Stanislaw Lems „Die Astronauten“: Untergang eines Planeten

Die Astronauten

Das Jahr 2003 war aufregend: Im März begann die Koalition der Willigen den Dritten Golfkrieg, der schlussendlich in der Besetzung des Iraks resultierte, Arnold Schwarzenegger wurde Gouverneur von Kalifornien, der dritte „Herr der Ringe“-Film erschien in den Kinos und das Weichtier des Jahres war die bauchige Windelschnecke. Der polnische Autor Stanislaw Lem feierte in diesem Jahr seinen 82. Geburtstag. Rund fünfzig Jahre früher hatte er sich schon mal Gedanken gemacht, wie 2003 aussehen könnte. „Die Astronauten“ erzählt von einer kommunistischen Weltgesellschaft, die sich mit dem Klimawandel und seinen Folgen herumschlägt und dabei eine hundertjährige Flaschenpost aus dem All mit bedrohlicher Botschaft entdeckt. Höchste Zeit, dem Absender einen Besuch abzustatten.

Für das Entstehungsjahr 1951 ist der Gesellschaftsentwurf in „Die Astronauten“ erstaunlich optimistisch: Während im historischen Kontext der kalte Krieg gerade so richtig heiß lief, hat die Menschheit in Stanislaw Lems zweiten Roman im Jahr 2003 die politischen Grabenkämpfe hinter sich gelassen. Der Kommunismus hat die gesamte Erde vom Joch der Unterdrückung befreit, der nächste Gegner ist das Weltklima. Das soll in ambitionierten Projekten vollständig unter Kontrolle gebracht werden und während wir heute hoffen, dass uns Arktis und Antarktis noch etwas länger erhalten bleiben, will man die Eisriesen in Lems Entwurf gleich ganz schmelzen. Bei den Vorbereitungsarbeiten wird in der sibirischen Tundra ein Objekt gefunden, das sich schon bald als außerirdisches Raumschiff herausstellen soll. In dem Raumschiff bergen Forscher eine verschlüsselte Nachricht, die sie als Ankündigung einer drohenden Invasion vom Planeten Venus interpretieren. Als Antwort darauf stellt die Weltgemeinschaft ein Forscherteam zusammen, das den bislang unerforschten Planeten unter die Lupe nehmen soll.

Man hielt das Ende der Welt für gekommen.

Noch stärker als bei anderen Werken Stanislaw Lems muss man bei „Die Astronauten“ den Entstehungskontext mitdenken. Lem stand am Anfang seiner literarischen Karriere und die politische Situation war brisant. Der stalinistische Kommunismus (obwohl schon viele seiner Verbrechen offenlagen) barg noch ein Versprechen auf eine bessere Zukunft und das merkt man dem Text an: Der Zukunftsentwurf einer sich in den armen liegenden Gesellschaft ist fast kindlich naiv und der Belehrungsepilog wirkt merkwürdig aufgesetzt, als hätte ein Parteizensor am Ende des ersten Entwurfs nicht ganz verstanden, worum es eigentlich gehen sollte. Doch macht man sich die Mühe, hinter den realsozialistischen Mief zu schauen, wird das rare Talent Lems sichtbar.

Manche bezeichnen die Hypothese sogar als ein Phantasiegebilde, das eher eines Romanschreibers als eines nüchternen Meteorenforschers würdig sei.

Als sich das Forscherteam (bestehend aus Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen, Chemiker, Physiker, Ingenieure etc.) schließlich aufmacht, um den fremden Planten zu besichtigen, tritt die Mannschaft in den leeren Raum des Alls ein, was für die Literatur ein gängiger Topos ist: Der Himmel als les- und beschreibbare Fläche hat eine lange Tradition in der Literatur und die Sci-Fi verlängert diesen Topos bis in den Weltraum. So fängt die Besatzung der „Kosmokrator“ im Moment des Verlassens der Erde an, die Leere des Alls vor lauter Langeweile mit Erzählungen ihres Erdenleben zu füllen. Damit bestimmt Lem eine Funktion der Science-Fiction-Literatur: Der weiten Assoziationsfläche des unendlichen Schwarz mit Geschichten zu begegnen und sich jenes verständlich machen, was außerhalb des Verständnisses liegt.

Ferner entscheidet sich der Autor dafür, in das Zentrum der illustren Forscherrunde einen Ich-Erzähler zu setzen, der sich dadurch auszeichnet, dass er Bergsteiger ist. Robert Smith ist das einzige Besatzungsmitglied, das nicht als Wissenschaftler mitreist und trotzdem Zentralfigur des Romans ist. Denn er weiß im Moment der akuten Bedrohung nicht nur am besten zu reagieren, sondern ist auch die beste Übersetzung dessen, was die Mannschaft antreibt. Der Forschergeist, der diesen Text beseelt, wird als die Fortsetzung des Bergsteigens mit anderen Mitteln dargestellt und offenbart das elementare Problem eines jeden Sci-Fi-Texts: Allegorische Formen für unbekannte Phänomene finden zu müssen. Wenn der höchste Gipfel erklommen ist, greift die Menschheit nach den Sternen.

„Das ist tatsächlich schwer zu verstehen“, sagte Oswatitsch.

Anders als Texte wie „Solaris“ ähnelt „Die Astronauten“ einer klassischen Abenteuer-geschichte. Auf der Venus angekommen eröffnet sich den Forschern ein ausgestorbener Planet: „Um uns herum breitete sich eine Einöde aus, in der gewaltige Häuserblocks aufragten, als wären sie im Augenblick des Schmelzens in wunderlichen Windungen ineinander verflochten worden und zu Eis erstarrt – heiße Tränen einer zu Ende brennenden Riesenkerze, die herabgetropft und dann erkaltet waren.“  Ein Teil der Besatzung strandet, trifft auf eine feindselige schwarze Masse, muss flüchten, schafft es knapp. Bei dem Versuch herauszufinden, was die hiesige Gesellschaft auslöschte, müssen sie feststellen, dass tatsächlich eine Invasion der Erde geplant war, man sich aber vorher doch lieber gegenseitig auslöschte. Hier wird ein Blick in die Zukunft der Erde auf die Venus verlegt, um mit erhobenen Zeigefinger den Zeitgenossen einen Aufruf zur politischen Vernunft ins Stammbuch zu schreiben. Das ist politisch sympathisch, literarisch jedoch unterkomplex.

Im Vorwort zur achten polnischen Neuauflage äußert sich Stanislaw Lem selbst zu seinem Roman kritisch: „Wenn ich mich also wirklich an die Aktualisierung der ‚Astronauten‘ machen wollte, müßte ich ganz einfach einen völlig neuen Roman schreiben, da ich weder auf der Erde noch auf der Rakete, noch am Himmel viele Einzelheiten, also die Bausteine, aus denen das Ganze errichtet ist, so lassen könnte, wie sie sind.“ Er hat freilich Recht. „Die Astronauten“ hält den Vergleich mit anderen Romanen Lems nicht ansatzweise stand. Dennoch ist es ein höchst-vergnügliches Dokument eines jungen Autors, der den Weltraum literarisch durchschreiten wollte.

4 Kommentare

  1. Ich habe kürzlich einen ganzen Stapel Stanislaw Lem Bücher aus dem Volk & Welt Verlag gefunden, dieses war allerdings nicht dabei. Dein Bericht ist irre gut, macht Lust sofort zu einem Lem zu greifen. Habe ja gerade die Tage die Verfilmung „Solaris“ gesehen und hmmm hätte ja jetzt schon Lust … Schöne Woche noch :)

    • Zu einem Lem zu greifen, ist sicherlich immer eine gute Idee. Dass es nicht „Die Astronauten“ (wozu es auch eine sehr trashige Kurt Maetzig-Verfilmung gibt) wird ist vielleicht nur halbtragisch. Der Roman hat vielleicht eher einen archäologischen Wert, um sich mit dem Frühwerk vertraut zu machen. Danke, wünsch ich dir auch!

    • Bei Volk & Welt ist das Buch seit 1954 unter dem Titel „Der Planet des Todes“ erschienen. Es könnte also vielleicht doch im Stapel dabei sein.

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