Robert Schindel und die österreichische Amnesie

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Frühling 1944 in Österreich: Robert Schindel, Sohn jüdischer Kommunisten, erblickt das Licht der Welt. Das Kriegsende 1945 erlebt Schindel in einem Wiener Kinderkrankenhaus, wo zuvor seine Deportation nach Auschwitz und Theresienstadt verhindert und sein Überleben gesichert wurde. Seine Mutter kehrte aus Auschwitz und Ravensbrück zurück, während sein Vater im Dachau ermordet wurde.

Ab den 1980er Jahren macht sich Schindel vor allem in Österreich einen Namen als Lyriker. Zum Hauptthema seines prosaischen Werks macht der Schriftsteller später die Frage nach der österreichischen Schuld in der Shoah. Seine Romane „Gebürtig“ (1992) und „Der Kalte“ (2013) thematisieren den Umgang mit der Shoah aus jüdischer und nicht-jüdischer Perspektive in Österreich über die Generationen hinweg und reflektieren die Waldheim-Affäre der 1980er Jahre in Wien, der „Welthauptstadt des Vergessens“. Schindel dokumentiert und poetisiert ein Stück österreichische Zeitgeschichte.

Willkommen im Wiener Sumpf.

Schindels Debütroman Gebürtig liest sich als Kaleidoskop der Wiener Künstlerszene zwischen 1983 und 1884. Die insgesamt sieben Kapitel erzählen abwechselnd von vier Personenkreisen, die immer wieder miteinander in Kontakt treten. Als Fixpunkt dient das fiktive Café Zeppelin, das als Künstlertreffpunkt alle Figuren anzieht. Die Erzählperspektive wechselt rasant zwischen den Kapitelabschnitten vom subjektiven Ich zur personellen Erzählinstanz, der Tempus des Textes changiert zwischen Präsens und Präteritum. Gebürtig ist ein durch und durch konstruierter Roman, der seine Leichtigkeit jedoch im Erzählton und seinen Austriazismen wiederfindet.

Im Zentrum der Figurenkonstellation des Romans stehen die Zwillingsbrüder Danny Demant, der als Lektor arbeitet und während der erzählten Zeit ein Manuskript von Emanuel Katz korrigiert, welcher in Ausschnitten Teil des Erzähltextes selbst wird, und Alexander Graffito, der Schriftsteller ist und als Chronist des Geschehens fungiert. Diese Konstellation erzeugt neben der eigentlichen Grundthematik, dem Verhältnis der jüdischen und nicht-jüdischen Figuren zueinander und zur Rolle Österreichs in der Shoah, eine selbstreferenzielle Metaebene, die das Erzählen reflektiert.

Leute sind wie Bäume. Sie biegen sich hin und her, und schon ist ein Jahrhundert um.

Neben den (Liebes-)Beziehungen, die in verschiedenen Konstellationen das schwierige Verhältnis zwischen den jüdischen und nicht-jüdischen Personen illustrieren, führt die Figur des deutschen Kulturjournalisten Konrad Sachs vor, wie sich die Schuld der Eltern auswirkt: als Sohn des Gouverneurs von Polen während der deutschen Besatzung hält er seine Identität zunächst geheim, wird darüber wahnsinnig und sucht schließlich Vergebung beim jüdischen Katz und Demant für die Verbrechen seines Vaters. Die Ausschnitte des Manuskripts von Emanuel Katz, die in Gebürtig verwoben, aber nicht explizit als solche gekennzeichnet sind, erzählen von der politischen Ebene der Aufarbeitung und dem Prozess um Egger, der sich als „Schädelknacker von Ebensee“ in der Todesmaschinerie schuldig machte und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Um ihn verurteilen zu können, versucht die Journalistin Susanne Ressel den Überlebenden Hermann Gebirtig als Zeugen zum Prozess zu holen. Dieser emigrierte in die USA und lebt in New York als erfolgreicher Autor von Theaterstücken und Musicals. Obwohl Ressel den zunächst resistenten Gebirtig überzeugen kann nach Wien zurückzukehren, wird Egger am Ende nicht verurteilt – Wien bleibt „Vergessenshauptstadt“, welche die Vergangenheit zu verdrängen sucht, paradoxerweise  aber im gleichen Zuge Auszeichnungen an Gebirtig für sein Lebenswerk verleiht: die Stadt brüstet sich mit ihrem „verlorenen Sohn“.

Auch dreißig Jahre später scheint diese Reaktion symptomatisch für Wien und Österreich zu sein, wenn man an die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Wien an Ruth Klüger in diesem Juni zurückdenkt, die (perfiderweise) vom Kulturminister Ostermayer als „ein kleines Stück Wiedergutmachung“ bezeichnet wurde.

Nach dem Erfolg von Gebürtig kündigte Robert Schindel eine Fortsetzung des Romans an; nachdem 1998 das erste Kapitel von Der Kalte in den „manuskripten“ erschien, legt er 2013, über zwanzig Jahre nach Gebürtig, die vollständige Fortsetzung vor – ein Lebenswerk.
Als eine Fortsetzung ist Der Kalte gleich zu indentifizieren, ein Teil der Figuration findet sich wieder, und auch der Erzählstil, der Wechsel zwischen der dritten Person und verschiedenen Ich-Perspektiven von Abschnitt zu Abschnitt, wird übernommen. Der Ort des Geschehens bleibt Wien, auch wenn sich die Gesellschaft nun nicht mehr im „Zeppelin“, sondern im „Pick up“ trifft. Im Zentrum stehen nicht mehr die Zwillinge, sondern Edmund Fraul, er ist „der Kalte“ im Titel, der Kommunist, Spanienkämpfer und Halbjude nach Auschwitz kam als Lagerschreiber überlebte. Primär geht es in der Kalte jedoch weniger um die Figur Fraul, sondern viel mehr um die Waldheim-Affäre, deren Entwicklung zwischen 1985 und 1989 nacherzählt wird und dessen Ausgangsproblematik im Roman als wie folgt beschrieben wird:

Die Deutschen hätten neuzehnhundertachtundsechzig entscheidend mit der Aufarbeitung der Nazivergangenheit begonnen. Die legendäre Frage: „Vati, was hast du im Krieg gemacht?“, leitete die Debatte ein und bis heute seihen sie ziemlich weit gekommen damit. In Österreich schlafen sie alle hinterm Paravent der Lebenslüge vom ersten Opfer Hitler. Daran hat in Österreich das Jahr achtundsechzig nichts geändert.

„Glücklich ist, wer vergisst“ – nicht mehr nach Waldheim, bzw. nach Wais, wie der Bundespräsident im Roman Schindels heißt. Detailliert erzählt der Kalte die politischen Ereignisse und seine gesellschaftlichen Folgen – besonders für den Kunstbetrieb – jener Zeit nach. Schindel macht die Problematik in eindrücklichen Bildern deutlich, auch wenn man mit dem genauen Verlauf der historischen Ereignisse nicht vertraut ist. Auf der Strecke bleiben im Verlauf von der Kalte – im Vergleich zu Gebürtig – jedoch einige der Figuren, die nur schemenhaft gezeichnet werden, was in der schieren Menge der Personen – siehe das im Anhang beigegebene Personenregister – begründet liegen mag. Auf die Tagebuchpassagen des 17-jährigen Stefan Kreytz hätte Schindel ebenfalls verzichten sollen; diese wirken durchweg unauthentisch und als Fremdkörper.

Robert Schindels Gebürtig und der Kalte – ein zweiteiliger Epochenroman, der hilft, Österreich zu verstehen.

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