Schrei nach Liebe? Lukas Rietzschels „Mit der Faust in die Welt schlagen“

Kaum ein Buch hat in diesem Literaturherbst so viel Aufmerksamkeit erfahren wie der Roman von Lukas Rietzschel. Buchhändler und Blogs wurden bereits Monate vor Veröffentlichung mit „Mit der Faust in die Welt schlagen“ beschickt, der Verlag lud Presse und BloggerInnen zu einem Tagesausflug samt Autor nach Sachsen ein, zum Erscheinungstermin gab es ein überdimensionales Schaufenster im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann im Coverdesign und vor allem gab es jede Menge Presse. Das alles ist insofern überraschend, da es sich um einen Debütroman handelt. Rietzschels Buch wird als „das Buch der Stunde“ gehandelt – zu Recht?

„‚Es [das Manuskript] ist uns einen Tag nach der Bundestagswahl angeboten worden.‘ Alle wollten es damals haben“, wird der Ullstein-Verleger Gunnar Cynybulk in der Berliner Zeitung zitiert. Auch wenn er nichts anderes behaupten kann, als dass alle Verlage gerade dieses Buch unbedingt veröffentlichen wollten – vorstellbar ist es durchaus, dass sich die Verlagslandschaft um Rietzschels Manuskript riss.
Dass dies nicht etwa ein Qualitätssiegel für den Roman ist, sondern Zeugnis eines Literaturbetriebs, in dem es nicht mehr vorrangig um Literatur, Poetik und Sprache, sondern nur noch um das nächste ‚Buch der Stunde‘ geht, das lediglich inhaltlich und thematisch aktuell sein muss, zeigt sich nach der Lektüre der ersten Seiten.

Rietzschel erzählt von zwei Brüdern, Philipp und Tobi, die in einem Dorf im Osten von Sachsen aufwachsen. Gegliedert ist der Roman in drei Teile mit jeweils mehreren kurzen Kapiteln, die chronologisch vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2015 erzählen.
Für die Jungs und ihre Eltern beginnt das neue Jahrtausend voller Hoffnung: Die Familie baut ein Haus. Hilfe bekommt der Vater dabei von seinem Arbeitskollegen Uwe, der die Nachwende-Familie an die DDR-Vergangenheit erinnert und einen proleptischen Blick in die Zukunft gewährt: Der Alkoholiker wurde von seiner Frau verlassen, die nach der Wende in den Westen gegangen ist, und wird im Dorf als angeblicher Stasi-Spitzel gemieden und geachtet, was ihn schließlich in den Suizid treibt.

Von da an geht es für die Jungs bergab. Die Ehe der Eltern zerbricht langsam, da der Vater das Haus nicht irgendwohin, sondern neben das Haus seiner Exfreundin gebaut hat, die über den Gartenzaun wieder zueinander finden. Die beiden Söhne leiden unter der Krise der Eltern, erfahren wenig bis keine Zuwendung, verbringen die Freizeit vor dem Fernseher. Sie haben einander, konkurrieren aber auch, sind sich mal näher, mein weniger nahe.
In der Schule finden sie Anschluss, doch ihre Freunde sind intolerant und fremdenfeindlich. Die Hakenkreuz-Schmierereien und Nazi-Parolen beginnen als Spiel, als pubertäre Überschreitung eines gesellschaftlichen Tabus, aber es folgen keine Konsequenzen. Mit zunehmendem Alter radikalisieren sich die Freunde von Philipp und Tobi mehr und mehr, und so auch die Brüder selbst.

Die Sprache von Rietzschel ist so schlicht wie das Gedankengut der Clique, um die es geht. Erzählt wird chronologisch, mittelbar und ohne Raffinesse:

„Mach das weg“, sagte Tobi. Philipp saß auf dem Boden, mit dem Rücken an einen Sessel gelehnt. Keine Reaktion. „Ich will das nicht sehen“, sagte Tobi. „Das ist ekelig.“ „Dann guck nicht hin“, sagte Philipp. Tobi stand auf und ging zum Regal, in dem der Fernseher stand.

Die Wortwiederholungen in diesen wenigen Zeilen wären einem im Deutsch-Unterricht angestrichen worden. Vielleicht ist diese sprachliche Schlichtheit aber auch poetischer Repräsentationsraum für die Schlichtheit der rechten Überzeugungen? So oder so ist Mit der Faust in die Welt schlagen kein literarisches Erlebnis, keine große Literatur.
Mit der Faust in die Welt schlagen ist vielmehr ein sprachlich sehr durchschnittlicher Debütroman eines Autors, der eigentlich nicht besonders viel zu erzählen hat. Doch sein Manuskript kam zum richtigen Zeitpunkt, wie schon der Verleger bemerkte. Das, was Rietzschel erzählt, verspricht zufälligerweise Antworten auf die aktuelle gesellschaftliche Debatte und die Frage, woher die ‚Neue Rechte‘ kommt.

Die Erklärungsmuster, die man in Mit der Faust in die Welt schlagen findet, sind dann aber doch zu einfach, als dass sie tatsächlich zur Debatte beitragen könnten. Mangelnde Aufmerksamkeit der Eltern und fehlende politische und kulturelle Erziehung führen zu Radikalisierung? Das haben uns 1993 – also vor der Geburt des Autors, der erst 1994 das Licht der Welt erblickte – schon Die Ärzte in „Schrei nach Liebe“ erklärt. Auch der Abbau der industriellen und kulturellen Infrastrukturen im ländlichen Raum und Landflucht werden im Roman thematisiert, genau wie in sämtlichen Talkshows der letzten Jahre.

Wer eine Erklärung für das sucht, was in Chemnitz geschehen ist, wenn er Mit der Faust in die Welt schlagen liest, wird enttäuscht werden. Wer einen Debütroman erwartet, der gegen literarische Konventionen anschreibt und sprachlich etwas neues wagt, ebenso.
Vielleicht ist Rietzschels Roman das Buch der Stunde – dementsprechend schnell wird er aber auch wieder vergessen sein.


Wir danken Ullstein für das Rezensionsexemplar.