Rachel Khongs „Goodbye, Vitamin“: Das Jahr des Vergessens

Khong_Goodbye Vitamin

Die Digitalisierung hat viel mehr verändert als den Medienkonsum und die etablierten Kommunikationsformen: Die örtliche Ungebundenheit und der stetige technische Fortschritt haben auch dazu geführt, dass sich die Lebensmodelle der Generationen auseinander entwickelt haben. War es früher noch üblich, mit Ende zwanzig zu heiraten und mit dem unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche an der Familienplanung zu feilen, ist es heute die Ungewissheit, die das Leben der Endzwanigergeneration beschäftigt. Denn wer möchte sich schon binden, wenn man potenzielle Partnerinnen und Partner mit einem Swipe nach links oder rechts wie einen Modekatalog durchblättern kann? Wer möchte sich beruflich festlegen, wenn feste Arbeitsverträge die Ausnahme sind, weil niemand sicher ist, welche Jobs morgen gebraucht werden? Dass heute mit dreißig längst nicht alles entschieden ist, sondern das neue Jahrzehnt Anlass zur eigenen Neuerfindung wird, davon erzählt Rachel Khongs Roman „Goodbye Vitamin“.

Ruth ist dreißig, es ist Weihnachten, über die Feiertage ist sie nach Hause zu ihren Eltern gefahren. Doch im Gegensatz zu ihren Freunden kehrt sie nach dem Fest nicht in ihr Leben in San Francisco zurück, sondern zieht wieder zu Hause ein. Denn ein Zurück gibt es nicht: Ihr Verlobter Joel, für den sie vor ein paar Jahren die Uni abbrach, um keine Fernbeziehung mehr führen zu müssen, hat sich von ihr getrennt. Beim geplanten Umzug hat er seine Habseligkeiten gesondert in Kisten gepackt, um nicht mit Ruth, sondern einer anderen Frau zusammenzuziehen. Ihren Job als Sonographin, den sie annahm, um im gleichen Klinikum wie Joel zu arbeiten, hat sie gekündigt, denn sie wird zu Hause gebraucht; ihr Vater ist an Alzheimer erkrankt.

In kurzen, tagebuchartigen Kapiteln erzählt Rachel Khongs Ich-Erzählerin von dem „Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte“ – so der Titel der deutschsprachigen Übersetzung, die im Herbst bei KiWi erscheinen wird.
Während ihre Mutter als Vertretungslehrerin arbeitet, kümmert sich Ruth um ihren Vater Howard, der zu Beginn des Romans noch vermeintlich harmlos seine Kleidung verlegt und am Ende des Buchs seine eigene Tochter nicht mehr zu erkennen droht.

I wait and wait for his mood to change, but the birds never come, and the mood never changes.

Frustriert ist Howard vor allem, weil er als Geschichtsprofessor nach einigen Zwischenfällen nicht mehr an der Uni lehren darf. Obwohl seine Tochter vor allem wegen ihm wieder nach Hause gekommen ist, verbringt er die meiste Zeit allein,  eingeschlossen in seinem Arbeitszimmer. Um ihm nach der Verleugnung der Krankheit aus der zunehmenden Resignation zu helfen, organisiert Ruth gemeinsam mit einigen seiner ehemaligen Studentinnen und Studenten ein wöchentliches ‚Seminar‘, in dem sie Howard wieder über die Geschichte Kaliforniens dozieren lassen:

This is what we learn from Dad: The name ‚California‘ came from a sixteenth-century romance novel that was popular in Spain. In the novel, California was a land where Amazonian warriors lived – all women, no men, with beautiful, strong bodies.

„Goodbye, Vitamin“ lässt sich natürlich auch als Emanzipationsgeschichte aus der Abhängigkeit vom Ex-Verlobten lesen, als Amazone tritt Ruth jedoch nur bedingt auf. Sie ist verletzt und zweifelt an sich selbst. Die Stärke, um den Verlust der Beziehung zu überwinden, zieht sie vor allem aus der Verantwortung, die sie nun ihren Eltern gegenüber tragen muss. Ruth übernimmt das Kochen, weil ihre Eltern wie Teenager während der sturmfreien Zeit ausschließlich asiatisches Takeout oder Pizza essen, und mogelt ihren Eltern besonders vitaminhaltiges Gemüse oder Super Foods unter, weil sie irgendwo gelesen hat, dass diese gegen Demenz helfen sollen. Sie kümmert sich um ihren Vater, wenn es ihm akut schlecht geht, und teilt die Momente mit ihm, in denen er die Krankheit vergesen kann.

I think what it is, is that when I was young, my mother was her best version of herself. And here I am, a shitty grown-up, and messing it all up, and a disappointmet.

Die Emanzipation, von der Khong erzählt, hat mehr mit Benjamin Button als mit „Eat Pray Love“ gemein: Im Verlauf des Romans werden die Rollen der Eltern mit der der Tochter nach und nach vertauscht.
Sie beginnt, zwischen ihren Eltern zu vermitteln, als sie bemerkt, dass ihre Beziehung seit Jahren nicht mehr so glücklich war, wie sie immer annahm. Unter den Studierenden, die sich wöchentlich für das Kalifornien-Seminar des Vaters treffen, ist seine Ex-Geliebte, an deren Liebensbeziehung der Vater sich jedoch nicht mehr erinnert. Immer wieder liest Ruth in einem Notizbuch, in dem ihr Vater Alltägliches aus Aufwachsen von Ruth vermerkt, und beginnt am Ende, selbst das Alltägliche zu verschriftlichen, um ihren Vater daran zu erinnern, was vor ein paar Stunden getan hat.

A long time ago I stopped wondering why there were so many crazy people. What surprises me now is that there are so many sane ones.

„Goodbye, Vitamin“ ist ein Roman über das Erwachsenwerden im doppelten Sinn: Ruth muss durch die Trennung mit ihren idealistischen Beziehungs- und Zukunftsvorstellungen brechen und akzeptieren, dass nicht alles im Leben planbar ist – genau wie die Trennung bricht auch die Krankheit das Vaters über Ruth herein und ändert alles von einem Tag auf den anderen.
Von all dem erzählt Khong trotz Melancholie leichtfüßig und kurzweilig, immer mit einem gewissen Augenzwinkern. Am Ende steht die Erkenntnis: Das Leben geht weiter. Dafür steht auch der originale Romantitel: Nach der Super Food-Diät, die in der Zubereitung von Quallen aus der Tiefkühltruhe seinen Höhepunkt findet, da diese angeblich gegen Demenz helfen sollen, kehrt die Familie am Ende zu einer normalen Ernährung zurück. Ruth akzeptiert, dass sich manche Dinge im Leben – die Krankheit des Vaters, die Trennung von Joel – nicht ändern lassen, sondern dass man das Beste aus der Situation machen muss. Nach einem Jahr zu Hause wird sie von ihrem Vater wieder liebevoll vor die Tür gesetzt, damit sie ihr eigenes Leben neu beginnen kann.