Robert Seethalers „Das Feld“: Der Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch

Der Tod ist der Literatur kein Unbekannter. Gestorben wird eh dauernd, genauso wie getrauert. Weil die Literatur das Reich der Fiktion ist, so sehr sich die Autobiographisten auch dagegen wehren, kennt die Literatur auch Tote, die nicht zum Schweigen gebracht werden. Zuletzt sorgte der Totentanz des großen amerikanischen Schriftstellers George Saunders, „Lincoln in the Bardo“, für Aufsehen, der damit direkt den Man Booker Prize gewann. Saunders erzählte von Präsident Lincoln, der am Grab seines Sohnes trauert und um den sich eine ganze Gesellschaft Toter schart, die von ihrem Schicksal kündet. In „Lincoln in the Bardo“ wird daraus eine kluge Geschichte über ein amerikanisches Trauma und wie eine Gesellschaft sich darum formiert.

Nun hat sich ein weiterer Großschriftsteller den Toten angenommen: Robert Seethaler. Spätestens seit „Der Trafikant“ ist Seethaler ein regelrechter Publikumsliebling, was wohl vor allem daran liegt, dass er zuverlässig konventionelle Kost liefert. Dass er sich nun dem Vergleich zu Saunders stellen muss, mag ein Zufall der Veröffentlichungstermine sein, stellt sich aber als durchaus erhellend heraus. Denn während Saunders aus einer amerikanischen Tradition (ähnlich wie Thomas Pynchon und David Foster Wallace) der postmodernen Literatur kommt, die sich theorieoffen zeigte, liefert Robert Seethaler, nur acht Jahre älter als Saunders, schnurgerade Seelen- und Lebenserkundungen.

Ich weiß, wenn ich tief genug tauche, werde ich am Rand die Sonne finden.

Denn das Szenario, das sich Seethaler für seinen neusten Roman ausdenkt, ist schlussendlich gar nicht so abwegig wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Die Ausgangssituation erzählt davon, dass ein Mann eine gesteigerte Neigung zu Friedhöfen hat und dort eine besondere Gabe entdeckt: „Die Wahrheit ist: Er war überzeugt davon, die Toten reden zu hören.“ Interessant daran erscheint, dass der Roman es offenlässt, ob er die Fähigkeit wirklich besitzt oder eben nur davon überzeugt ist.

Wenn er schon fürs Vieh nicht taugte, war er doch für die Toten genug.

Diese Figur, die im Text als das Medium fungiert, das die Toten zum Klingen bringt, spielt für den Rest des Textes dann jedoch keine größere Rolle mehr und wirkt etwas dahingeschludert, was insofern merkwürdig ist, da er doch das Zentralmotiv für den Schriftsteller selbst ist. Größere Mühe gibt sich der Text mit dem, was dann kommt: den Beschreibungen der einzelnen Schicksale der Paulstädter Gemeinde. Derer versammelt „Das Feld“ eine ganze Menge, die in Miniaturen vorgestellt werden und aus deren Leben manchmal Abschnitte, manchmal auch nur ein entscheidender Moment herausgegriffen wird.

Ist es nicht seltsam: Ich erinnere mich an die Farbe des Kleides, das ich vor so vielen Jahren trug, aber ich kann mich nicht erinnern, in welcher Jahreszeit ich starb.

Darunter sind Männer, deren frühkindliche Verletzungen ins Priesteramt geführt haben, Kinder, die ihre Väter zu Grabe tragen, verhinderte Schriftstellerinnen und Stadtchronisten, die keine sein wollen. „Das Feld“ erzählt von scheiternden Zielen („Ich war Politiker. Und ich habe es ja versucht. Ich bin angetreten, weil ich etwas wollte für diese Stadt.“) oder Momenten des Glücks („Ich glaube, es fühlte sich an wie Liebe.“). Das ist dezidiert so universal angelegt, denn in diesem Text ist der Mensch nur bedingt ein gesellschaftlich geformtes Wesen (obwohl auf die Paulstädter Gemeinschaft immer wieder verwiesen wird), sondern eine Seele, die sich über die Summe ihrer Lachfalten oder Narben erzählen lässt.

Was habt ihr gefühlt, Paulstädter, als ihr mich in dieses Loch hinabließt und Richard Regnier mir zum Abschied ein geknicktes Haselnussästchen hinterherwarf?

Das kann man naiv oder zu idealistisch finden oder nicht, es führt in jedem Fall dazu, dass der Text keinen wirklich Begriff von Gesellschaft entwickelt und schon gar nicht etwas darüber erzählt, was es heißt, gerade Teil der Paulstädter Gesellschaft zu sein, was Robert Seethaler im Interview mit dem Deutschlandfunk selber gut auf den Punkt bringt: „Was sie sonst verbindet, ist einfach die Menschlichkeit. Ich glaube auch, dass der Ort im Grunde genommen fast egal ist. Der Mensch in den Bergen unterscheidet sich nicht essenziell vom Mensch am Meer oder in einer Großstadt, wenn es ums wirkliche Leben geht, sind wir uns alle dann doch ganz ähnlich.“

Die Zukunft hat an den Toren unserer Stadt gerüttelt – und da stand eben gerade zufällig ich und habe das Eintrittsgeld kassiert.

Das Menschenbild dieses Romans ist eines, das von einer Universalität des Menschen in den Höhen und Tiefen des Lebens ausgeht und Seethaler weiß durchaus rührend davon zu erzählen. So folgt die Bildung von Gesellschaft den emotionalen Ausschlägen: „Für diesen einen, todtraurigen Moment waren wir das, was man eine Gemeinschaft nennt.“ Doch gerade der Vergleich mit Saunders „Lincoln in the Bardo“ wirft auch ein Licht auf das unterkomplexe Weltbild, das Seethalers Text zugrunde liegt. Denn wo es in „Das Feld“ nur den Menschen gibt, zeigt Saunders, wie das einzelne Schicksal in Gesellschaften eingebettet ist und wie aus Einzelstimmen eine wirkliche Gesellschaft wird. „Das Feld“ geht davon aus, dass sich die Menschen im Schmerz schon finden werden, „Lincoln in the Bardo“ zeigt, dass Gesellschaften komplizierter sind, Schmerz verbinden und trennen kann.


Wir danken dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.