Philip Roths „I Married a Communist“: „The tyrant of evil is Everyman!“

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Wut, Wut, Wut wohin man schaut. Rund um die Welt berufen sich Politiker auf die Wut der Bevölkerung. Vor allem die USA scheinen momentan ein besonders wütendes Land zu sein, was Trump ins Weiße Haus getragen hat. Die Vereinigten Staaten hatten viele wütende Jahrzehnte, eines davon waren die Fünfziger Jahre. Dabei hätte alles so schön sein können: Aus dem Zweiten Weltkrieg war man als Hegemon der westlichen Welt herausgegangen, die Wirtschaft brummte so stark, dass das Versprechen auf Reichtum für Jedermann greifbar schien. Doch etwas verhinderte, dass man sich auf den Lorbeeren der Errungenschaften ausruhte: das Gespenst des Kommunismus. Während man im Außen den blutigen Koreakrieg führte, verfolgte der US-Senator Joseph McCarthy alle vermeintlichen kommunistischen Umtriebe im Inneren. Auch McCarthy wurde von Wut getrieben, von heiliger Wut, was wiederum Verbitterung auf der Gegenseite auslöste. In Philip Roths „I Married a Communist“ bekommt dieser Konflikt ein literarisches Gesicht.

In Philip Roths Werk gibt es viele Kontinuitäten: die Auseinandersetzung mit dem Jüdischen, die amerikanische Aufstiegsgesellschaft der 50er/60er, sexuelle Obsessionen und seine Heimatstadt Newark. Wann immer Philip Roth aus diesen Themen Literatur macht, ist ein gewisser Nathan Zuckerman dabei, Schriftsteller und häufig als Alter Ego von Roth gelesen. Zuerst widmete der US-Autor seiner Figur eine ganze Reihe von Romanen, in denen er selbst im Zentrum stand, in den späten 90ern begann Roth dann, an seiner amerikanische Trilogie zu schreiben. Dort veränderte sich Zuckermans Aufgabe. Anstatt selbst im Fokus zu stehen, wurde er zum Beobachter kritischer Momente in der Geschichte der USA. Er ist das Brennglas, unter dem die Dinge sichtbar werden. So auch in „I Married a Communist“, auch wenn er im Gegensatz zu „American Pastoral“ zumindest Teil der Geschichte ist und nicht nur am Wegesrand steht.

Maybe, despite ideology, politics and history, a genuine catastrophe is always personal bathos at core.

Anlass der Geschichte ist das Wiedersehen Zuckermans mit seinem alten Englischlehrer Murray Ringold. Mittlerweile 90 Jahre alt, ist er das Medium, durch das sich Historie vermittelt. Beide sinnieren über vergangene Zeiten, eben jene unruhigen Zeiten der McCarthy-Ära. Verbinden tut beide nicht nur die Schule, sondern auch Murrays Bruder Ira Ringold. Ira, das bedeutet im Latein Wut/Zorn und ist das große Thema des Romans. Wut ist das, was dem Leben in „I Married a Communist“ dem Leben einen Sinn gibt und das, was die Figuren aneinanderkettet. Ira wird in den Text als linker Aktivist und Radiostar eingeführt, der durch seine zupackende Art Menschen für seine Vorstellungen begeistern kann. Auch Zuckerman gerät als junger Mann in den Sog von Ira, zur Unzufriedenheit von Nathans Vater, der – bei allen Sympathien für die Sache des kleinen Manns – in Ira den großen Verführer der Jugend sieht: „My father didn’t want his son stolen from him […]“

„But I want to know whether you are a Communist, and I want my so not know whether you are a Communist.“

„I Married a Communist“ deutet den Fall von Ira Ringold, der auf den Spitznamen „Iron Rinn“ hört, lange an, doch der eigentliche Bruch wird im Roman erst sehr spät erzählt. Nach einer bewegten Lebensgeschichte lernt Ira schließlich die Schauspielerin Eve Frame (die den Verrat gleich doppelt im Namen trägt: als Eva, die Schuld an der Verbannung aus dem Paradies ist und als „to frame“), die er schließlich heiratet. Eve hat zu ihren eigenen jüdischen Identität ein gebrochenes Verhältnis: „Eve thought, If I hate Jews, how can I possibly be a Jew? How can ou hate the thing you are?“ Eve Frame ist die Trägerin des bei Roth immer wieder thematisierten jüdischen Selbsthass, in ihrer hässlichen und gemeinen Tochter Sylphid wird dieser sogar manifest. Eve Frame und Ira Ringold gehen mit viel Ballast in die Ehe, dementsprechend tragisch endet sie auch: „I Married a Communist“ ist nicht nur der Name von Roths Roman, sondern auch von dem autobiographischen Geständnisbuch, das Eve veröffentlicht lässt. Darin denunziert sie ihren Ehemann als Kommunisten, der sie getäuscht hätte: „I know why I married this man: out of a woman’s love. And why did he marry me? Because he was ordered to b the Communist Party!“

Less than six months later there appeared in America’s bookstores – rushed into publication – I Married a Communist by Eve Frame, as told to Bryden Grant.

Es ist diese Ausgangslage, aus der heraus Philip Roth eine amerikanische Mentalitätsgeschichte entfaltet. Sein Roman beleuchtet einen dunklen Fleck der US-Geschichte, bei dem das Land auf erschreckende Weise jenem ähnelt, das er eigentlich zu bekämpfen meint: „There was an article in the paper not long ago about a man in East Germany who informed on his wife for twenty years.“ Es ist eine Zeit, die von Denunziation und Verrat geprägt sind und ein vergiftetes Gesellschaftsklima produziert. Allerdings ist das bei Roth alles nicht so einfach. Denn der Verrat von Eve an Ira folgt gleichzeitig einer Geschichtsdialektik, die schon aus der Heilsgeschichte bekannt ist: „The master story of situation of the Bible is betrayal.“

America was a paradise for angry Jews.

Die Figuren bei in Roths Roman sind gleichzeitig psychologisch so gut erzählt, dass sie wie aus Fleisch und Blut wirken und trotzdem so typisiert, dass sie gar nicht anders gelesen werden können als Verkörperung geschichtlicher Prinzipien. Wie auch schon in „American Pastoral“ erscheint Amerika als naive Nation. Im Laufe des Romans wird deutlich, dass Iras politisches Engagement in mehr begründet ist als im ernstzunehmenden Willen, die soziale Lage der Arbeiter zu verbessern. Ira kennt diese Welt der Proletarier, er hat selbst in den Minen gearbeitet und von einem Hungerlohn gelebt. Doch er hat auch eine blutige Vergangenheit, noch vor dem Zweiten Weltkrieg hat er einen Mord begangen. So wird der Kommunismus zu einer Projektionsfläche für seine Wut, für die Wut vieler.

„I plead with you – return to the American way of life!“

„I Married a Communist“ ist kein Roman, der die Bluthunde McCarthys verherrlichen würde. Ganz im Gegenteil. Dennoch zeichnet sich bei Roth der „american exceptionalism“ auch dadurch aus, dass der Kommunismus in jedem Land, nur nicht in der USA auf fruchtbaren Boden fallen kann. Um der Gesellschaft diesen Spuk auszutreiben, ist der Verrat nötig, der Verrat einer Ehefrau an ihrem Mann. Das ist vielleicht die größte Provokation dieses Romans. Fast so provokant wie die Geschichte Gottes Sohnes. Der musste auch am Kreuz sterben, um die Menschen zu retten.

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