Sabrina Janeschs „Die goldene Stadt“: Auf dem Umweg zum Weltruhm

Die goldene Stadt

El Dorado – so heißen heute nur noch schlechte Tex-Mex-Restaurants und noch schlechtere Cocktail-Bars, in denen der Cocktail-Preis zur Happy Hour schon mal in den bedenklichen Bereich rutscht. Lange Zeit war der Name „El Dorado“ jedoch eine Verheißung auf die ganz große Entdeckung und gleichzeitig der Inbegriff der kolonialen Ignoranz: Als die spanischen Konquistadoren alles Gold, das Südamerika zu rauben hatte, eingeschmolzen und ins Mutterland gebracht hatten, erträumte man sich einen Ort, der vor lauter Gold überquoll. Viele haben auf der Suche nach der sagenumwobenen Stadt aus Gold ihr Leben an den unbarmherzigen Dschungel verloren oder von Moskitos zerstochen und entnervt aufgegeben. Einer, der sich auch auf den Weg machte, war der Deutsche Rudolph August Berns. Der entdeckte zwar dann nicht El Dorado, aber immerhin mit Machu Pichhu die bedeutendste Ruinenstadt, die von der Inka-Kultur erhalten geblieben ist. Über seine unwegsame Reise hat Sabrina Janesch nun ihren neuen Roman „Die goldene Stadt“ geschrieben.

Janeschs Roman versteht sich dezidiert als Roman und nicht als Biographie. Der Autorin geht es nicht um eine Nachzeichnung oder eine historische Analyse, sondern darum, einen Mann zu verstehen, der gleichzeitig die Überzeichnung seiner Zeit verkörpert und trotzdem aus ihr herauszufallen scheint: „Um ihn wahrhaft zu verstehen, ihn zu spüren und zu begreifen – dafür habe ich die Romanfigur Augusto R. Berns erschaffen.“ Dennoch folgt Janeschs gründlich recherchierter Roman der Lebensgeschichte Berns‘, dem, als er als Sohn eines Weinhändlers 1842 in Uerdingen zur Welt kam, das Leben als Abenteurer nicht in die Wiege gelegt war. Doch das 19. Jahrhundert war auch das Jahrhundert des preußischen Aufstiegs, das Jahrhundert, als sich ein deutsches Bildungsbürgertum herausbildete und auch das Jahrhundert, in dem die Archäologie sich als Wissenschaft durchsetzte und einen wahrer Entdeckungsboom ausbrauch.

Wie man es dreht und wendet – Machu Picchu ist ein Ort, der Rätsel aufgibt.

Auch wenn sich der Fortschritt auch in der Heimat langsam Bahn bricht („Die Zukunft ist da! Die Eisenbahn kommt!“), entfacht das richtige Abenteuerfieber erst in dem Moment, als die Familie nach Berlin zieht. Die Stadt in ihrer Aufbruchsstimmung fasziniert den jungen Berns („Und war diese Stadt etwa kein Wunderwerk? Ganz Berlin sollte mit Wasser versorgt werden, aber nicht mehr aus Brunnen, sondern Leitungen, es stand in der Vossischen Zeitung und war schien unglaublich.“), er entwickelt erste Pläne für eine Reise nach Südamerika. Die Flausen will ihm dann kein geringerer als Wilhelm von Humboldt ausreden und tatsächlich scheint es auch erst so als würde er ein bürgerliches Leben wählen, er lässt sich zum Ingenieur ausbilden, doch als plötzlich sein Vater stirbt, hält ihn schließlich nichts mehr: „Das Meer, das Meer! Spiegelglatt lag es unter dem Bug. Rudolph Berns stand an der Reling und dachte: Ich hab’s geschafft, ich hab’s wirklich geschafft.“

„Meine Herren, dieser Mann hier ist Augusto Berns – ein Mann der Tat, ein Macher, ein ganz großer Realist!“

Es beginnt eine Reise, die sich als ein ständiger Umweg erweisen soll. Der erste Umweg führt ihn in die USA, wo er kurzzeitig droht zu versacken, schließlich schafft er es jedoch doch noch nach Südamerika, wo er sich nur noch Augusto Berns nennen lassen wird. Anstatt sich jedoch direkt auf die Suche nach El Dorado zu machen, findet er sich schließlich als Soldat in der peruanischen Armee wieder, wird schließlich Augenzeuge des Spanisch-Südamerikanischen Kriegs. Danach soll er noch versuchen im Dschungel eine profitables Sägewerk für Edelhölzer zu führen, sich am Bau der Golden Gate Bridge und Panama-Kanal beteiligen und, ach ja, Machu Picchu entdecken. Berns, wie er hier von Janesch geschildert ist, scheint immer dort zu sein, wo der Fortschritt einhält, wo sich Weltgeschichte abspielt.

„Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte rückwärts, der klassische Gang des ersten Tages.“

Janesch erzählt Berns Leben als ständigen Kampf gegen das Schicksal und die Elemente. Ein sympathisches Bild schildert sie weitgehend von dem Deutschen, der sich eine jugendliche Naivität erhält („Wann immer sie ihr Lager für die Nacht aufschlugen, dachte Berns: Mein Gott, es ist, als würde ich durch die Bücher meiner Jugend wandern.“) und einen gesunden Wahnsinn besitzt. Das ist über weite Strecken eine grundsolide Abenteuergeschichte mit allem was dazugehört: Action, Spannung (trotz der klaren historischen Situation) und exotistischen Schauplätzen. Man kann „Die goldene Stadt“ einen zielsicheren Sinn zur Unterhaltung nicht absprechen, diesem träumerischen Berns immer wieder dabei begleiten zu dürfen, wie er jede Niederlage in neue Motivation ummünzt. Doch so sehr wie es die Autorin versteht, diesem historischen Setting seine Spannung zu entlocken, so sehr verpasst sie es leider auch den Moment, an dem es Zeit wäre, dem dann mittlerweile unter seiner Länge ächzenden Roman eine neue Ebene zu geben.

Es musste die Welt sein, die Welt an sich, die gegen ihn war. Ruin – das Wort stand ihm so deutlich vor Augen, dass er es fast mit den Händen greifen konnte.

Denn obwohl Janesch einigen Aufwand betreibt, um den historisch-politischen Kontext zu entwickeln und auszuschmücken, ist dieser Roman aufs Enttäuschende unpolitisch. Dass dieser Berns tatsächlich nur ein verträumter Deutscher war – mag sein. Dass sein Handeln natürlich trotzdem auch ein koloniales Handeln war, reflektiert „Die goldene Stadt“ leider kaum. Zu viel Anspruch für einen Abenteuerroman? Mitnichten. Schließlich ist Sabrina Janesch ja nicht irgendeine Schmonzetten-Autorin aus dem Goldmann-Verlag, sondern eine mehrfach preisgekrönte Hoffnung der jungen deutschsprachen Literatur. Den Roman mit der Frage zu unterfüttern, was es heißt, dass dieser Deutsche das Inka-Erbe in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit rückt, hätte auch über einige kompositorischen Schwächen hinweggeholfen, die sich über die zweite Länge einschleichen.

„Ein Held ist einer, der Glück hat.“

El Dorado – das ist in diesem Buch die zentrale Metaphorik für eine unstillbare Sehnsucht nach Größe, Anerkennung und dem ganz großen Wurf. Manchmal, so die These dieses Buches, sind auf dem Umweg die größten Entdeckungen zu machen. Literarische Umwege nimmt Janesch mit „Die goldene Stadt“ kaum, stattdessen gibt es sehr souveräne, stellenweise sehr unterhaltsame Straight-forward-Literatur, die über ihre Eindimensionalität ins Straucheln gerät.


Wir danken dem Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar.

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