Saul Bellows „Herzog“: „His happiness was painful.“

Bellow-Herzog

Die Ich-Erzählung ist gegenwärtig die dominante Erzählperspektive in der deutschsprachigen Literatur. Sie verspricht Unmittelbarkeit, versucht erst gar nicht so etwas wie Objektivität vorzugaukeln und hat die Allmacht des auktorialen Erzählers des 19. und 20. Jahrhundert verloren. In ihr lassen sich innere Vorgänge nicht mehr ohne weiteres von äußeren trennen, jede Wahrnehmung ist vom Ich bestimmt. Auch wenn der Ich-Erzähler nicht exklusiv der Autobiographie vorbehalten ist, birgt er immer die Versprechung auf eine Instanz, die für das Erzählte einsteht, zur Not auch mit dem Leben. Welch Irrsinn! Wer heute noch mal Saul Bellows „Herzog“ liest, kann die Dominanz des Ichs nur bedauern.

Moses Herzog ist ein armer Tropf. Das Leben des als Dozenten arbeitenden Literaturwissenschaftlers ist eine Anreihung von unglücklichen Verkettungen. Er ist zweimal geschieden, seine Exfrau hat ihn schon während der Ehe betrogen, im Grunde läuft alles schief: „Considering his entire life, he realized that he had mismanaged everything – everything.“ Seine Eltern kommen, wie auch Saul Bellow selbst, aus Osteuropa und sind den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der Shoah entkommen.

If I am out of my mind, it’s all right with me, thought Moses Herzog.

Herzogs Alltag ist, ähnlich wie bei Philip Roth und bei dessen deutschen Epigonen Maxim Biller, durch Frauengeschichten geprägt. Seine zwei geschiedenen Ehen haben ihn gleichzeitig dem anderen Geschlecht gegenüber verbittert und manisch gemacht: „Herzog wrote, Will never understand what women want. What do they want? They eat green salad and drink human blood.“ In der Romangegenwart hat er eine relativ stabile Beziehung zu Ramona, die ihn immer wieder vor dem toxischen Verhältnis zu seiner zweiten Ehefrau Madeleine und ihrem Geliebten, Valentine, der gleichzeitig mit Moses befreundet ist, warnt. Diese Dreierkonstellation ist für Moses Herzog eine Art Gefängnis, teilweise geht es soweit, dass die beiden ihn in seinen Lebensentscheidungen, wo er wohnt, was er arbeitet, völlig entmündigen.

„Haven’t I always leveled with you?“ she said. „I am not just another surburban hausfrau.“

Herzogs jüdische Identität spiegelt sich in seiner Familiengeschichte, genauso wie in seinem Alltag. Das Jiddische seiner familiären Herkunft hat den Weg bis in die USA geschafft, gleichzeitig wirkt es an einigen Stellen deplatziert oder ist ironisch gebrochen: „Valentine loved to use Yiddish expressions, to misuse them, rather.“ Es verkommt in einer Welt, die mit Osteuropa nur noch bedingt etwas zu tun hat, zur Pose. Gerade wegen dieser Entfremdung ist „Herzog“ auch ein Roman über das jüdische Leben in den USA, zumindest derer, die während oder nach der Naziherrschaft gekommen sind.

„Don’t carry on like a goddamn immigrant.“

Mit Herzogs Opferidentität kann das Wirtschaftswunder-USA in Form seiner christlichen Ehefrauen nicht viel anfangen, die ewigen Familiengeschichten und das Klagen über die eigenen Eltern, die ihre Vergangenheit nicht abschütteln können, stößt auf Unverständnis: „‘Spending your dead father’s money. Dear Daddy! That’s what you choke on. Well, he was your father. I don’t ask you to share my horrible father. So don’t try to force your old man down my throat.‘“ Für die Eltern und in diesem Sinne auch für Moses Herzog bestätigt sich das alte Sprichwort: „You can take the man out of the ghetto, but you can’t take the ghetto out of the man.“

Mother Herzog had a way of meeting the present with a partly averted face.

Herzogs andauernde Verbindung zu seinen europäischen Wurzeln – „I still carry European pollution, am infected by the Old World with feelings like Love – Filial Emotion.“ – zeigt sich jedoch auch in seiner Weltsicht und seinem intellektuellen Schaffen: „He had fallen under a spell and was writing letters to everyone under the sun.“ Herzog schreibt und schreibt Briefe, die er nie abschickt, an Nietzsche, an Gott, an Leute, die ihm nahestehen, an Politiker. Für Herzog sind diese Briefe die Möglichkeit sich zu beschweren oder Geständnisse zu machen, sich intellektuell mit verschiedenen Philosophien auseinanderzusetzen und sich in der Welt zu verorten. Denn in einer Welt, die immer droht, einfach über ihn wegzurauschen, sind diese Briefe ein freier Raum der Artikulation und ein Weg schließlich unbedroht „Ich“ sagen zu können.

That is a crude world of finery and excrement. A proud, lazy civilization that worships ist own boorishness.

Die Erzählperspektive ist nämlich das eigentlich immer noch aufregende an diesem Roman. Anders als der meist statisch bleibende Ich-Erzähler stellt Bellow seinem Protagonisten einen personalen Erzähler an die Seite, der mal so nah dran an Herzog ist, dass beide fast verschmelzen, und der dann wieder von ihm abrückt, bis er eher einem auktorialen ähnelt. Herzogs Kampf mit der Welt reflektiert sich in diesem changierenden Nähe-Distanz-Verhältnis zur Erzählinstanz und bringt ihm dem Leser gleichzeitig mit einer wohlwollenden, nie distanzierten, aber nicht unkritischen Beziehung zum Protagonist. So lässt sich im Grunde der Handlungsverlauf daran ablesen, in welcher Stellung der Erzähler zum Geschehen und zu Moses Herzog steht.

„Or maybe what you need is a girl who survived the concentration camps, and would be grateful for a good home.“

Saul Bellow gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des amerikanischen 20. Jahrhundert und wer heute noch einmal „Herzog“ liest, kann sich in diesem historischen Urteil nur bestätigt fühlen. In Saul Bellow erkennt man beides: seine Epigonen wie Philip Roth oder Maxim Biller, als auch seine Vorgänger, Nabokov oder Dostojewski. Dieses literarische Amalgam Saul Bellow, das aus europäischen wie US-amerikanischen Einflüssen entstanden ist, ist heute noch genauso aufregend wie vor rund fünfzig Jahren.

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