Schlaf, Kindlein, schlaf: Verena Friederike Hasels „Lasse“

hasel_lasse

In ihrem Debütroman „Lasse“ setzt Verena Friederike Hasel sich mit einem gesellschaftlichen Tabuthema auseinander: Was geschieht, wenn eine Mutter ihr Kind nach der Geburt nicht lieben kann? Aus einer unmittelbaren Ich-Perspektive erlaubt Hasel dem Leser in vier Kapiteln auf zweihundert Seiten einen Blick in die Gedanken einer jungen Frau, die völlig auf sich allein gestellt alles versucht, um ihrem Sohn eine gute Mutter zu sein – und scheitert.

Nina, das Ich des Textes, ist Studentin, sie wohnt in einer Hausgemeinschaft, in der alle zusammenhalten und befreundet sind, und sie verliebt sich in Lennart, der ihre Blinddarmentzündung operiert. Nach wenigen Seiten ist bereits klar: Mit Nina stimmt etwas nicht. Aus beifälligen Bemerkungen des Ichs schließt man früh, dass vor allem das Verhältnis zur Mutter gestört ist. Um ihr nahe zu sein, liest die Protagonistin ihre Bücher, jedoch nicht den Text, sondern ihre handschriftlichen Anmerkungen; oder sie öffnet die Pakete, die ihre Nachbarn von ihren Eltern erhalten, weil Nina niemals Pakete erhält.

Ihr Verhältnis zu Lennart ist obsessiv. Sie lässt ihn kaum mehr aus den Augen, bringt alles über ihn in Erfahrung und durchsucht seine Habseligkeiten. Wenn er sich nicht meldet, fährt sie unangemeldet zu ihm; sie kann nicht allein sein. Doch besonders tiefgründig ist die Beziehung zu Lennart nicht, die fehlenden Konversationen werden mit Körperlichkeit und Sex ersetzt. Es stellt sich heraus, dass der junge Arzt aus einer langjährigen, sehr ernsten Beziehung mit Puck kommt, die er noch nicht überwunden hat – und trennt sich von Nina, als diese eifersüchtig wird und sich weigert, seine Wohnung zu verlassen. Stellenweise könnte man die Protagonistin sicherlich als Stalkerin bezeichnen, aber das Nachstellen wird nicht wie bei Setz oder Brell zum zentralen Motiv, sondern wirkt viel mehr als Symptom von Ninas psychischen Labilität.

Ich bin in diesen Wochen mehr als ich jemals zuvor war.

Als er erfährt, dass Nina schwanger ist, will Lennart, dass sie abtreibt, aber Nina ist überglücklich. Endlich sieht sie in ihrem Leben einen Sinn: „[S]eitdem die vielen Bauarbeiter hier in der Gegend sehen, dass mein Körper nicht bloß zum Sex was taugt, sondern auch Leben schenken kann, stoßen sie, wenn ich vorbeilaufe, nicht mehr gellende Pfiffe aus, sondern schauen ehrerbietig und ein wenig scheu“. Sie versucht, Lennart zurückzugewinnen, sie wünscht sich eine Bilderbuchfamilie – aber der Bilderbuchvater ist zu seiner Exfreundin zurückgekehrt und bricht den Kontakt zu Nina ab. Fest nimmt sie sich vor, die perfekte Mutter zu sein, wenn sie schon alleinerziehend ist. Sie kauft sich Bücher wie „Das glücklichste Kind der Welt“, geht zu sämtlichen Geburtsvorbereitungskursen und achtet strikt auf ihre Ernährung. Auch hier zeigt sich das Manische an Nina: „besser als all die anderen sein“ ist das Gebot der Stunde. Sie liebt das Kind in ihrem Bauch, das sie Lasse nennt.

Alles ändert sich mit der Geburt: trotz aller Vorbereitungen und Coachings hält Nina die Schmerzen kaum aus, und als sie ihr Baby im Arm hält, ist sie überzeugt, dass dies nicht Lasse,  nicht ihr Kind sein kann, dass es zu einer Verwechselung gekommen ist. Nachdem ihr versichert wurde, dass das große, dicke Baby ihres ist, nennt sie es Felix und bringt ihn nach Hause, als sie nicht länger im Krankenhauszimmer bleiben darf. Das Kind bleibt ihr fremd.

Das könnte jetzt der Moment sein, der alles verändert, der erste Blickkontakt, innig und tief, doch da ist kein Versinken in den Augen des anderen, kein Überschappen und kein Einswerden.

Und auch sonst wird nichts einfacher. Nina hat Geldprobleme. Das Haus, in dem sie bisher lebte, wurde an einen Investor verkauft und fällt der um sich greifenden Gentrifizierung zum Opfer. Die Folgen der Geburt belasten sie körperlich.
Hilfe sucht Nina in Kindercafés und Babykursen, immer wieder sucht sie den Kontakt zu Lennart, zerstört aber alles, als sie zunächst Puck, später auch Lennarts Mutter kontaktiert. Alle Menschen in ihrem Umfeld belügt sie, um den Schein zu wahren, sie will um jeden Preis den Ansprüchen genügen, die die Gesellschaft an sie stellt. Aber Felix hört einfach nicht auf zu schreien. Sie sucht Hilfe, beim Kinderarzt, im Krankenhaus, aber niemand nimmt sie ernst.

Wirklich viel passiert in Lasse nicht, dieser Roman lebt von seiner Stimmung und seinen psychologischen Beobachtungen. Nina belügt nicht nur alle Menschen, mit denen sie interagiert, sondern sie belügt sich auch selbst: noch lange nach der Trennung von Lennart redet sie sich immer wieder ein, dass er bestimmt gleich komme, dass sie sich bestimmt versöhnen, sie druckt sogar zweihundert Geburts-Grußkarten für alle Verwandten vom Kindsvater. Durch die Ich-Perspektive verschwimmen die Grenzen zwischen erzählter Realität und der gedankeneigenen Logik der Figur.

Mit Lasse folgt Hasel in einer besonders radikalen Weise einem Trend der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: dem Mutterroman, der die Rolle der Mutter in der Gesellschaft von verschiedenen Seiten betrachtet und hinterfragt [vgl. beispielsweise die Longlist-Romane Aberland von Gertraud Klemm oder Bodentiefe Fenster von Anke Stelling].  Es ist der Autorin hoch anzurechnen, dass sie mit ihrem literarischen Debüt einem Tabuthema Raum gibt. Noch radikaler wäre es gewesen, der Figur der verzweifelten Mutter nicht eine derartig schwere Vergangenheit – Suizid der Mutter, Vater unbekannt – zu geben. Es entsteht der Eindruck, dass Schicksale wie jenes von Nina immer auf eine traumatische Kindheit und akute psychologische Probleme zurückgehen, obwohl jede Frau von postpartalen Depressionen betroffen sein kann. Dennoch, dieser absolut lesenswerte Roman ist ein fulminantes Debüt: sprachlich und narrativ sehr präzise und thematisch hochbrisant.


Wir danken Ullstein für das Rezensionsexemplar.

Kommentar verfassen