Saša Stanišić‘ „Fallensteller“: Der große Zampano

Fallensteller

Saša Stanišić ist ein eigentümliches Phänomen in der deutschsprachigen Literatur. Größer als bei anderen Autoren ist bei dem mittlerweile nur noch so halbjungen Senkrechtstarter die Lust verbreitet, kategorische Urteile über sein Werk zu fällen. Die eine Seite wirft ihm vor – bekanntestes Beispiel Maxim Biller – seine bosnischen Wurzeln für den literarischen Ruhm in Deutschland zu verleugnen, den anderen schreibt er noch zu bosnisch. Für andere wiederum ist er die Personifizierung der gleichgeschalteten Leipziger-Institut-Schreiberei. Seinem Erfolg haben all diese Angriffe keinen Abbruch getan, nach einem ersten Ausrufezeichen beim Bachmann-Wettbewerb erhielt er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse für seinen jüngsten Roman „Vor dem Fest“. Nun ist sein Erzählband „Fallensteller“ erschienen. Höchste Zeit über den konkreten Text zu sprechen. Das ist ein zweifelhaftes Vergnügen.

Wer eh Schwierigkeiten mit Erzählungen hat, weil liebgewordene Figuren so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind, weil sie Identifikationsflächen vermissen lassen oder auch nur, weil man irgendwann mal gehört hat, dass nur Romane in der literarischen Champions League spielen, kann beim „Fallensteller“ beruhigt aufatmen. Die längste und namensgebende Erzählung kehrt zu „Vor dem Fest“ zurück, ins uckermärkische Fürstenfelde, diesem verschrobenen, abseitigen und geschichtenreichen Ort. Mittlerweile hat sich das literarische Potential der Stadt nach außen gewölbt, Fürstenfelde ist bekannt geworden, die Figur Lada bekommt einen Literaturpreis verliehen. Der Schriftsteller des Romans ist abgezogen, dafür gibt es nun einen Fallensteller.

Die Mausefalle hat die Mäuse nicht interessiert. Die Mausefalle hat die Menschen interessiert.

Den anderen großen Handlungsstrang, der sich über drei Erzählungen zieht, gehört Georg Horvath, den eine deutsche Brauerei nach Brasilien führt. Er befindet sich in einer Art babylonischer Sprachverwirrung, die immer weiter eskaliert, bis man das Ganze – Horvath wird zum Schöpfer kurioser Neologismen – nur noch als „kafkaeskul“ bezeichnen kann. Den Erzählband eröffnet Ferdinand Klingenreiter , der in der ersten Erzählung vom Holzarbeiter zum Zauberer wird und sein Publikum verführen möchte, was selbstredend über Stanišić hinaus auf Thomas Mann und seinen „Mario und der Zauberer“ verweist. Thomas Mann führt in seiner Erzählung die Verführungskünste und Gewalt der Bühnensituation vor, die er dank des italienischen Settings mit dem Faschismus verknüpft. Im „Fallensteller“ ist von diesem Bedrohungsszenario nicht viel geblieben, stattdessen gibt es Gemeindehaus-Atmosphäre.

„Ich übe Verschwinden.“

Über all diese Erzählstränge und Motive versucht der Erzählband, das, was auch schon in „Vor dem Fest“ Stanišić‘ Projekt war: der Sprache selbst auf den Grund zu kommen. Der Fallensteller ist dabei – kaum überraschend – der gängigste Topos, was Christoph Schröder in der ZEIT zu der wenig kreativen Erkenntnis kommen lässt: „Stanišić selbst ist der Fallensteller.“ Die Sprache stellt dem Menschen Fallen, Menschen stellen aber auch anderen Menschen mit der Sprache Fallen. Auf irgendeine Weise haben alle Figuren ein problematisches Verhältnis zur Sprache, entweder sie sind sich ihrer Macht zu sehr bewusst oder zu wenig: „Das Biest Sprache hat mich in seinen Fängen, denkt er und schüttelt sich, ihm ist leicht übel, vielleicht von der Spinattasche, vielleicht von der Taktlosigkeit des Untergrunds, vielleicht von der Hitze. Sollte Dschungel nicht kühl sein? Er krempelt die Ärmel hoch.“ Das Problem mit dem Topos des Fallenstellers ist jedoch, dass er einen Schlaumeier-Wettbewerb provoziert, den Christoph Schröder mit seiner Offenbarung eröffnet hat und vom nächsten überboten wird, in dem man raunend mahnt, dass die Selbstbezeichnung als Fallensteller vielleicht die erste Falle des gewitzten Autors darstellen könnte. So schützt sich der Text gleich vor jedem Deutungsversuch und ist gegen jede Kritik versichert: „War doch alles nur ein Trick!“

Auch als Justiziar muss er präzise sein und seine Texte unmissverständlich aufsetzen, es sei denn, er stellt der Gegenseite eine Falle.

Anders lässt sich nicht erklären, wieso die Rezeption so gütig über den zeitweise eklatant unfertigen Zustand einiger Erzählparts hinwegsieht und die offensichtliche Selbstreferenzialität frenetisch beklatscht. Wie man komplexe Überlegungen über sprachliche Phänomene anstellt und gleichzeitig plastische Figuren zeichnen kann, davon gibt es viele Beispiele in der Weltliteratur, hier sind es eher papierne Spielzeuge unter Autorgewalt. Dazu kommt eine ausgeprägte Fabulierlust, die häufig unterhaltsam ist, aber zu selten zur Stelle ist, wo sie ihre Wirkung entfalten würde. Sätze wie „Die Fabrik, sagen sie, hat sich geräuspert vor Zeiten.“ wirken dadurch merkwürdig entrückt vom restlichen Text und sind wohl vom letzten Poetry-Slam übrig geblieben.

Die Hirten haben ihrem Räuspern gelauscht und hüten ihr Zögern.

Wirklich großartig wird der Autor auf der kürzesten Strecke, in einer kurzen Miniatur über Hirten in der europäischen Peripherie des ehemaligen Jugoslawiens. In kleinen Bildern von den Hirten, die in ihren Tee Mars tunken oder von der EU kurz besucht, nur um wieder im Stich gelassen zu werden, findet der Autor einen Ton, der eine Idee von der existenziellen Wucht vermittelt, mit der Menschen von der Konstellation der Nähe und Ferne, von Vertraut- und Fremdheit überfordert werden. Leider sind solche Stellen in diesem Band in der Unterzahl. Den Zauber, den Saša Stanišić hier veranstaltet, ist einer, der vor allem den Zauberer selbst begeistert. In die Falle gehen ihm trotzdem noch genug.


Wir danken dem Luchterhand-Verlag für das Rezensionsexemplar.