Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Rothmann_Im Frühling

Und einmal, als ich meine Träume erwähnte, sagte er mir, dass es ein Gedächtnis der Zellen in unserem Körper gibt, auch der Samen- und Eizellen also, und das wird vererbt. Seelisch oder körperlich verwundet zu werden, macht was mit den Nachkommen. Die Kränkungen, die Schläge oder Kugeln, die dich trefen, verletzen auch deine ungeborenen Kinder, sozusagen. Und später, wie liebevoll behütet sie auch heranwachsen mögen, haben sie panische Angst davor, gekränkt, geschlagen oder erschossen zu werden. Jedenfalls im Unterbewusstsein, in den Träumen. Eigentlich logisch, oder?

Ob das wirklich logisch ist, wird aktuell wissenschaftlich geklärt. Den Erfolg – um nicht zu sagen Hype – von bzw. um Ralf Rothmanns Im Frühling sterben, das nicht nur in sämtlichen Feuilletons und auf vielen Blogs gelobt wurde, sondern es selbst ins ARD Nachtmagazin schaffte, liegt in jener Thematik begründet, das die Deutschen umzutreiben scheint: Das Schweigen der Kriegsgeneration und den psychologischen Auswirkungen auf die Nachfolgenden. Dabei ist Rothmanns Roman stilistisch ein bloß durchschnittliches Stück Literatur

Im Frühling sterben folgt einer klassischen Rahmenstruktur, in der ein kurzer einleitender und abschließender Erzählabschnitt aus der Ich-Perspektive die auktoriale Binnenerzählung über den jungen Walter Urban, der Vater des Ichs, und seine Kriegserfahrung umschließt. Der siebzehnjährige Walter, der aus dem Ruhrgebiet stammt und die Ausbildung zum Melker im holsteinischen Malente absolviert, gerät durch eine Reihe unglücklicher Verstrickungen gemeinsam mit seinem besten Freund Fiete im Frühling 1945 in die Waffen-SS und wird nach der Ausbildung als Fahrzeugführer nach Ungarn geschickt. Beide, Walter und Fiete, lassen Freundinnen zurück. Beide erleben den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, ziehen jedoch unterschiedliche Konsequenzen. Während Walter alles tut was ihm befohlen wird, um zu überleben und so zurück zu seiner Liesel zu kommen, begeht Fiete Fahnenflucht und wird deswegen hingerichtet – durch Walter und seine gefolgstreuen Kameraden. Walter Urbans Plan vom stillen Gehorchen geht auf, und er schafft es schließlich durch eine kurze Kriegsgefangenschaft über das Ruhrgebiet zurück nach Schleswig-Holstein, wo er schließlich mit Liesel vereint ist.

Rothmann strukturiert seinen Roman anhand des traditionsreichen Topos des Generationenkonflikts auf doppelter Ebene: der Beziehung zwischen dem Ich der Rahmenerzählung zu seinem Vater Walter Urban in der Binnenerzählung (das Ich versucht sein Verhältnis zum Vater durch die „Revision“ seiner Kriegserlebnisse aufzuarbeiten) und zwischen Walter Urban und seinem Vater, der längst im Krieg ist, als Walter im Frühling ’45 eintritt und im Zuge einer Bewährungsstrafe an die Front in unmittelbarer Nähe zu Walter in Ungarn geschickt wurde, weil er als Aufseher in Dachau Zigaretten an Sträflinge verschenkte.
Neben der Verhandlung zweier Vater-Sohn-Beziehungen blitzt der Generationenkonflikt auch gegen Ende des Romans erneut auf, als Walter zurück nach Holstein kommt und erfährt, dass der Beruf des Melkers durch die Maschinen der Alliierten, denen die Bauernhöfe nun unterstehen, in naher Zukunft aussterben wird.

Was am Erfolg von Rothmanns Roman deutlich wird, ist die deutsche Sehnsucht nach Aufarbeitung. Wie kaum ein anderes Buch löst Im Frühling sterben in Kritiken und Kommentaren zu Rezensionen ein „auch in meiner Familie gibt es das“ und „bei meinem Vater und mir“ aus. Es scheint gegenwärtig eine akute Sehnsucht nach Aufarbeitung der Familienvergangenheit zu geben, auch wenn diese die Vergangenheit von Schuldigen und Tätern ist. Es ist eine Sehnsucht nach Genealogie. Begründet könnte dies darin liegen, dass die letzten Zeugen des Kriegs altersbedingt sterben. Es bleiben die Erinnerungen und Erzählungen.

Programmatisch erscheint in diesem Licht die vorausgeschickte Entschuldigung von Walter zu Beginn der Binnenerzählung: „Ich bin Melker, ich weiß nichts von Politik.“ Schuldig macht sich der Vater des Ichs trotzdem, wenn er den Mord an der Müllerfamilie durch die Fallschirmjäger nichts entgegensetzt als „Melde gehorsam: Das sind keine Feinde“. Erzählt wird, was Walter und Fiete in der SS erleben mussten, nur weil sie in der Heimat ein Bier trinken wollten – es sind schreckliche Geschichten von Misshandlungen und Mord am besten Freund, die den Leser mitfühlen lassen. Verschwiegen wird, was die SS sonst noch für Verbrechen begangen hat; die Shoah und die Vernichtungslager werden nur beiläufig erwähnt. Diese Darstellung der jungen Waffen-SSler scheint daher problematisch. Ist die Schuldfrage so weit geklärt, sodass man sich nun selbst als Opfer darstellen kann? Wohl kaum. Hat Walter nicht einen Mord begangen, wenn er Fiete hinrichtet? Es hat jedenfalls keine Konsequenzen, außer dass er mit seiner Liesel glücklich wird. Unbestritten ist die Verheizung der Jugend am Ende des bereits verlorenen Krieges, die in Im Frühling sterben erzählt wird, Teil des Wahnsinns im Zweiten Weltkrieg, aber bekanntlich nicht das einzige Verbrechen, das von den Nazis begangen wurde.

Darüber hinaus enttäuscht Rothmanns Roman auch stilistisch, da er nicht über das Mittelmaß hinausreicht, keinen eigenen Ton findet und viele Adjektive, selten aber kluge Metaphern verwendet. Kein Ansatz von Poesie findet sich in der Sprache, sondern vielmehr eine Ästhetik des Hässlichen bzw. des Schreckens. Vielleicht ist Rothmanns Intention dahinter aber auch schlicht, dass nichts am Krieg poetisch ist.

Die Kritiken versprechen von Im Frühling sterben mehr, als Rothmann am Ende hält. Ein trauriger, aber durch seine Vorhersehbarkeit schlicht mittelmäßiger Roman.


Nachtrag vom 22. August 2015:

Endlich: Auch die NZZ hat nun als erstes Feuilleton Kritik an Rothmanns Roman geübt. Roman Buchelis Artikel „Die Rückkehr des Landsers“ ist absolut lesenswert.

Warum stört sich niemand daran, dass Ralf Rothmann hier auf den naiv ungebrochenen, durch keine Zweifel erschütterten Darstellungsrealismus verfällt, dessen erzählerische Mittel näher bei Konsalik als der Brachialästhetik eines Tarantino liegen? Wieso – zuletzt – stört sich niemand daran, dass die Unschuld vom Lande in die Uniform der Waffen-SS gesteckt wird und unser Mitgefühl einfordert?