Roland Schimmelpfennig: Kulturpessimismus für Dummies

Januarmorgen

In Deutschland ertönt wieder der Wolfsruf. Er schallt von Brandenburg bis nach Ostwestfalen, von Schleswig-Holstein bis in den Bayerischen Wald. Einst war seine Ausrottung ein Sieg der Zivilisation – endlich mussten sich die immer weiter ausbreitenden Viehherden nicht mehr sorgen, gerissen zu werden. Der Mensch hatte die Wildnis aus Deutschland vertrieben. Doch mit wachsendem Fortschritt sehnen sich die Leute wieder nach ein bisschen Wildnis. Nur so erklärt sich der Boom in der Branche des Abenteuerurlaubs und so wird auch die Rückkehr des Wolfs im Allgemeinen mit freudiger Faszination aufgenommen. Und da der Wolf schon immer Projektionsfläche für alle möglichen abgründigen Phantasien war, wundert es einen nicht, dass der Wolf auch in der Kunst zurückgekehrt ist: Gleich zwei vielbeachtete Werke beschäftigen sich 2016 mit dem zurückgekehrten Raubtier: Nicolette Krebitzs „Wild“ und Roland Schimmelpfennigs „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“. Das eine ein sehr kluger und aufregender Film, das andere klischeebeladener Unsinn. 

„An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts überquerte ein einzelner Wolf kurz nach Sonnenaufgang den zugefrorenen Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen.“ So beginnt Schimmelpfennigs Roman und markiert damit gleichsam die Rückkehr des Wolfes. In diesem Satz – so wie in jedem guten, ersten Satz – steckt alles drin, was den Text ausmachen soll: Der Wolf, die Kälte, die ihn begleitet und der Grenzübergang. Denn Grenzen werden in diesem Roman ständig überschritten und damit wird offensichtlich, als was man die Wolfsmigration auch erzählen kann: als politische Geschichte. Lange Zeit war das Tier hinter dem Eisernen Vorhang in der polnischen und russischen Wildnis gefangen. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks öffnete sich die Grenze nicht nur für Menschen, sondern auch für den Wolf. Von da aus macht er sich auf den Weg nach Berlin, samt anderer Grenzgänger.

Den letzten Wolf hatte man hier vor über hundertsechzig Jahren gesehen, im Jahr 1843.

Da wären zum Beispiel Tomasz und Agnieszka, die von Polen nach Berlin gezogen sind und sich dort versuchen durchzuschlagen – sie als Reinigungskraft, er als Lastwagenfahrer und Bauarbeiter. Auf einer seiner Touren bleibt er im Stau stecken und entdeckt am Straßenrand den Wolf. Das Foto, das er macht, verkauft er an eine Zeitung, wodurch der Wolf zum öffentlichen Ereignis wird: Ähnlich wie bei Braunbär Bruno gerät eine ganze Region in Aufruhr und ist nervös-erregt über den tierischen Neuankömmling. Anders als die beiden kommen viele andere Protagonisten ohne Namen aus. Ein Jäger, der neben seinem Hochsitz tot aufgefunden wird, zwei Jugendliche, die aus ihrem brandenburgischen Dorf nach Berlin abhauen oder eine Frau, deren Depression sie auf einen pädagogischen Bauernhof führt. Sie alle überqueren auf ihre eigene Art Grenzen, Zivilisation/Wildnis, Kindheit/Erwachsensein, Gesundheit/Krankheit.

Seitdem Tomasz in Deutschland lebte, hielt er es nicht mehr aus, allein zu arbeiten. Seitdem er in Deutschland war, hielt Tomasz es nicht mehr aus, allein zu sein.

Während der Wolf um die Stadt zirkuliert, bis er immer weiter ins Zentrum vorstößt, ist die Handlung weitestgehend im Prenzlauer Berg angelegt. Schimmelpfennig fächert einen Stadtplan auf, skizziert Spaziergänge mit kartographischer Genauigkeit. Das erzeugt die erste Irritation: Während der Roman viel über Straßen- und Verkehrsverläufe erzählt, hat er über den Prenzlauer Berg als Ort nichts Substantielles zu sagen. Die akribische Präzision bei gleichzeitiger völliger Gleichgültigkeit gegenüber dem Schauplatz ergibt vor allem Konfusion. Stattdessen werden alte Klischees aufgewärmt, die zwar nicht falsch, aber auserzählt sind. Da gibt’s dann die Wohnung, die der Bewohnerin unter den Füßen wegrenoviert wird oder aber die alte Frau, die nach Jahren ihren Spätkauf schließen muss, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten kann.

Hier reden alle über den Wolf. Hast du von dem Wolf gehört?

Es ist nicht so, als wäre die Gentrifikation und die Art, wie Menschen ihre Wohnungen verlieren kein literarisches Thema. Doch alles was dem Text dazu einfällt ist die schlichte Erkenntnis: es wird kälter. Es wird sogar so kalt, dass die Wölfe zurückkommen. Kälter in den Städten, kälter in den Herzen. Der Wolf funktioniert dabei als gesellschaftliches Kontrastmittel. Kaum stromert das Tier in der Berliner Peripherie herum, werden an allen Orten Konflikte sichtbar. Agnieszka betrügt Tomasz und wird von einem anderen Mann schwanger, einer der zwei entlaufenen Jugendlichen wird von einem Auto erfasst, als ihn sein angetrunkener Vater gerade nach wochenlanger Suche gefunden hat.

Doch Schimmelpfennigs mächtigstes und gleichzeitig fatalstes Werkzeug ist die Sprache selbst. Eine einfache und harte Hauptsatzprosa soll einen Eindruck davon vermitteln, wie kalt diese Gesellschaft des Romans ist. Leider verhält es sich mit dieser Kälte ähnlich wie mit Nietzsches berühmten Busch, hinter dem man was versteckt, nur um sich dann zu freuen, wenn man es findet. Die Sprache Schimmelpfennigs deckt keine Kälte auf, sie trägt keine Schichten ab – diese Sprache erzeugt nur Kälte, von der sie dann behauptet, sie vorgefunden zu haben. Und dabei ist sie auch noch plump und plakativ: „Die Fensterscheibe war kaputt. Es war eiskalt, und es schneite ihr bei der Fahrt ins Gesicht.“ Ein solches Hantieren mit Signalwörtern zeugt von einem Literaturverständnis, das glaubt, der Leser sei ein Pawlowscher Hund, der bei den richtigen Reizen schon anfängt zu frieren.

Die ganze Stadt in Aufruhr. Die Zeitungen, die Schlagzeilen. Das Lokalfernsehen. Die Nachricht weltweit. Der Berliner Wolf. Völker schaut auf diese Stadt, wie hat sie sich verändert. Dieser Wolf ist ein Berliner.

Man muss sich schon wundern, dass Schimmelpfennigs Roman es jemals zum Anwärter auf den Leipziger Buchpreis gebracht hat. Dieser völlig unterkomplexe Text, der über unsere Gegenwart nichts anderes zu sagen hat, als dass sie irgendwie schlimm ist, kann eigentlich nur solche Leser befriedigen, die eh der Meinung sind, dass früher alles besser war. Denn viel höher ist das Reflexionsniveau hier nicht. Diese Leere füllt der Roman damit, dass „Wolf“ und „Kälte“ solange wiederholt werden, bis man sich den geistigen Wintermantel anzieht. Zwar kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass das Klima in unserer Gesellschaft rauer wird, aber ein bisschen intelligenter darf es schon sein. Wer mit kalten Augen auf die Welt schaut, wird auch nur Kälte erkennen.


Wir danken dem S. Fischer-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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