„Risiko“: Mit Kriegsausbruch ist zu rechnen

Kopetzky_Risiko

Steffen Kopetzky ist etwas sehr seltenes gelungen: Er hat einen Roman geschrieben, der über seinen historischen Stoff hinausgewachsen ist. Mit „Risiko“ legt er in diesem Jahr einen fulminanten Text auf, vor der jede Beschreibungsleistung kapitulieren muss. Ein Buch über den Ersten Weltkrieg? Auch. Ein Buch über Deutschland? Sicherlich. Ein Buch über den Nahen und Fernen Osten? Absolut. Ein Buch über die weltpolitische Gegenwart? Unbedingt!

Es hat etwas länger gedauert, bis der Erste Weltkrieg in der Belletristik angekommen ist. Nachdem der gefeierte Christopher Clark mit seinen „Schlafwandlern“ stürmische Reaktionen eingeheimst und der verfemte Herfried Münkler in dessen Windschatten seine ungleich weniger thesenstarke Publikation platziert hat, liegt der Staffelstab nun in den Händen des Schriftstellers. Nun hat „Risiko“ natürlich nicht den Anspruch, historiographisch tätig zu werden, doch kommt man um die Vermutung nicht umhin, der Autor hätte in beide Werke ein Auge geworfen.

Doch ausgerechnet in diesem von einer marginalen Eruption der Weltgeschichte aus der Bedeutungslosigkeit gerissenen sumpfigen Hafen im Land der Adler hatte er endlich die Seefahrerliebe kennengelernt.

Die Peripherie als Ort der Betrachtungen hat in den letzten Jahren einen wahren Aufschwung erlebt. Christopher Clark beginnt seine Untersuchung der europäischen Diplomatie- und Kriegsmechanismen nicht etwa in den Zentren London, Paris oder Berlin, sondern in der europäischen Außenstelle Sarajewo. Auch „Risiko“ beginnt in solch peripherer Situation: Die SMS Breslau, ein deutsches Kriegsschiff, liegt vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs an der Küste Albaniens und mit ihr befindet sich dort Sebastian Stichnote, Funkobermaat und zentrale Figur des Romans. Meisterhaft vermag der Autor in dieser Situation die zentralen Elemente zu bündeln: Die Lokalisierung im Peripheren, das Schiff als markantes Reisemotiv und der Funker, der bei trotz aller Bewegung ins Abseitige Kommunikation herstellen kann.

„Risiko“ erzählt anhand Sebastian Stichnote und anderer Figuren eine historische Variante der Niedermayer-Hentig-Expedition, eine Gruppe deutscher und österreichischer Orientalisten, Militärs und Abenteurer, die sich durch das Osmanische Reich bis ins abgelegene Afghanistan schlugen. Das Ziel der Mission: den Emir von Afghanistan davon zu überzeugen, in den Krieg einzutreten und von Afghanistan Britisch-Indien anzugreifen.

Weshalb er es auch so liebte, an Deck zu stehen, wenn sie mitten auf hoher See waren und man am glimmenden Horizont die Rundung der Erde erahnte, jenes-Da-Sein der Welt, an welches zu denken sie einem fast schon brachte, so dass man durch diese Substanz gleichsam überall war. Sehnsucht hieß sie. Ein ozeanisches Gefühl.

Die illustre Runde der Expedition ist dabei weniger eine militärische Einheit als ein europäisches Panorama. Oskar von Niedermayer ist Orientalist, Soldat, Schriftsteller und später überzeugter Nationalsozialist. Mit in seinen Reihen befindet sich Alois Musil, ebenfalls berühmter Orientalist und Großcousin des Epochenautors Robert Musil. Im Laufe der Reise treffen sie darüber hinaus auf Gestalten wie Lucien Camus, den Vater des französischen Existenzialisten. Kopetzky führt durch solche Figuren das 20. Jahrhundert in verschiedenen zeitlichen Schichtungen in den Roman ein. Bei allem Hass, den der Erste Weltkrieg gesät hat,  hat er paradoxerweise auch so etwas wie europäische Öffentlichkeit geschaffen. Spätestens wenn die Expedition an der Grenze zu Persien schwedische Grenzer trifft, wird deutlich: Krieg bedeutet auch immer Kulturaustausch.

Der Krieg bleibt den ganzen Roman über präsent, doch die Sicht auf ihn wird vom jeweiligen Schauplatz bestimmt. Ist der Krieg auf dem isolierten Schlachtschiff noch ein Planspiel, das mit Figuren auf einem Spielbrett ausgefochten wird, wandelt er sich mit dem Beginn der Expedition. In den Augen der Karl May-geprägten Orientalisten ist der Nahe Osten der letzte Ort, an dem Krieg nicht Verdun, sondern Abenteuer bedeutet. Für die anonymen Massengräber Westeuropas bietet der Orient eine Gegenwelt, in dem sich das Soldatentum noch einen Mythos erhalten hat. Nur langsam holt die Reisenden die Realität ein.

So kam es zu er paradoxen Situation, dass die Führung des Deutschen Reichs – obwohl eher konservativ und im Innern darauf bedacht, politische Veränderung zu verhindern – Bündnisse mit Putschisten und Revolutionären, Aufständischen und Separatisten einging, sobald auch nur die geringste Aussicht bestand auf diese Weise die Mächte der Entente schwächen zu können. Damit folgten sie den Empfehlungen Bismarcks. Der Reichsgründer hatte in diesem Zusammenhang gern Vergil zitiert: „Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo.“ – Kann ich die Götter nicht beeinflussen, werde ich die Unterwelt in Aufruhr versetzen. – Herfried Münkler: Der große Krieg

Die Unterwelt, die die Gesellschaft um Oskar von Niedermayer in Aufruhr versetzt, ist jener nicht gänzlich unähnlich, die auch in unseren Zeiten die Region plagt. Die Politik der „revolutionären Infektion“ scheitert auf breiter Front, bringt aber ein paar zwielichtigen Banden hervor, die sich in Anschlägen, Überfällen und Terror übt. Der Roman, der sich in seinem Verlauf immer weiter vom Krieg entfernt, wird von der Gewalt wieder eingeholt und schlägt gleichzeitig die Brücke zur Gegenwart: Der Terror ist in Teilen ein exportiertes Gut, das zum Machtarsenal der westlichen Großmächte gehört.

Das angestrebte Ziel Afghanistan wird zum Schlusspunkt eines Vornehmen, an dem der repetitive Charakter von Geschichte offensichtlich wird: Die Politik der Deutschen im Ersten Weltkrieg weist skurrile Ähnlichkeiten zur Unterstützung der Mudschahedin der US-Amerikaner gegen die Sowjetunion auf. Afghanistan erscheint in diesem Zusammenhang als ein sagenumwobener Landstrich des Scheiterns: Von Alexander dem Großen über die britischen Expansionsbestreben ist das unzugängliche Land zu dem Punkt geworden, an dem Machtpolitik an seine Grenzen gerät.

Ein weiser Mann hat einmal festgestellt, dass ein jeglicher Rausch bezahlt werden muss.

Steffen Kopetzky schafft mit diesen klugen Querverweisen durch ein komplettes Jahrhundert und darüber hinaus einen Roman über die Epoche des Ersten Weltkriegs zu schreiben, der sich zeitlich entgrenzt und Ereignisse auf wundersamer Weise ganz nah aneinander führt. Beim Lesen muss man das Gefühl bekommen, die Gründung Konstantinopels und die Einnahme Mossuls durch den IS liegen einen Wimpernschlag entfernt. Ganz im Gegensatz zu der narrativen Form der Reisebeschreibung verliert Historie damit seine zeitliche Stringenz und bietet eine Alternative zur Historiographie an: Die Versammlung von Weltgeschichte in Geschichten.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns von Klett-Cotta freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans.