Fantasie ergibt sich eine gewisse Ähnlichkeit: Zwischen dem Treppenhaus des Münchner Justizpalasts und der Wiener Strudlhofstiege. Treppen und Stufen gibt es in der Literatur natürlich viele, aber die Strudlhofstiege ist sicherlich der bekannteste literarische Treppenaufgang. In Doderers Roman wird die verwinkelte, nicht gradlinige Wegführung der Stiege zum Symbol für die Erzählstruktur. Ähnliches ließe sich auch über das Treppenhaus des Justizpalasts sagen, der sich im großen Foyer auffächert. Wer hier von A nach B möchte, geht niemals den direkten Weg. So auch Petra Morsbach in ihrem gleichnamigen Roman, in dem das Leben einer Richterin aus vielen Blickwinkeln und Zeitebenen erzählt wird. Doch ganz gleich, was auch erzählt wird, am Ende zielt der Roman immer ins Herz der Justiz.

Petra Morsbach schreibt Romane, in denen sie literarische Feldstudien betreibt. Schon in früheren Werken, wie dem  „Opernroman“, hat sie sich bestimmte kulturelle und gesellschaftliche Räume vorgenommen, und diese von allen Seiten ausgeleuchtet. Für „Justizpalast“ hat sie zehn Jahre gebraucht, etliche Gespräche mit Juristen geführt – immer von der Frage geleitet, was einen juristischer Ort und was einen juristischer Mensch ausmacht. Literatur wird in dem Moment daraus, wenn Morsbach ihre zehnjährigen Rechercheergebnisse nicht einfach nur darstellt, sondern in das Leben ihrer Protagonistin Thirza Zorniger (ein gleich doppelt sprechender Name) hineinlegt. Morsbach fächert Thirzas Leben wie das Treppenhaus des Justizpalasts auf, chronologisch ist der Roman gebrochen. Nur am Anfang, da steht ein kleines Mädchen mit dem Traum Richterin zu werden – wie andere vor ihr auch schon: „Schon Thirzas Mutter wäre gern Richterin geworden. Doch dann kam Carlos Zorniger dazwischen.“

„Ich will Richterin werden.“
„Das ist in dieser Familie schon einmal auf tragische Weise missglückt.“

Die Justiz ist ein von Rhetorik getragenes System. Der rechtliche Rahmen, in der sich eine Gesellschaft bewegen darf, muss sprachlich gefasst werden und der Gerichtsprozess, in dem dieses Recht jeden Tag bestätigt wird, ist nicht nur, aber auch ein Wettbewerb der überzeugenderen Rhetorik. So überrascht es nicht, dass die Entwicklung Thirzas zu einem juristischen Menschen zunächst über die Sprache markiert wird. Ihre Kindheit ist geprägt von juristischer Rhetorik, schon alleine wenn es darum geht, sie zu maßregeln: „‘Spiel dich nicht so auf, kleine Verleumderin, es geht hier nicht um dich.‘“ Gleichzeitig wächst sie im München der Nachkriegszeit auf und die Justiz hat sich selbst ein schlechtes Zeugnis während der nationalsozialistischen Ära ausgestellt. Das Recht war nicht auf der Seite der Entrechteten, sondern hat die Entrechtung juristisch legitimiert. Ein ganzer Berufsstand war desavouiert, doch auch diese Aufarbeitung wurde schließlich dem Wunsch nach Normalität untergeordnet.

Ja, in der Justiz wird viel geredet Justiz besteht aus Sprache, genau gesagt.

Für Thirza Zorniger ist der Weg in die Justiz daher nicht nur persönliche, sondern auch feministische und gesellschaftliche Mission. Dafür gilt es jedoch zunächst eine Kultur der weiblichen Zurückhaltung zu besiegen: „Eigentlich wollte sie genau diese Ohnmacht besiegen: die Ohnmacht der Frauen, die ihren Verzicht auf Wort und Recht als Rücksicht auf den zerbrechlichen Männerstolz ausgaben und nicht merkten, wie ihnen darüber der Respekt der zerbrechlichen Stolzen abhandenkam.“ „Justizpalast“ beschreibt sehr eindringlich, was es heißt, eine Frau in männlich dominierten Strukturen zu sein, doch das ist längst nicht das alleinige Anliegen dieses Romans. Vielmehr besteht die Programmatik darin, die Justiz einem 360°-Blick zu unterziehen.

Thirza wurde Richterin am Landgericht München I. im Justizpalast.

Warum sich dafür gerade die Literatur eignet, liegt nicht nur in ihrer Verwandtschaft zur Justiz, die sich über Sprache transportiert. Jurist zu sein, bedeutet auch immer Geschichten zu lesen, zu erzählen und zu deuten: „Es war spannend, wenn Akten Gesichter bekamen.“ Der Roman schildert viele Einzelfälle, die im Roman die Funktion von kleinen Mininarrationen und –portraits übernehmen. So stellt „Justizpalast“ eine ganze Reihe von Charakteren vor, die jedoch nur im Kontext ihrer Fälle eine Rolle spielen. Morsbach stellt das Justizsystem damit als etwas vor, das mit der Literatur das Interesse für Einzelschicksale und der gleichzeitigen Distanz zu ihnen teilt. Das Gericht produziert in Form von Akten und Fallstudien die ganze Zeit kleine Miniprosa.

„Wieso ist der Mandant dein Feind?“
„Der Mandant hat seine eigene Wahrnehmung.“

Dahinter steht ein Roman, der seinerseits wiederum mit seinem eigenen Figurenpersonal hantiert. Thirzas Weg durch die hierarchischen Stufen des Justizpalasts wird als einer von Erfolgen, Verrat, Demütigung und Verlust geprägter gezeigt. Sie verwirft sich mit Vorgesetzten, freundet sich mit Kollegen an, muss persönliche Schicksalsschläge überwinden. Eine der Grundfragen, die „Justizpalast“ dabei leitet, ist die uralte Frage danach, wie das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit ist und ob es auch eine private Gerechtigkeit gibt. Immer da, wo das Recht am Werk ist, produziert es diejenigen, die auf ihr Recht auf Gerechtigkeit pochen, Mini-Michael Kohlhaases: „‘Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker! Wenn ich weiß, dass ich recht habe, weiche ich um keinen Millimeter! Ich gehe bis zum Bundesgerichtshof! Und wenn es sein muss, zum Bundesverfassungsgericht!‘“

Das Ungeheuerliche ist die Norm.

Wenn „Justizpalast“ eine Aufsteigergeschichte ist, dann zeigt der Roman gleichzeitig auch immer den unweigerlichen Abstieg – wiederum ganz im Sinne des großen Treppenhauses. Denn so sehr wie der Roman einen idealistischen Glauben daran bewahrt, dass einzelne Institutionen verändern können, so sehr insistiert er auch auf die persönliche Deformierung durch Institutionen: „‘Wissen Sie, der Palast hat Sie zerkaut.‘“ Freilich, eine Erkenntnis, die sich nicht nur auf das Justizwesen übertragen lässt.

Die größte Kunst von „Justizpalast“ ist es vielleicht, intellektuelle Freude für Juristen wie Nicht-Juristen bereitzuhalten. Denn Morsbach denkt die Justiz nicht aus dem Inneren, aber sie kennt sie durch ihre Recherchen aus dem Inneren. Dadurch ist ein Panorama entstanden, das sich aus der reinen Anekdotenhaftigkeit emanzipiert und klare Gedanken dazu anbietet, was es heißt, sich im juristischen Raum zu bewegen. An einer Stelle des Romans heißt es: „Immerzu urteilst du über alle, doch keiner urteilt über dich. Kannst du da normal bleiben?“ „Justizpalast“ ist in seiner Hellsichtigkeit zumindest ein guter Wegweiser.


Wir danken Knaus für das Rezensionsexemplar.