Stanislaw Lems „Gast im Weltraum“: Die überglückliche Gesellschaft

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Eine der Lesefreuden historischer Science-Fiction-Literatur besteht darin zu entdecken, wie man sich früher das Leben in der Zukunft vorgestellt hat. Vieles, was damals als vage Zukunftsvision entworfen wurde, wirkt mittlerweile naiv bis befremdlich. Auch so bei Stanislaw Lems „Gast im Weltraum“, allerdings aus einem anderen Grund. Als der Roman 1955 im polnischen Original erschien, musste der Realsozialismus schon einige Schläge ins Kontor hinnehmen. Zwei Jahre zuvor war der Übervater der UdSSR Josef Stalin gestorben, mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen im Zuge des Aufstand des 17. Junis hatte die Schutzmacht der DDR deutlich gemacht, wie zukünftig Brüderlichkeit unter Bruderstaaten aussehen sollte. Für viele war das Jahr 1953 eine Zäsur, der Traum vom gerechten Leben war schon wieder ausgeträumt. Nicht so in Stanislaw Lems „Gast im Weltraum“, in dem der Weltkommunismus den Menschen alles bietet – nur nicht das Unbekannte.

Das Leben im 32. Jahrhundert lässt nicht mehr viel zu wünschen übrig. Per Raketentechnik kann man jeden Ort der Welt innerhalb weniger Momente erreichen, das unsrige Sonnensystem ist komplett erschlossen. Wem die Partynacht zu kurz war, jettet mal eben auf die andere Seite des Erdballs: „Heute holt jeder von uns bei einer Reise entweder den bereits zur Neige gehenden Tag ein oder er verkürzt oder verlängert die Nacht, ja, bei einem Flug in entgegengesetzter Richtung der Erdumdrehung kann er einen Tag der Woche überspringen.“ Geld gibt es in dieser Gesellschaft nicht mehr, genauso wie den Individualbesitz. Der Gesellschaft gehört alles, alles gehört der Gesellschaft. Damit dem Menschen auch wirklich jegliches Mühsal erspart bleibt, hat der Weltkommunismus selbst das Klima besiegt, ob Grönland oder Antarktis, Strand ist überall. Aus dieser Situation heraus erzählt der Ich-Erzähler (eine Erzählsituation, für die Stanislaw Lem einen Faible hatte) seine Geschichte, die die Geschichte eines Privilegierten ist: „Ich bin einer der zweihundertsiebenundzwanig Menschen, die die Erde verließen, um sich auf eine Reise über die Grenzen unseres Planetensystems hinaus zu begeben.“

Das Haus hatte eine lange und ehrwürdige Geschichte. Es war gegen Ende des 28. Jahrhunderts erbaut worden…

Nachdem das Paradies auf Erden nun mittlerweile errichtet ist, gilt es zu neuen Ufern aufzubrechen und so ist der Erzähler Teil der 227-köpfigen Besatzung des Raumschiff Gea (das als Abwandlung des Worts Gaia das irdische schon im Namen trägt), das sich auf den Weg ins Alpha Centauri-System macht. Mit an Bord sind die intelligentesten und begabtesten Wissenschaftler, die die Erdengesellschaft zusammenkratzen konnte, doch die Reise in die Ungewissheit macht ihnen schon bald zu schaffen. Denn die Gesellschaft, die Lem in „Gast im Weltraum“ beschreibt, ist eine postheroische geworden; die alten Mythen von Entdeckern und Abenteurern sind längst historisch geworden.

„Ich will dir erklären, weshalb du dich irrst, du verhinderter Sternschiffer. Weißt du eigentlich, daß die Menschen einst die Meere befuhren?“

Das ist die spannende Konstruktion in diesem Roman. Anders als in anderen Texten versetzt Lem die Handlung soweit in die Zukunft, dass die Eroberung des Weltraums selbst schon historisch geworden und museal aufbereitet ist: „Gleich am Eingang der Halle standen zwischen den Pfeilern vier Raketenflugzeuge, die auf den kosmonautischen Werften vor tausend Jahren gebaut worden waren.“ Das, was in Lems Lebensrealität gerade spannende Gegenwart war, ist in „Gast im Weltraum“ längst Alltag geworden, von den ersten Raumfahrern erzählt man sich dort, wie heute von legendären Seefahrern. Wenn Science-Fiction-Szenarien immer auch ein Weg sind, über die Gegenwart nachzudenken, dann treibt es Lem hier auf die Spitze und schreibt die Science-Fiction der Science-Fiction.

Die Expedition in den Weltraum, zu dem nächsten Sonnensystem, dem Alpha Centauri, sollte die Zeit endgültig spalten.

Während sich die Gea äußerlich immer weiter von der Erde entfernt, wird im Inneren deutlich, wie erdverbunden das Treiben der Mannschaft doch bleibt. Um das Heimweh nicht ganz so groß zu machen, wird im Raumschiff die Erde über Projektionen simuliert. Künstliches Licht soll die Jahreszeiten nachstellen, ein projizierter Horizont soll die Angst vor dem unendlichen Nichts überbrücken, in dem sich die Wissenschaftler eigentlich befinden. Eine Pointe, auf die es in Lems Romanen immer wieder herausläuft, ist die, dass man sich die abgefahrensten Zukunftsvisionen ausdenken kann, man aber doch nie aus altbekannten Gedankenmustern ausbricht. So auch auf der Gea: „‘Weißt du, wie die Gassen der Städte im Altertum hießen? Ihre Namen hingen meistens mit der Tätigkeit ihrer Bewohner zusammen. Es gab also Töpfer-, Schuhmacher-, Schmiedegassen. Dieser alte Brauch ist hier in neuer Form wiederaufgelebt. Dies ist die Gasse der Physiker.‘“ So lassen sich auch im 32. Jahrhundert historische Strukturen erkennen, die deutlich machen: über den eigenen Wissenshorizont kommt man so ohne weiteres nicht hinaus.

Heute leben wir in einer Zeit, in der das individuelle Eigentum, selbst an den Konsumtionsgütern verschwunden ist. Und weshalb? Das ergibt sich aus der Realisierung des Grundsatzes: ‚Jedem nach seinen Bedürfnissen.‘

Doch ewig währt der Friede nicht unter der Besatzung, auch die noch so perfekte Simulation kann das Gefühl der Leere nicht ewig verschleiern: „Mit der zunehmenden Entfernung wuchs unsere Einsamkeit mitten unter den Sternen.“ Auch der Ich-Erzähler ist dieser Leeren-Erfahrung nicht gewachsen, die er bereits in seiner Kindheit gemacht hat: „Aber wie erschrak ich, als meine ausgestreckten Hände durch die Gestalt des Onkels ins Leere, in die Luft griffen.“ Der Roman widmet sich immer wieder den Vorgeschichten der einzelnen Besatzungsteilen und beweist auch darüber, dass die Mannschaft der Erde nicht entkommen kann. Kleineren und größeren Zwischenfällen zum Trotz – unter anderem stößt die Gea auf ein altes amerikanisches Raumschiff, aus der Zeit des Kalten Kriegs – wird das Ziel erreicht: im Alpha Centauri-System angekommen, wartet auf die Menschen eine andere Spezies.

„Es war einmal vor langer, langer Zeit, vor mehr als tausend Jahren, da war die Welt in zwei Hälften geteilt.“

Anders als in vielen Science-Fiction-Szenarien ist jedoch in „Gast im Weltraum“ der Weg das Ziel, zumindest für die Romanlogik. Denn die lange Zeit im All löst bei den verschiedenen Protagonisten Reflexionen über sich und die Menschheit im Angesicht des Unbekannten aus. Der Flug der Gea ist so überdeutlich als Parabel geschrieben, dass es schwer fällt, ihn nicht im Zusammenhang des utopischen Gedanken dieses Romans und damit auch mit dem utopischen Charakters des Sozialismus zu lesen. Folgt man Lems Roman, dann ist jede Reise ins Unbekannte für den Einzelnen, aber auch Gesellschaften insgesamt ein erschreckendes Szenario, da sich in nichts die Fragilität von Gesellschaften so beweist wie im Nichts. Wer hieraus sozialistische Durchhalteparolen lesen möchte, der hat damit nicht ganz Unrecht, wird dem Roman aber auch nicht gerecht. Denn in Lems Utopien ist die Kritik an der Utopie schon immer Teil derselben. Die Gesellschaft in „Gast im Weltraum“ ist auch eine desillusionierte, eine entromantisierte, eine sehnsuchtslose Gesellschaft:

‚Sie waren doch sehr glücklich…‘
‚Wer, Liebste?‘
‚Die Menschen, die früher lebten.‘
‚Meinst du?‘
‚ja. Sie glaubten an die Ewigkeit..‘

3 Kommentare

    • Danke dir! Dann unbedingte Empfehlung für den „Gast im Weltraum“, wenn er dabei sein sollte.

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