‚Sei doch nicht gleich so hysterisch‘: Katharina Adlers „Ida“

Die Couch von Dr. Sigmund Freud gehört als Symbol der Psychoanalyse zum festen Interieur des 20. Jahrhunderts. Ziel der Therapie bei Freud ist es, die Lebensgeschichte des zu Behandelnden zu vervollständigen, eventuelle Lücken oder Widersprüche, die nach Freud ein möglicher Grund für die Symptome sein können, aufzulösen. Eine seiner prominentesten Patientinnen, Ida – besser bekannt als Dora –, bricht die ‚Redekur‘ im Jahr 1900 nach knapp drei Monaten vorzeitig ab. Katharina Adler hat sich nun Freuds Therapiemodell zum Vorbild genommen und die Lebensgeschichte von Ida Bauer, ihrer Urgroßmutter, in ihrem Debütroman vervollständigt.

Geboren wird Ida 1882 in Wien. Sie wächst mit ihren Eltern und ihrem Bruder Otto in gutbürgerlichen, aber chaotischen Familienverhältnissen auf: Der dauerkranke Vater Philipp Bauer – ein jüdischer Textilfabrikant – sorgt die Familie nicht nur mit seinen chronischen Leiden, er hat auch eine Affäre mit einer anderen Frau. Pepina Zellenka kommt 1894 in den Haushalt Bauer, wo der den Vater pflegen soll. Die Zellenkas werden zu Freunden der Familie – Ida hütet die beiden Kinder, fährt sogar mit ihnen in den Urlaub und wird von ihrem Vater als Vorwand vorgeschoben, ungestört mit Pepina sein zu können.

Die Handlung des Roman setzt aber nicht mit Idas Kindheit ein, sondern im Jahr 1941. Adler erzählt nicht chronologisch, sondern springt in den insgesamt sieben Romanteilen zwischen Episoden aus Idas Leben hin und her, bis sich am Ende – ganz nach Freud – aus den einzelnen Erzählteilen ein ganzes Leben zusammensetzt. Im Zentrum stehen dabei vor allem diejenigen Geschehnisse, die im Zentrum von Freuds Analyse stehen, dort aber nicht auserzählt werden.

Mit Pepina verbindet Ida später ein fast schwesterlich-freundschaftliches Verhältnis. Ihr Ehemann Hanns Zellenka hingegen versucht immer wieder, sich Ida zu nähern: Als sie die Zellenkas besucht, um eine Fronleichnam-Prozession vom Fenster aus zu beobachten, findet sie sich plötzlich allein mit ihm wieder. Er versucht sie zu küssen, zu verführen – sie ist 13 Jahre alt, er ist 36. Ida kann sich entziehen und entkommen, tut Hanns Verhalten als Fehltritt, als Missverständnis ab. Es soll nicht das letzte Mal sein.

Als Ida 1898 mit ihrem Vater die Familie Zellenka am Gardasee in der Sommerfrische besucht, wiederholt Hanns seine Annäherungsversuche an die 15-Jährige: „Die Haare, deine Augen, so lieb, du Wunderschöne! Ein Wort, und ich lasse mich scheiden. Nur ein einziges Wort. Von Pepina habe ich nichts.“ Obwohl Ida diesmal der Mutter von dem Vorfall berichtet und diese die Klärung der Verhältnisse empört an den Vater überträgt, kommt es zu keinen Konsequenzen:

Erwartet hatte sie nichts als Mitleid. Das Beben in der Stimme des Vaters ein paar Tage später, seinen Zorn, den hatte sie nicht erwartet. Der Hanns habe bei der Unterredung jeden Fehltritt von sich gewiesen, hatte der Papa vermeldet. Aufs nachdrücklichste abgewiesen!, betonte er. Nichts habe er unternommen, das eine solche Auslegung verdiente.

Das Trauma, das aus diesem Missbrauch erwächst, deutet Freud in seiner Therapie in Hysterie um. In seinem ‚Fall Dora‘ diagnostiziert er seiner Patientin nicht nur, heimlich Hanns zu begehren, sondern auch eifersüchtig auf Pepina zu sein, da sie sich auch zu ihrem Vater weit mehr als töchterlich hingezogen fühle. Freud kommt in „Ida“ anders als in anderen Wien-Romanen nicht als etwas schrulliger, aber überintelligenter Arzt daher, sondern als Unsympath – und vor allem als Chauvinist.

Sie wollte sich nicht mehr anhören, wie er alles verdrehte, bloß um im Recht zu bleiben. … Ob Schachtel oder Schlüssel, alles wurde ihm zum Genital.

Doch Ida lässt sich die Diagnose nicht gefallen. Sie bricht die Therapie nach wenigen Wochen ab, als sie sich ihm gegenüber öffnet und von den traumatischen Erlebnissen berichtet, er aber wie zuvor ihr Vater die Schuld bei ihr sieht. ‚Du wolltest es doch auch‘, lautet der Unterton Freuds, der ihre Symptome, die Bauch- und Kopfschmerzen und die zeitweilige Verstummung, kurzerhand zur dezidiert weiblichen Hysterie verklärt und seine Sicht auf die traumatischen Erlebnisse der jungen Frau zu allem Überfluss auch noch veröffentlicht – und Ida als Dora zur literarischen Figur macht, die einzig durch jene Erlebnisse, die sie eigentlich zu verarbeiten versucht, bedingt wird.

Kaum ein Wunder also, dass Ida den restlichen Männern ihres Lebens gegenüber  reserviert bleibt. Zu Beginn des Romans, nach der Ankunft im Chicagoer Exil bei ihrem Sohn, lernt man sie als kettenrauchende, wortkarge und wenig herzliche Frau kennen, die kein warmes Wort für ihre schwangere Schwiegertochter übrig hat. Am Ende des Romans wird deutlich, was Ida hinter sich hat. Auch die Jahre zwischen der Freud’schen Therapie und der durch die Nazis bedingte Flucht aus Wien auf einer Odyssee durch Europa, die sie ihr ganzes Vermögen kostet, beschreibt Adler in „Ida“.

Die Lektüre ist durch den leicht plaudrigen Erzählton kurzweilig. So kommt es, dass der Name „Ida“ bei schneller Lektüre von Zeit zu Zeit zum „Ich“ verschwimmt und so – ob intendiert oder zufällig sei dahingestellt – die Freud’sche Theorie vom Ich und Über-Ich spielerisch einbindet.
Mit viel Wiener Zeitkolorit erzählt Katharina Adler die Geschichte ihrer unfreiwillig prominenten Großmutter Ida noch einmal neu, macht aus ihr eine überraschend selbstbewusste, unabhängige Frau, die ihrer Zeit voraus zu sein schien, zumindest aus der Reihe fiel und gibt ihrer Geschichte eine weibliche Perspektive zurück.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.