Sibylle Bergs »GRM«: »Wohlstand für viele und Elend für die Low Performer«

Kaum ein Buch wurde in diesem Jahr so stark antizipiert und dann auch so frenetisch durchgejubelt wie der neueste Roman von Sybille Berg, »GRM«. Das mag am Text liegen, es liegt aber sicherlich auch an der Person Bergs, die in der öffentlichen Wahrnehmung als ähnlich lässige Rebellin gilt wie eine Virginie Despentes – und das obwohl sie sich mit SPIEGEL Online und Jan Böhmermann eingelassen hat. Sibylle Berg ist überall: Kolumnistin, Theaterregisseurin, Schriftstellerin. Vielleicht prädestiniert sie auch das dafür nun mit »GRM« einen Text vorzulegen, der sich in das Herz der Finsternis unserer Gegenwart hineinwagt.

Die Kritik ist sich sicher: Diesem Buch liegt eine immense subversive Kraft inne. Von »Sprengsatz« ist genauso die Rede wie von einem »Schlag ins Gesicht«. Wenn die hiesige Kritik etwas subversiv findet und dann auch noch lobt, sollte man normalerweise hellhörig werden. Nun ist das deutschsprachige Feuilleton sicherlich liberaler als die Kollegen aus den Wirtschaftsredaktionen, allerdings macht die einhellige Beklatschung von Subversion träge: Was bringt der Stachel im Fleisch, wenn sich alle gemütlich draufsetzen?

Das Jahrtausend
begann lausig.

Das ist freilich nur zum Teil als Vorwurf an die Autorin zu richten, sondern hängt auch mit einer linksliberalen Öffentlichkeit zusammen, zu deren Selbstverständnis eine milde Form der Gesellschaftskritik gehört. Doch fehlt es GRM vielleicht doch an Radikalität? Zunächst sei das Terrain abgesteckt: In manchen Rezensionen fällt der Begriff der »dystopischen Science-Fiction«, was insofern missverständlich ist, als dass es eine Zukunftserwartung beim Leser weckt, die der Text so nicht einlöst. Vielmehr befinden wir uns in der Nahzukunft, im Post-Brexit-Britannien, das im Elend des Kapitalismus versinkt.

Es war die Zeit vor irgendwas.
Es ist ja immer die Zeit vor irgendwas.

Dystopisch mutet das alles an, aber allerdings weniger als der Worst-Case möglicher Entwicklungen, sondern als die Einlösung dessen, was alles schon möglich ist. Dass Berg sich für ihren Text gerade Großbritannien ausgewählt hat, mag man spekulativ darin begründet sehen, dass der angelsächsische Kapitalismus in seiner ungebändigten Form immer schon Vorbote all jener Entwicklungen war, die dann später auch in den vermeintlichen freundlicheren Formen des Kapitalismus, mal rheinischer Kapitalismus, mal soziale Marktwirtschaft genannt, eingetroffen sind. So steht die Stadt London als Warnzeichen am Horizont, das davon kündet, was passiert, wenn man Städte völlig frei den Spekulationsinteressen zum Opfer fallen lässt.

In ihrer Stadt hasste man den Fremden. Punkt.

In diese Situation, wo Social Credits und andere Formen der sozialen Überwachung aus China ihren Weg rübergefunden haben, begibt sich GRM also. Aufgebaut ist der Text als eine Form der durchgängigen Anklage, in der es Zentrale Figuren wie die Gruppe um die Mädchen/jungen Frauen Don, Hannah, Karen oder den reichen Unsympath Thome gibt, und andere Figuren, die in den Text rein- und dann auch schnell wieder rausgekegelt werden. Mit langen Vorgeschichten, Kontextualisierungen oder Charakterisierungen hält sich GRM gar nicht erst auf. Stattdessen werden die Figuren in kurzen Steckbriefen (oder gegenwärtiger: Profilen) vorgestellt, die mal mehr, mal weniger erhellendes über die Figuren erzählen.

Wohlstand für viele und Elend für die Low Performer.

Anstatt ihnen psychologische Tiefe zu geben, werden sie häufig auf krude Merkwürdigkeiten oder sexuelle Vorlieben reduziert, was zu der Kälte beiträgt, die dem Text an vielen Stellen unterstellt wird. Die Menschen sind nicht nur furchtbar, sie erscheinen auch nur über ihre Furchtbarkeiten. Dass der Text trotzdem kein rein zynischer ist, liegt daran, dass es eben die Dons, und Hannahs und Karens gibt. An ihnen entlang bricht sich dann auch immer mal wieder so etwas wie Handlung Bahn, zum Beispiel wenn die eine umziehen muss und daran verzweifelt, die andere den Drogen oder der Prostitution verfällt.

Hannahs Eltern waren indische Juden, in der dritten Generation in England.

Ansonsten hat diese 600-seitige Gegenwartssuada dem Leser vor allem Grausamkeiten und diagnostische Pointen zu bieten. Die durchkapitalisierte und digitalisierte Welt hat der jungen Generation vor allem Ödnis (»Die Angehörigen der Generation Z lebten in ihren Endgeräten, wo immer mehr los war als auf den langweiligen Straßen in ihrem Nest.«) und Mühsal (»Ein großes Hurra der Digitalisierung, die dem Menschen Zeit schenkte, um noch einen vierten Job anzunehmen.«) zu bieten. Vieles davon dürfte beim Leser auf affirmativen Boden fallen. Und viele der Tiefenbohrungen, die der Text an der Gesellschaft vornimmt, sind klug, einfallsreich und höchstinteressant, zum Beispiel die Tatsache, dass wir häufig nur noch ein mediales, sprich sekundäres Verhältnis zum eigenen und fremden Elend haben: »Die Fernsehzuschauer raunten begeistert: ›Oh, diese Sozialdramen.‹«

Don wollte. Alles. Sofort. Erwachsen werden. Eine Idee, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Aus Rochdale verschwinden. Wachsen.

Es scheint, als hätte Sibylle Berg sich mit dem Hass und der Abscheu, die sekündlich über die sozialen Netzwerke verbreutet werden, vollgesogen und daraus kreatives Kapital geschlagen: »Endlich explodierte so lange Angestautes, Unterdrücktes brach aus den Individuen, die sich in Folge endlich mit Boshaftigkeit, Verachtung und Hass labelten.« Dass sie dabei weder in den versteherischen Ton der Hobby-Volkspsychologen verfällt, noch sich deren Sprache unreflektiert zu eigen macht, ist eine der großen Stärken von GRM.

Die Krebszellen waren Menschen in Kleinausgabe.

GRM ist insofern ein ungewöhnlicher Text, als dass ihm Momente der Dramaturgie weitestgehend fremd sind. Spannungsbögen, Pausen oder andere Formen der Variation zu benennen, fällt bei diesem Buch unglaublich schwer. Das hat zur Folge, dass der Horror, der von GRM ausgeht, nicht nur in den Beschreibungen liegt, sondern auch darin, dass es niemals aufhört. Nach jeder Schrecklichkeit folgen zwei weitere Schrecklichkeiten. Interessanterweise führt dies gerade nicht zum Verdruss beim Lesen, sondern entwickelt einen Lesesog, den es zu hinterfragen gilt.

Denn wenn man über das subversive Potential dieses Textes spricht, gilt es auch über den Effekt zu reden, den er beim Lesen evoziert. Während GRM es einem zwar in seiner Struktur (fehlende Handlungsstränge, Dramaturgie etc.) schwermacht, baut er gleichzeitig mit seinem Sound, der positiv beschrieben von Rhythmusgefühl und zielsicheren Pointen bestimmt ist, eine Brücke. Dadurch erschaffen wird eine Konsumierbarkeit des Textes, die es zumindest zu hinterfragen gilt: Niemand will miesepetrige Anklagen lesen und warum sollte Gesellschaftskritik nicht auch cool sein. Doch wer stört sich am Stachel im Fleisch, der so smooth ist?


Wir danken KiWi für das Rezensionsexemplar.