Stanislaw Lems „Solaris“: Wissen als Mystik

Solaris

Hollywood hat in den letzten Jahren den Weltraum für sich wiederentdeckt. In „Interstellar“ als optimistischer Blick in eine mögliche Zukunft der Menschheit, in „Gravity“ als allumfassende Dunkelheit“ oder in „The Martian“ in Form einer Mars-Expedition als Mediengeschichte – in all diesen Filmen dient das Weltall als Reflexionsraum über die menschliche Kondition. Auch in den realsozialistischen Staaten Osteuropas hatte die Utopie der galaktischen Reise Hochkonjunktur. Der neue Mensch des Sozialismus war technologiegläubig und die Revolution machte jenseits der Erdatmosphäre nicht halt. Obgleich der 1921 geborene Stanislaw Lem rund vierzig Jahre seines Lebens in einem Polen unter sozialistischen Ägide verbracht hat, ist sein Werk nicht ohne weiteres in den Kanon der osteuropäischen Science-Fiction einzuordnen. Von den Verlagen immer wieder mit jenem Label behangen, hat er sich stets gegen diese Genreeinordnung gewehrt. Seine Texte sind so utopisch wie dystopisch, technikbegeistert wie technikkritisch, phantastisch und gleichzeitig an die großen philosophischen Traditionslinien gebunden – und immer noch atemberaubend.

Die Menschheit ist erpicht darauf, außerirdisches Leben zu finden. Der Name des Romans „Solaris“ bezeichnet einen Planeten und die zugehörige Forschungsstation, die diesen Kontakt hergestellt hat. Auf und um den Planeten wabert ein sonderbares Wesen, von den Forschenden nur „Ozean“ genannt, eine undefinierte, aber scheinbar hochintelligente Masse. Ozeanisch ist natürlich auch das Genre des Textes: In der Kontinuität der großen Seefahrer sind auch hier Kolonisten am Werk, nur dass die Verheißung der neuen Welt schon zu Beginn in Trümmern liegt. Als der Ich-Erzähler, Kris Kelvin, die Station betritt sind nur noch drei Forscher übrig, von denen einer unter mysteriösen Umständen umgekommen ist. Kris Kelvin versucht das Geschehene zu ordnen und gerät fortlaufend selbst unter den Einfluss des eigentümlichen Ortes.

„Ja. Ja… gewiß, bloß, siehst du, hier herrscht ein gewisser… Wirrwarr.“

Denn es dauert nicht lange, da steht Kelvin plötzlich einer verblüffend echten Erinnerung seiner verstorbenen Freundin Harey gegenüber. Zunächst lässt der Roman den Leser im Unklaren darüber, ob es sich um Traum, Halluzination oder Psychose handelt. Als schließlich offenbart wird, dass Harey auch für die anderen Forscher wahrnehmbar ist, legt die Narration diese allzu offensichtlichen Möglichkeiten ad acta. Harey ist kein Phantom, sondern fleischgewordene Erinnerung, verursacht durch den Ozean. Wir lernen, dass Harey Suizid begangen hat und nun muss sich Kelvin – fernab von der Welt – mit gleicher Dringlichkeit seinen eigenen Konflikten stellen. Der Mensch fliegt ins All und trifft am Ende doch nur sich selbst: „Um uns selbst wird gespielt, um die Grenzen der menschlichen Erkenntnis.“

An diesem Punkt wird „Solaris“ aufregend. Auch wenn man aus der Handlung von Lems Roman auch einen spannenden Sci-Fi-Thriller konstruieren könnte – Lem schafft eine sehr dichte, sehr beklemmende Atmosphäre – ist das eigentliche Faszinosum ein ganz anderes. Der Text unterzieht dem menschlichen Streben nach der Eroberung des Weltraums einen kritischen Blick und stellt die Frage, ob die Instrumentarien der menschlichen Erkenntnis nicht in dem Moment der Kontaktaufnahme mit anderen Spezies an seine Grenzen kommen. Denn die sogenannten „Solaristiker“ (die Forscher der Station) haben einen eigentümlichen Wissenskult entwickelt. Niemanden ist es bisher gelungen die Geheimnisse des Ozeans zu entschlüsseln. So steht in der Bibliothek der Forschungsstation Meter an Bänden von Hypothesen über den Ozean. Der Ort des Wissens ist zum Spekulationsraum geworden.

Aber auch so habe ich genug gehört, um zu erfahren, daß ich kein Mensch bin, sondern ein Instrument.

Lem führt den Leser an das Ende des Wissens, an dem es anfängt zu transzendieren: „Die Solaristik ist also ein Spätling längst verstorbener Mythen, eine Ausblühung mystischer Sehnsüchte, die offen, in voller Lautstärke, kein menschlicher Mund mehr auszusprechen wagt; und ihr Grundstein, tief in den Fundamenten ihres Gebäudes verborgen, ist die Hoffnung auf Erlösung…“ Wenn jede vormoderne Gottesvorstellung auch ein Muster der Welterklärung darstellt, die den Bereich des Nicht-Wissens abdeckt, dann könnte es eine Zukunft geben, in der dieses Wissen wieder zum Göttlichen transzendiert, wenn das Entdeckte zu komplex, zu groß und zu unfassbar erscheint. Genau das geschieht in„Solaris“. Die Forschergemeinde ist zum Kult geworden, die zum Ozean weniger ein wissenschaftliches als ein religiöses Verhältnis eingenommen hat.

Der Ozean wirkte so auf mein Gehirn, ich erlebte Halluzination auf Halluzination […]

Doch jeder Feuerbach-Leser weiß: Wer bei Gottesvorstellungen ist, ist auch immer beim „Ich“ angekommen. Und so macht „Solaris“ klar: Die Suche nach den unendlichen Weiten der Galaxie ist letztlich die Suche nach dem Selbst. Dass Kelvin Psychologe ist, ist natürlich kein Zufall. In Stanislaw Lems Weltall ist er der perfekte Astronaut: „Der Mensch ist anderen Welten entgegengezogen, anderen Zivilisationen, ohne die eigenen Winkel durch und durch kennengelernt zu haben, Sackgassen, Schächte, dunkle verrammelte Türen. […]“