Philip Roths & Ewan McGregors „American Pastoral“: Die naive Nation

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Philip Roths „American Pastoral“ gehört zu den bedeutenden Klassikern der modernen amerikanischen Literatur. Wie bei jedem Klassiker gibt es auf der einen Seite die Sehnsucht nach einer Verfilmung und auf der anderen Seite die Behauptung der Unverfilmbarkeit. Nun hat es Ewan McGregor gewagt und scheint damit – wie der Großteil der Kritiken glauben machen will – auf die Nase gefallen zu sein. Dabei stand die Produktion von Beginn an unter keinem guten Stern. Kurz vor den Dreharbeiten sprang der eigentlich vorgesehene Regisseur ab, womit McGregor in die Situation kam, sich bei seinem Regiedebut gleich mit Philip Roth zu messen. Tatsächlich ist die Verfilmung allenfalls Anlass, den Roth-Text noch einmal aufzuschlagen; das ist dann aber in jedem Fall ein Ereignis.

In Sachen Plot wagt der Film keine Experimente und folgt dem Roman weitestgehend. Erzählt wird die Geschichte von Seymour ‚The Swede‘ Levov, einem ehemalig bejubelten High School-Basketballspieler, der am Zweiten Weltkrieg so gerade vorbeigeschrammt ist und in der materialistischen Wohlstandsgesellschaft der Nachkriegszeit in Newark, New Jersey wohnt. Mit seiner Frau Dawn Levov, Katholikin und Gewinnerin von einigen Schönheitswettbewerben, und Tochter Merry lebt er ein bürgerliches und erfülltes Leben, Swede übernimmt die Handschuhfabrik des Vaters. Dass in diesem Idyll etwas nicht stimmt, kündigt das Stottern von Tochter Merry leise an, doch die Welt der Levovs wird endgültig auf den Kopf gestellt, als Merry nach einer längeren Geschichte der Radikalisierung in Zeiten des Vietnamkriegs und der Bürgerrechtsbewegungen die örtliche Poststation in die Luft sprengt und dabei ein Mann zu Tode kommt.

He was a very nice, simple, stoical guy. Not a humorous guy. Not a passionate guy. Just a sweetheart whose fate it was to get himself fucked over by some real crazies.

Roth schildert in seinem Roman die Geschichte Amerikas als die Geschichte der Levovs, die Geschichte eines naiven Landes, das – und hier spitzt er natürlich zu – relativ unbeschadet aus dem Zweiten Weltkrieg gekommen war und sich in der ideologiefreien Nachkriegsideologie des Konsums eingerichtet hat: „The goal was to have goals, the aim to have aims.“ Dieser himmlische Zustand der Unbedarftheit hat die USA nicht darauf vorbereitet, welchen Verwerfungen sie sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgesetzt sehen sollte: „Who is set up for tragedy and the incomprehensibility of suffering? Nobody. The tragedy of the man not set up for tragedy – that is every man’s tragedy.“ Mit den Bildern aus dem Vietnamkrieg und der polarisierten Stimmung innerhalb den USA war die amerikanische Öffentlichkeit mit einem bislang unbekannten Gewaltpotential konfrontiert. Tochter Merry ist ein Kind dieser Zeit. Dabei geht es bei Roth um eine wichtige Pointe: Sie ist nicht Teil der Unterdrückten, sondern Teil der Profiteure und diese Spannung treibt sie in das radikale Mileu: „My stupid, stupid Merry dear, stupider even than your stupid father, not even blowing up buildings helps.“ Figuren wie Merry kennt die deutsche Geschichte auch, auch viele der RAF-Terroristen kamen aus gutem Hause.

(c) TOBIS Film GmbH

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Why must she always be enslaving herself to the handiest emptyheaded idea?

Einer der größten Unterschiede zwischen Roman und Verfilmung liegt wohl in der Seymour Levov-Figur. Swede zeichnet sich dadurch aus, dass er so gar nicht dem jüdischen Klischee entspricht: „Of the few fair-complexioned Jewish students in our preponderantly Jewish public high school, none possessed anything remotely like the steep-jawed, insentient Viking mask of this blue-eyed blond born into our tribe as Seymour Irving Levov.“ Seymour ist in „American Pastoral“ ein klassisches Idol des frühen 20. Jahrhunderts in den USA – unpolitisch, gutaussehend, Sportler. Bei Roth sind die Wände der Kneipen, Restaurants und Bars von New Jersey voll von Bildern solcher Idole. Das Artifizielle von Seymour wird in beiden Versionen deutlich, anders sind jedoch die Schlüsse, die daraus gezogen werden. Im Roman ist die Tragik, die die Familie der Levovs befallen soll, in Seymour bereits angelegt:  „He’s all about being looked at. He always was. He is not faking all this virginity. You’re craving depths that don’t exist. This guy is the embodiment of nothing.“ Seymour steht für nichts, stellt nichts dar und kann deswegen den radikalen Umtrieben der Tochter auch nichts entgegensetzen. Sein Wahlspruch „Basketball was never like this“ drückt das ganze Unverständnis darüber aus.

„No, you didn’t make the war. You made the angriest kid in America. Ever since she was a kid, every word she spoke was a bomb.“

In Ewan McGregors Film wird Seymour zu einer Figur der Mitte umgedeutet. Der ideologischen Weltsicht der Tochter setzt Swede ein ethisch-moralisches Menschenbild entgegen, das an das Gewissen seiner Mitmenschen appelliert. Zwar wirkt Seymour auch im Film naiv, aber es ist die Naivität eines Vaters, der seine Tochter liebt. Während im Roman Merry die dialektische Konsequenz ihres Vaters darstellt, ist im Film der Vater das Gegenprogramm. So ein Appell für die Mitte mag in Zeiten der Trump nicht mal unsympathisch sein und zeitdiagnostisch interessant, allerdings verflacht es auch das dialektische Geschichtsbild des Roth-Roman zu einer einfachen Opposition.

Swede Levov’s life, for all I knew, had been most simple and most ordinary and therefore just great, right in the American grain.

Was „American Pastoral“ als Film abgeht ist vor allem die starke Erzählerstimme, die den Roman trägt und die McGregor auf der Leinwand nicht in eindrucksvolle Bilder umzusetzen vermag. Roths mal lakonischer, mal wütender, mal ironischer Ton findet keine Entsprechung im Film. Die wenigen Eingriffe und Auslassungen, die McGregor vornimmt, machen für die Dramaturgie des Films zwar durchaus Sinn, es geht dabei jedoch einiges an Atmosphäre verloren, die der Roman versucht von New Jersey und bestimmten Milieus zu evozieren. Gehört „American Pastoral“ damit zu den Unverfilmbaren? Vermutlich nicht, doch der Regiedebütant McGregor hat sich daran leider verhoben.


Beitragsbild: (c) TOBIS Film GmbH

4 Kommentare

  1. Super Beitrag. Ich bin gespannt den Film zu sehen und muss gestehen, dass ich das Buch noch nicht gelesen habe. Allerdings habe ich Roths Plot Against America, The Counterlife und The Human Stain gelesen. Wie es scheint nimmt sich der Autor gerne die amerikanische Geschichte vor. Was mich noch interessieren würde (falls Zeit ist das zu beantworten): außer der Tochter, gibt es noch mehr zentrale weibliche Figuren? Und aus welcher Perspektive ist die Geschichte erzählt? Ist es eine Ich-Erzählung oder in der dritten Person geschrieben?

    • Danke dir! Ich denke, wenn du den Film gesehen hast, wirst du Lust bekommen, danach direkt den Roman zu lesen, weil man das Potential des Stoffs immer wieder aufscheinen sieht. Und ja, amerikanische Geschichte ist der wichtige Themenkomplex in „American Pastoral“, aber man könnte auch andere finden, z.B. das Judentum in den USA etc. Aber ich glaube, im Hinblick auf das Selbstbild Amerikas kann man Film und Roman am besten miteinander vergleichen.

      Zu den weiblichen Figuren: sicherlich ist Dawn Levov, Merrys Mutter, ebenso zentral für „American Pastoral“. Sie ist im wortwörtlichen Sinne (sie lässt sich, als Trauerbewältigung im Angesicht der abtrünnigen Tochter, faceliften) das restaurative Element innerhalb dieser Dreierkonstellation – ein Versuch das (geschichtliche) Rad noch mal zurückzudrehen und die guten, alten Zeiten wiederaufleben zu lassen. Aber mir schien die Dynamik zwischen Swede/Merry am anschaulichsten, um in diesem kurzen Rahmen über Film und Roman zu sprechen.

      Und zur Erzählsituation: der Roman ist abwechselnd aus der Perspektive Swedes Bruder Jerry Levov und dessen ehemaligen Schulkollegen und Schriftsteller Nathan Zuckerman (der im Film, eine etwas uninspirierte Idee, von einem Schauspieler verkörpert wird, der verblüffende Ähnlichkeit zu Philip Roth besitzt) geschildert. Also ja, eine personale Erzählsituation.

      Liebe Grüße

      Gerrit

      • Oh, vielen Dank für die ausführliche und aufschlussreiche Antwort. Den Film werde ich mir sicherlich anschauen.

        Das Buch klingt ähnlich wie die anderen, die ich bereits gelesen habe. Roth ist ein großartiger Schriftsteller, besonders im Bezug auf seinen Stil. Auch als jüdisch-amerikanische Literatur (wie du auch erwähnt hast) sind seine Romane mir besonders ans Herz gewachsen. Was mich jedoch hin und wieder als weibliche Leserin stört ist, dass er meist seinen männlichen Charakteren die erzählende Stimme überlässt, was du im Falle American Pastorals hier auch wieder bestätigst. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich seine Werke deshalb grundsätzlich ablehne, aber ich finde die Dominanz der männlichen Perspektive oft auffällig und manchmal wünsche ich mir ein Gegengewicht zu den teilweise misogynen Elementen seiner Erzählungen (die ich natürlich nur aus den von mir gelesenen Büchern ableite). Vielleicht bist du da anderer Meinung? Oder kannst meinen Verdacht bezüglich American Pastorals komplett entkräften?

        Nathan Zuckerman, wird übrigens häufig als Roths alter ego gelesen und er spielt unter anderem in The Counterlife eine große Rolle, vielleicht kam daher die Idee im Film?

        Vielen Dank nochmal für Rezension und Antwort :)

        • Ich teile im Grunde deine Bedenken, obwohl du dich besser bei Roth auskennst als ich, deswegen bleibe ich mal bei „American Pastoral“. Insgesamt muss man sagen, dass auch die anderen weiblichen Figuren außerhalb dieser Familienkonstellation (Rita, eine Mitterroristin von Merry, sowie ihre Therapeutin) alle schlecht wegkommen. Ich weiß auch nicht, ob man Roth von diesem Verdacht der Übertbetonung männlicher Perspektiven retten kann.
          Wenn man es trotzdem versuchen möchte, könnte man vielleicht einwenden, dass Roth keine männliche (oder hegemoniale) Perspektive einnehmen möchte, sondern erst mal darstellt, dass es sie gibt (und in seinem historischen Setting allemal) und welche Auswirkungen das hat. An einer Stelle sagt Swedes Mutter zu seinem Vater: „Maybe, dear, you’re monopolizing the conversation.“ Vielleicht geht es darum – zu zeigen, wer den Diskurs bestimmt und wer darin nicht vorkommt oder eben nur als klischiertes Abziehbild. Ich weiß aber nicht, ob das einer genaueren Betrachtung standhält. Mit der Flucht auf die Metaebene macht man es sich vielleicht auch zu leicht. Könnte man vielleicht ähnliches in anderen Roth-Texten beobachten?

          Das mit dem alter ego hab ich auch gelesen. Das macht Sinn, allerdings find ich die Idee, Schriftstellerfiguren direkt immer als textliche Surrogaten der Autoren zu lesen, nun auch nicht besonders erhellend. Aber klar, daher kam bestimmt der Einfall.

          Liebe Grüße

          Gerrit

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