Regretting Fatherhood: Luise Maiers „Dass wir uns haben“

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„Ich darf niemals Kinder haben.“ – Ein ganzes Notizheft füllt die namenlose Ich-Erzählerin in Luise Maiers Debüt „Dass wir uns haben“ mit diesem Satz in der ersten Szene des Romans, in der das Ich szenisch auf eine traumatische Kindheit zurückblickt: In einem grünen Haus, irgendwo im Nirgendwo, wächst sie mit Vater, Mutter und Bruder alles andere als behütet auf. Wer in diesem Erstling der Absolventin des Schweizer Literaturinstituts auf ein Happy End wartet, der wartet vergebens.

Gleich die erste Szene dieses Romans erzählt von einem doppelten Akt der Gewalt und deutet so voraus, was auf den folgenden 150 Seiten folgt: Als das erzählende Ich von seinem Bruder geschlagen wird, greift der Vater ein, um die – nicht näher erläuterte Streiterei der Geschwister – zu beenden, und fesselt den Jungen mit Stricken an Armen und Beinen am Bett, sodass er bewegungsunfähig ist: „Mein Bruder und ich lagen in unseren Betten, als wäre der andere gar nicht da.“ Kurz darauf wird die Situation von der Mutter aufgelöst, die schockiert den Bruder befreit. Thematisiert wird der Vorfall nicht.

Die kaum stattfindende Kommunikation der Familienmitglieder untereinander steht exemplarisch für das zerrüttete Verhältnis aller vier Hauptfiguren, die nur durch ihre Beziehung zueinander benannt sind, keine Namen tragen. Und zu besprechen gäbe es viel, denn die Schilderung eines heilen Familienleben sucht man in diesem Roman vergeblich. Die Ich-Erzählerrolle übernimmt die Tochter der Familie, die sich zeitweilig mit ihrem älteren Bruder gegen den Vater verbündet, bis das Verhältnis kippt und inzestuöse Züge annimmt („Mein Bruder und ich versuchten es zu tun. Ich stand an die Wand des Badezimmers gedrängt und nackt vor ihm, er hatte seine Hose heruntergelassen und drückte sein Glied gegen meine Scham.“), der arbeitslose Vater, der leidenschaftlich tote Tiere in Essiggläsern konserviert, lässt in einem Sparrausch das Haus verfallen, kürzt die Essensrationen oder verschwindet tagelang, die Mutter, eine freischaffende Künstlerin, leidet an Morbus Chrohn, muss oft ins Krankenhaus und verliert schließlich sogar ihr drittes Kind an die Krankheit.

Hauptsache, es regnet uns nicht rein.

Nicht nur die Figuren sind nicht näher identifiziert, auch Ort und Zeit des Geschehens sind nicht näher definiert. Aus dem Kontext lässt sich schließen, dass man sich in einer peripheren, dörflichen Gegend befindet, nahe des von der Familie bewohnten „grünen Hauses“ fließt die Donau, mehr ist nicht bekannt. Die rückständigen Lebensverhältnisse – so gab es zunächst kein Badezimmer, sodass sich alle Familienmitglieder einmal wöchentlich (natürlich Sonntags) in einer Plastikbadewanne wuschen, ein modernder Boden und ein undichtes Dach – muten zeitweilig so archaisch an wie das aufgerufene Inzestmotiv oder der tyrannische Vater; durch Details wie das Handy, welches das Ich am Ende des Romans geschenkt bekommt, wird jedoch deutlich, dass man sich zumindest in diesem Jahrhundert befinden muss. Die Erzählzeit ist dabei stark gerafft: die ersten Episoden des Romans erzählen aus frühester Kinderperspektive des Ichs, am Ende ist sie bereits im Teenageralter. Zeithistorische Bezüge gibt es nicht, das Geschehen des „Kammerspiels“, wie der Verlag im Klappentext postuliert, fokussiert sich allein auf die Familienverhältnisse und –beziehungen.

Wenn ich die Kinder nicht hätte.

Dominiert wird das Fortschreiten der Handlung des Romans vor allem von der hoch ambivalenten Figur des Vaters. Obwohl er als aggressiver Choleriker immer wieder handgreiflich wird, worunter vor allem der Bruder des Ichs zu leiden hat, scheint er kein klassischer Patriarch zu sein. Bei der Hochzeit war er es, der den Namen der Mutter annahm:

Vater und Mutter waren allein auf dem Standesamt, der Mann hinter dem Schreibtisch fragte zwei Mal nach, ob Vater wirklich Mutters Nachnamen annehmen würde. Er glaubte, sich verhört zu haben. Vater nickte, der Beamte sagte: Bis dass der Tod euch scheidet, weil meine Mutter den Beamten eine Woche zuvor bei einem Gespräch gebeten hatte, ihre Trauung so zu besiegeln.

Vielmehr wird im Verlauf des Romans immer deutlicher, dass sich der Vater durch das Familienleben in seinem Lebensstil – naturverbundenes Leben, Ablehnung sämtlicher Konsumgüter, antikapitalistische Überzeugungen – beeinträchtigt glaubt. „Regretting fatherhood“ könnte man das neudeutsch vielleicht nennen, was er selbst an einer Stelle deutlich verbalisiert: „Wenn ich die Kinder nicht hätte.“ Überraschenderweise ist es letztendlich die Mutter, die sich vom Vater trennt, der prompt mit Selbstmord droht. Das „Bis dass der Tod euch scheidet“ des Standesbeamten hatte er wohl wörtlich genommen.
Sein Verhältnis zu den Kindern ist ebenfalls ambivalent; die Schilderungen der grausamen Gewaltausbrüche des Vaters lassen einen fast überlesen, dass es auch zärtliche – wenn auch zugleich skurrile – Momente gibt, beispielsweise, als das Ich einen überfahrenen, aber noch alle Gliedmaßen besitzenden Frosch entdeckt, ihn ihrem Vater zum Konservieren für seine Sammlung bringt und dieser sich ungemein freut.

Auf das unbeständige, von Dissonanzen geprägte Familienleben reagieren die Kinder mit Gewalt, die von Wutausbrüchen des Ichs – das Anschreien der streitenden Eltern – über Tierquälerei – den Mord am Hamster der Cousine – bis zur Selbstverletzung – Ritzen des Augenlids – reicht. Am Ende sind nicht nur die Eltern getrennt, auch ihre Beziehung zu den Kindern scheint irreparabel. Das Ich schämt sich für den Vater, aber auch für die Mutter, vor allem für ihre Streitereien.
Wie der Titel als bloßer Nebensatz ohne Hauptsatz bereits andeutet, bleiben bei Luise Maiers Debütroman viele Leerstellen. Der Roman wird über viele kurze Szenen erzählt, die selten länger als zwei Seiten sind. „Dass wir uns haben“ ist ein Familienportrait in vielen einzelnen Bildern: ernst, an einigen Stellen schwer zu ertragen, aber stets präzise in seiner Sprache.


Wir danken Wallstein für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. Liebe Tabitha,
    deine Rezension gefällt mir sehr gut, weil sie mir noch einmal einen anderen Blickwinkel auf die im Buch beschriebene Familie gewährt. Dass der Vater seine Elternschaft bereuen könnte, habe ich so gar nicht wahrgenommen. Aber du hast schon recht…er wirkte oft überfordert, teilweise desinteressiert.
    Die Ambivalenz der Figuren war für mich auch sehr zentral, unvorhersehbar und immer wieder schockierend. Ich finde, dieser Roman ist einfach ein echt starkes Debüt.
    Freut mich, dass mein Tipp für dich kein Reinfall war und du dem Buch etwas abgewinnen konntest. (Von Gefallen kann man hier wohl schlecht sprechen…)
    Liebe Grüße
    Juliane

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