Rainald Goetz: Protokollant! der Gegenwart?

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Rainald Goetz erhält den Büchner-Preis. In ihrer Begründung teilt die Jury unter anderem mit: „Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zeichnet einen Autor aus, der sich mit einzigartiger Intensität zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur gemacht hat.“ Das Label des Chronisten wurde dankend von medialer Seite angenommen. Da war mal vom Protokollanten die Rede oder aber von der einzigartigen Gabe, einen gewissen Sound zu verstehen. Einig waren sich alle, dass Rainald Goetz sich wie kaum ein anderer in der Gegenwart bewegt. Nur Georg Diez beschwerte sich lieber über Literaturpreise an sich als sich mit Goetz auseinanderzusetzen.

Doch worin besteht dieser besondere Draht zur Gegenwart?  Schaut man in sein jüngstes Protokoll loslabern (Suhrkamp 2009) dann fällt vor allem eins auf: wie rasant sich das politische und kulturelle Leben der Bundesrepublik in den letzten sechs Jahren verändert hat. Goetz‘ literarische Lebenswelt war immer ein trianguläres Spielfeld, angesiedelt zwischen Suhrkamp, FAZ und Harald Schmidt. Orte der Relevanz, wie er sie nennt. Auch loslabern bewegt sich auf FAZ-Empfängen, vor der Paris-Bar und Christian Kracht-Lesungen. Das liest sich sechs Jahre später so gestrig, dass man sich nur wundern kann. Dem Protokollanten sind seine Untersuchungsgegenstände ausgegangen. Christian Kracht? Ihm ist schon lange die Lust an der öffentlichen Inszenierung ausgegangen. Stuckrad-Barre? Ist in einer halbliterarischen Welt zwischen Springer-Presse und rbb versandet. Frank Schirrmacher? Verstorben. Maxim Biller? Droht künftig zwischen Christine Westermann und Volker Weidermann im Spätprogramm des ZDF wegzunicken.

Später dann, im Gehen: Gehen ist ein metaphysischer Akt, loslabern ein ethischer.

Nun gehört der Versuch, einem Autor die Aktualität abzusprechen, zu dem uninspiriertesten, was man überhaupt machen kann. Das ist aber auch gar nicht der Punkt: Anstatt an Rainald Goetz‘ Rockzipfel der Gegenwart hinterherzuhecheln, eröffnen seine Texte in einer dialektischen Wendung einen erschreckenden Blick darauf, wie Orte und Akteure der Relevanz in den letzten 15 Jahren sich entweder selbst jeder Bedeutung beraubt oder aber ihren Platz in der Berliner Republik verloren haben. Sinnbildlich steht dafür – auch dort war Rainald Goetz als Protokollant zur Stelle – die Tatsache, dass der Suhrkamp-Verlag schon eine juristische Palastrevolution braucht, damit er auf so etwas wie öffentliche Resonanz stößt. So kommt einem die Lektüre von loslabern teilweise vor wie der Blick zurück auf eine mystische Zeit. Eine Zeit, in der eine Frankfurter Zeitung noch etwas anderes zu sagen hatte, als dem Euro-Nationalismus des gehobenen Bürgertums eine Stimme zu geben und ein ehemals Frankfurter, nun Berliner Verlag noch damit beschäftigt war, Bücher zu verlegen anstatt sich selbst zu zerlegen.