Ronja von Rönne: Der diskrete Charme der Digital Natives

Wir kommen

Nein, das soll nicht der zweihundertste Text über die Attacken Ronja von Rönnes auf den modernen Feminismus werden. Dieser alte Käse stank schon als er das erste Mal aufgetischt wurde. Jede Generation muss sich gegen die Eltern auflehnen – und wenn man das Kind von Alice Schwarzer und Laura Himmelreich ist, dann rebelliert man halt gegen #Aufschreie und längst vergessene Magazine wie die „Emma“. Trotzdem lohnt ein Blick in ihre Welt-Kolumne, sie sind ein Schlüssel zum Verständnis der Autorin. Denn neben gekonnter Selbstinszenierung gibt von Rönne Einblick in ihre Gedankenwelt und entwickelt ansatzweise eine Poetik, die sich in ihren Debütroman „Wir kommen“ fortsetzt. Von Rönnes Dauerbrenner sind dabei die Last der Freiheit, das Unglück, das aus Privilegien erwächst und die Traurigkeit, die durch zu viele Alternativen entsteht. Von all diesen Themen erzählt auch „Wir kommen“, das teilweise hymnische Reaktionen hervorgebracht hat und in der ZEIT schon als neuer Chandos-Brief gefeiert wurde. Zeit Protest einzulegen.

Seit Goethes „Wahlverwandtschaften“ sind Vierer-Konstellationen im Roman ein beliebtes Experimentierfeld für kommunikative Dynamiken. Auch die scheinbar sonst so traditionsfeindliche Ronja von Rönne hat sich für so einen Versuchsaufbau entschieden, in dessen Zentrum sich die Ich-Erzählerin Nora befindet, die ein Trash-Format im Fernsehen moderiert. Dazu kommt On-Off-Freund Jonas, sowie Karl und Leonie mit der verstummten Tochter Emma-Lou. Alle vier sind Charaktere, wie man sie als Klischee der zehner Jahre beschrieben bekäme: Alle irgendwie erfolgreich, alle irgendwie medienaffin und alle irgendwie ständig gelangweilt oder melancholisch. Es ist die Generation, in dessen Zeit sich die Epoche der Ironie dem Ende zuwendet. Nach der virtuos-zerstörerischen Freude der Popliteraten am flottierenden Referenzspiel, dem „alles nur so sagen, nicht so meinen“ hat sich dieser Modus leergelaufen: Die Ersatzhandlung ist zur eigentlichen Handlung geworden: „Ich weiß noch nicht, was ich heute Abend mache. Vielleicht markiere ich etwas mit „gefällt mir“ oder aber „Ich sah ihm einige Zeit dabei zu, dann sortiere ich meine Bücher nach Farben.“ Wir schauen den ganzen Tag Serien, weil wir selbst nichts mehr erleben und wenn wir witzig sein wollen, dann machen wir keine Witze, sondern Witze über Witze.

Das Schlimmste auf der Welt ist mein kaputter Computer.

Daher ist es nur folgerichtig, dass eine der Lebensstrategien Karls darin besteht, jedem Konflikt mit dem Satz „Wir fahren ans Meer“ zu begegnen; und so macht sich die Viereinhalb-Konstellation auf den Weg ins Strandhaus. Das hilft natürlich nicht lange, denn „Wir fahren ans Meer“ kann man am Meer nicht mehr sagen. So dreht der Roman im Kreis und macht durch die Handlungsreduktion Platz für andere Überlegungen. Denn Ronja von Rönne geht in ihren Überlegungen zum Leben als Ersatzhandlung einen Schritt weiter und verlegt das Ganze auf eine poetologische Ebene: Was ist eine Metapher anders als eine Ersatzhandlung? Das eine sagen, das andere meinen: „„Brötchen aus Leidenschaft!“ – Ich hätte lieber Brötchen aus Teig gehabt […]“ Ich-Erzählerin Nora stößt sich an Landschaften, die schon mit lauter Metaphorik behängt sind, bevor man überhaupt hingeschaut hat. Sie verzweifelt an Metaphern, die den Dingen mehr Bedeutung geben als sie eigentlich haben und sie will raus aus der Spirale des Klischees, mit dem jeder konfrontiert ist, sobald er den Mund aufmacht. Drum sagt sie den Metaphern den Kampf an und nennt folgerichtig ihre Schildkröte nicht Schildkröte (denn Obacht: tote Metapher!), sondern schlicht 390 Gramm. Das wurde zwar alles schon dutzende Mal formuliert – nicht umsonst der Verweis auf Hugo von Hofmannsthals Chandos-Brief – doch schon lange nicht mehr so lustvoll und unterhaltsam. In der Welt schreibt sie zu diesem Thema in einem anderen Kontext:

Ich bin blind für vorsichtige Kritik. Wenn mir jemand sagt „Schöner Text, aber denk doch nochmal über Anfang, Mittelteil und Schluss nach“, freue ich mich über das Lob. Ich kann subtil nicht, ich will subtil nicht und ich will auch nicht subtil wollen sollen. Ich kritisiere nicht subtil und ich will auch nicht subtil kritisieren. Aber es teilt niemand mehr aus, weil keiner einstecken möchte. Subtil ist ein Code für Dinge, die man eigentlich sagen will, und dieses eigentlich stört mich. Subtil ist eine Zipdatei, passiv-aggressiv komprimierte Feigheit.

Wieder das sagen, was man meint – das ist die große Sehnsucht, die nach dem Zeitalter der Ironie aus „Wir kommen“ spricht und die Ronja von Rönne immer wieder formuliert. Das Verstummen von Tochter Emma-Lou im Text gibt jedoch keinen besonders optimistischen Ausblick.

Maja ist nicht tot. Wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.

Doch die Autorin schiebt hinter die Viererkonstellation der gelangweilten Wohlstandserwachsenen noch eine fünfte Figur, die der Maja. Maja ist eine Kindheitsfreundin der Ich-Erzählerin und zum Zeitpunkt der Erzählgegenwart bereits gestorben, auch wenn die Ich-Erzählerin alles daran tut, sich diesem Umstand zu verweigern. Sie ist die Gegenfigur zu den vier Gelangweilten, denn sie versteht es, das metaphorische Verschlüsselungsspiel zu dechiffrieren. Sie kann Nora erklären, dass junge Mädchen gerne reiten, weil es sich wie Sex anfühle und sie geht da Risiken ein, wo andere vor lauter Entscheidungsschwäche vor dem Leben kapitulieren. Maja weist gleichzeitig auf einen Ausweg wie die Tragik dieser glücksverwöhnten Generation hin. Und sie offenbart ein kluges Portrait einer Generation als eine ziemlich kleinmütige Kapitulation vor der Gegenwart.

In ihrem Artikel „Warum ihr alle psychisch gestört seid“ erhebt die Autorin Anklage gegen den grassierenden Diagnosewahn von psychischen Erkrankungen. Seit Jahren geistert das Klischee durch die Debatte, jeder zweite sei depressiv, jeder dritte leidet an einem Burn-Out. Ob das nun eine Modeerscheinung ist oder die Diagnostik einfach präziser geworden ist, sei dahingestellt, Ronja von Rönne kehrt das Argument um: Natürlich muss man im Angesicht dieser Welt verrückt und traurig werden, nur manche haben das Glück, diese Traurigkeit auch offiziell bescheinigt zu bekommen: „Die Krankheit befreit meine Freundin aus dem Rennen, in dem sich der Rest von uns befindet. Ich kann mich kaum auf unser Gespräch konzentrieren, denke an Abgabefristen, Facebook-Likes, die Planung der nächsten Monate. Ich bin fast neidisch, denn Cara hat sich ausgeklinkt. Ihre Diagnose, ihr Aufenthalt in dieser Klinik, die besorgten Blicke der Eltern: Sie steht gerade nicht unter dem Druck, ihr Studium zu beenden, einen Job zu finden, generell glücklich zu sein. Cara darf entspannt zwanzig Minuten über Kaffee mit oder ohne Milch nachdenken und keiner verübelt es ihr.“ Krankheit als Befreiung der Zivilisationslast: Auch wenn man der Aussage die Lust an der Polemik zugesteht, kann so viel naiver Unfug irritieren.

Der Winter dauerte einige Jahre und blieb noch Metapher, als er schon Realität war.

Doch dieser Gedankengang steht stellvertretend für das ideologische Gerüst der Autorin, das auch den Roman durchzieht. An einer Stelle des Textes rekonstruiert die Ich-Erzählerin die Begegnung mit einem Ticketkontrolleur: „‘Folgen Sie mir.‘ – Dieser Satz war mir der liebste auf der Welt. Er ist ein Versprechen, sich zumindest ein paar Sekunden lang nicht selbst entscheiden zu müssen, er ist ein Hineingeben in die Fremdbestimmtheit. Ich wäre dem Kontrolleur überallhin gefolgt.“ Das ist der Moment, wo die Klage über Wohlstandsbefindlichkeiten und Überforderungserscheinungen aufhört unterhaltsam zu sein und in Erlösungsvorstellungen transzendiert. Denn was der Autorin als Lösung für die ganze Misere vor Augen schwebt, hat einen sehr miefig-autoritären Unterbau. Mit der Figur der Maja formuliert der Text die Sehnsucht nach einer Figur, die zeigt wo es lang geht, die den Entscheidungsverweigerern die Last der Alternativen abnimmt: „Das Unglück liegt in der Verfügbarkeit von Alternativen“.

„Wir kommen“ ist ein schwieriger Fall: Man würde sich häufiger Debütromane junger Autoren wünschen, die in dieser Weise wissen, was sie der Literatur abfordern wollen und vor allem, was sie gerade nicht wollen. Der Titel als Ankündigung oder Drohung tritt in der sonst so leisetretenden Literatur der Gegenwart wunderbar forsch auf. Auf der anderen Seite erschrecken die Modernitätsabscheu und die Mitleidslosigkeit im Angesicht der Überforderung und eine Autorin, die sich nicht einfach nur einem überbordenden Leistungsdruck verweigern will, sondern gleich ganz dem Denken. Wenn so die junge Literatur aussieht, hofft man auf die Alternativen.


Wir danken dem Aufbau-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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