Philipp Schönthalers »Der Weg aller Wellen«: Unknown Identity

Wann hört Gegenwartsbeschreibung auf, wann fängt Dystopie an? Die Frage drängt sich bei der Lektüre von Philipp Schönthalers  »Der Weg aller Wellen« auf, denn seine Version einer aus dem Ruder laufenden Silicon Valley-Gesellschaft ist so nah an der Realität, dass die Grenzen verschwimmen. Tatsächlich bewirbt der Verlag das Buch auch gar nicht als Dystopie, die Rezeption möchte sie dennoch darin erkannt haben. Hat die Zeit die Dystopie überholt? Leben wir in einer Dystopie?

In ihrer sehr umsichtigen Rezension stellt Meike Feßmann fest: »In der deutschsprachigen Literatur wird seit einigen Jahren eine Zunahme von Dystopien beobachtet, von negativen Zukunftsentwürfen.« Und weiter spezifiziert sie im Hinblick die deutschsprachigen Gegenwartsliteratur-Dystopie: »Anders als in der amerikanischen Tradition, etwa bei Cormac McCarthy, Colson Whitehead oder der Kanadierin Margaret Atwood, sind die deutschsprachigen Dystopien keine wüsten Untergangsfantasien mit Splatter-Elementen, die alles an Komik aufbringen, was der Untergang so hergibt. Es sind eher zahme Fortschreibungen der Gegenwart, leichte Verwischungen der realen Verhältnisse, eine Mischung aus Strebertum und Ängstlichkeit.«

›Dem Konzern? Interessant. Und Sie? – Sie sind doch das Unternehmen! So wie wir alle hier.‹

In ihrer Beschreibung der »zahmen Fortschreibungen« steckt der Vorwurf der Mutlosigkeit: »Ein leicht in die Zukunft verschobener Realismus hat den Vorteil, vage bleiben zu können, auch in Hinsicht auf zukünftige Entwicklungen.« Man könnte zunächst fragend an die Rezensentin zurückgeben, was denn ein vager Realismus sein soll. Weitergehend scheint aber die wichtigere Frage jene zu sein, ob die Nah-Dystopie wirklich die ängstliche Schwester der Fern-Dystopie ist. Man könnte sich auch der wertenden Kategorien ganz enthalten und zunächst konstatieren, dass die Nah-Dystopie schlicht das Phänomen einer Zeit ist, in der sich die Tendenzen der Fern-Dystopien wie »1984« zu erfüllen scheinen.

›Man sollte das Tal verlassen, solange man noch kann!‹

Diese Behauptung führt »Der Weg aller Wellen« zumindest ins Silicon Valley, in dem tagtägliche Milliardenkonzerne daran tüfteln, Orwell Wirklichkeit werden zu lassen. Schönthaler versucht sich für den Einstieg in seinem Roman an einem echten Kafka: »Ohne dass etwas Bemerkenswertes vorgefallen wäre, hatte ich von einem auf den anderen Tag keinen Zutritt zum Campus mehr.« Der Krisenmodus der Digitalmoderne braucht keine Käfer mehr und keine Prozesse, es reicht schon ein fehlgeschlagener Login. Der Ich-Erzähler arbeitet in einem der Unternehmen des Silicon Valleys, dessen ausladendes Hauptquartier in Anlehnung an Google & Co. nur »Der Schlauch« genannt wird.

›Tut mir Leid, da sind Sie bei mir falsch.‹

Zunächst bleibt es bei dieser einen Fehlfunktion, die rein mathematisch so unwahrscheinlich ist, dass sie sich keiner recht erklären kann. Was folgt ist im ersten Schritt ein bürokratischer Hürdenlauf im Sinne des Asterix-Obelixschen »Passierschein A 38«, bei dem sich entweder keiner zuständig fühlt (»›Tut mir Leid, da sind Sie bei mir falsch.‹«) oder auch überfragt ist. Im zweiten Schritt erwächst aus dem Umstand, dass nun immer mehr Systeme die biometrischen Daten des Ich-Erzählers falsch auslesen, eine waschechte Identitätskrise, die mit Obsession (»Dass wir früher oder später auf die Schleuse zu sprechen kamen, war unvermeidbar.«) und Paranoia (»Während ich ihm in der Spiegelung des Fensters zuschaute, verfestigte sich der Eindruck, dass er mich beobachtete.«) einhergeht.

›Wir müssen anerkennen, dass es ein Glied in der Kette bemannter Systeme gibt, das sich über Generationen keinen Deut weiterentwickelt, es ist der Mensch selbst.‹

Das Subjekt, wie es hier gezeigt wird, konstituiert sich nicht mehr in Anerkennung durch andere Subjekte, sondern durch die Identifizierung seitens der digitalen Erkennungsprogramme. In dem Moment, wo dem Ich-Erzähler diese Erkennung verweigert wird, gerät er in die Krise: »Als das Buffer-Symbol wieder auftauchte, hatte ich für zwei Sekunden das Gefühl, der Boden unter meinen Füßen senkte sich ab.« Dies alles geschieht in einem Umfeld, in dem der Mensch eh nicht viel gilt, wie ein kurzer Exkurs zur Raumfahrt deutlich machen soll: »›Es gab sogar die Forderung, die Passagiere medikamentös ruhigzustellen, um sie als Fehlerquellen weitgehend auszuschalten. Auf dem Mond hätte man sie dann aufwecken und ihre Heldenrolle spielen lassen können.‹«

Toxische Staub- und Sandstürme wurden zur Regel.

Als der Ich-Erzähler schließlich nicht mal mehr in seine Wohnung gelangt, geht er in die Offensive und schließt sich einer Gruppe Pseudo-Pioniere an, die in der kalifornischen Wüste auf einer Serverfarm eine neue Gesellschaft und die Dominanz der althergebrachten Valley-Firmen brechen wollen. Wie alle Digitalpioniere vor ihnen, scharen auch sie sich um einen Charismatiker: »Dennoch brachte es Ransom fertig, uns immer wieder glauben zu lassen, wir seien zur richtigen Zeit am richtigen Ort.« In dieser Wüstengesellschaft trifft sich das Moment des Aussteigertums und der Tech-Entrepreneure.

›Was soll aber kommen, wenn die Menschen ihre Gefolgschaft endgültig aufkündigen? Wenn das System implodiert? Wer hat Antworten für das, was danach kommt?‹

Sie nehmen die Krise der Identität auf und wollen die Ausbildung einer solche wie ein Geldsystem simulieren: »›Wir müssen die Identität so weit einstampfen, bis sie wie Geld aussieht und sich ähnlich leicht handhaben lässt.‹« Identität bildet sich im Zuge von Transaktionen aus, die – je häufiger sie getätigt werden – Unterscheidbarkeiten produzieren:  »›Mit jeder neuen Transaktion wächst die Historie der einzelnen Entität, je länger sie wird, desto unwahrscheinlicher werden Verwechslungen oder die Möglichkeiten zur Manipulation.‹«

Wir beschlossen, ein Forum zu gründen, in dem wir zunächst persönliche Stories über die Anfänge des Brains sammeln wollten.

Wie sich hier schon andeutet, ist »Der Weg aller Wellen« in Teilen ein hoch diskursiver Roman. Dabei nimmt der Text allerdings eine Art Arbeitsteilung vor. Während der erste Teil vor der Wüstenkolonie vor allem atmosphärisch funktioniert, in dem er einen immer wieder paranoider werdenden Ich-Erzähler vorführt, ist die Wüstenkolonie eine Art Ideenbasar, in dem Figuren zum Träger verschiedener ideologischer Zukunftsvisionen werden. Dieser erste Teil ist dann auch der literarisch interessantere, da durch die Erzählanlage das Geschehen in seiner Existenzgefährdung deutlich wird.

In dem Sinne wie »Der Weg aller Wellen« unsere Zeit ernstnimmt und vor allem die Konsequenzen der Digitalmoderne auf das Subjekt erstnimmt, fällt es schwer, sich dem Vorwurf der Mutlosigkeit vom Anfang anzuschließen. Viel eher sollte man sich vom Begriff des Dystopischen in Bezug auf diesen Roman trennen und schlicht konstatieren, dass es sich bei Schönthalers Text um ein Werk handelt, dass die Zeichen der Zeit versucht zu deuten und sich dabei sehr leichtfüßig der Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit bedient.