Stefan Zweigs „Buchmendel“ & „Die unsichtbare Sammlung“: Die Sammler von Gestern

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Stefan Zweig ist der Meister der Nostalgie. Mit „Die Welt von Gestern“ hat er ein ganzes Programm dieses nostalgischen Blicks vorgelegt. Dabei gilt es zwischen zwei Varianten der Nostalgie zu unterscheiden: der Verklärenden und der Bewahrenden. Die verklärende Nostalgie kann gefährlich sein, man trifft sie gerade überall an. Sie beschwört das vermeintlich zu Unrecht Vergangene, um die Gegenwart abzulehnen. Auch Stefan Zweigs Blick auf die Vergangenheit ist davon nicht gänzlich frei. Die bewahrende Nostalgie erfüllt jedoch eine wichtige Aufgabe und hatte vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg Konjunktur. Die Rückschauen Stefan Zweigs, aber auch die eines Friedrich Torbergs sind ein Versuch, über die finale Zäsur, die die Zerstörungswut der Nationalsozialisten hervorgebracht hat, einige wenige Brücken zu bauen. Im Topalian & Milani Verlag sind nun zwei Erzählungen Zweigs neu erschienen, die auch von Zäsuren und dem, was es zu erhalten gilt, erzählen.

Zweigs Erzählungen „Buchmendel“ und „Die unsichtbare Sammlung“ sind 1929 erschienen. Das Erscheinungsjahr (und in diesem Sinne sein Erscheinungskontext) eines Texts ist niemals unerheblich, in diesen zwei Fällen scheint es aber ganz besonders relevant: Das Österreich des Jahres 1929 steht immer noch unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, das den Österreichern eine Republik gebracht hatte, die – ähnlich wie in Deutschland – von Anfang an um ihre Anerkennung durch das eigene Volk kämpfen musste. Die Identifikation mit diesem nun auf einen Rumpf heruntergeschälten Staates wurde in jenen Jahren bitterlich erschüttert, als die in den USA ausgelöste Weltwirtschaftskrise über den europäischen Kontinent pflügte. Ohne diese zwei Bezugspunkte – Erster Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise – sind beide Texte nicht zu denken und es zählt zu den traurigen Geschichten des 20. Jahrhunderts, dass Stefan Zweig noch nicht ahnen sollte, dass der wahre Horror noch auf Europa wartete.

Gegen die penetrante Eindringlichkeit dieser plötzlichen Kaufwütigen hilft kein Widerstand.

In beiden Erzählungen geht es um Männer mit einer besonderen Gabe, der Gabe der Erinnerung. „Die unsichtbare Sammlung“ erzählt von einem Sammler kostbarer Kunst, vor allem der Werke Dürers und Rembrandts, der in einer Kleinstadt als Sonderling lebt: „Alles deutete darauf hin, daß er ein sonderbarer, altväterischer, skurriler Mensch gewesen sein mußte, einer jener verschollenen Menzel- oder Spitzweg-Deutschen, wie sie sich noch knapp bis in unsere Zeit hinein in kleinen Provinzstädten als seltene Unikate hier und da erhalten haben.“ Die Tragik seines Lebens besteht darin, von all diesen Kostbarkeiten und großer Kunst umgeben, allerdings durch komische Umstände seines Augenlichts beraubt zu sein: „[E]r wollte nämlich durchaus, trotz seiner sechsundsiebzig Jahre, noch nach Frankreich mit, und als die Armee nicht gleich wie 1870 vorwärts kam, da hat er sich entsetzlich aufgeregt, und da ging es furchtbar rasch abwärts mit seiner Sehkraft.“ Als der Ich-Erzähler, ein Kunstbegeisterter, ihn zuhause besucht und sich auf die Inspektion der Sammlung vorbereitet, muss die Familie des Sammlers ihm eine traurige Wahrheit eröffnen: aufgrund finanzieller Schwierigkeiten sieht sich die Familie gezwungen, einzelne Kunstwerke zu veräußern. Doch die rasende Inflation macht jeden Verkauf direkt wieder wertlos und so geht ein Kunstwerk nach dem anderen über den Tisch, bis nur noch eine leere, eine unsichtbare Sammlung übrig ist.

Im nächsten Augenblick wußte ich alles: Dieser Mann war blind.

Auch der „Buchmendel“ wird von einem Ich-Erzähler getragen, der eine unglaubliche Begegnung macht. Ein schmuddeliger Regentag lässt den Erzähler in ein Kaffeehaus flüchten, das ihm merkwürdig bekannt vorkommt. Es braucht eine Weile, bis er schließlich realisiert: „Mein Gott, das war ja Mendels Platz, Jakob Mendels, Buchmendels, und ich war nach zwanzig Jahren wieder in sein Hauptquartier, in das Café Guck in der oberen Alserstraße geraten.“ Jakob Mendel ist ein aus Russland nach Wien eingewanderter Jude, der im Café Gluck lebt und dort als ein Medium, ein Weiser, ein wandelndes Verzeichnis, existiert: „Jetzt erst begriff ich, an welch einzigartiges Wunder von Gedächtnis ich bei Jakob Mendel geraten war – tatsächlich an ein Lexikon, an einen Universitätskatalog auf zwei Beinen.“ Der Erzähler erinnert sich an seine ersten Begegnungen mit Mendel, denn in der Gegenwart der erzählten Zeit sitzt dort kein Buchmendel mehr. Er versucht herauszufinden, was aus dem „Bücher-Saurier“ geworden ist, bis schließlich die letzte Person, die aus dieser Vergangenheit übrig geblieben ist – eine Klofrau – ihm eröffnet, dass Mendel während des Ersten Weltkriegs unter Spionageverdacht geraten und über der Gefangenschaft in einem Konzentrationslager zerbrochen ist.

Er las mit einer so rührenden Versunkenheit, daß alles Lesen von anderen Menschen mir seither immer profan erschien.

Die Gemeinsamkeiten beider Erzählungen liegen auf der Hand: beide Texte verhandeln den Bruch des Ersten Weltkriegs, den Verlust der Lebensgrundlage im ökonomischen wie kulturellen Sinne, aber auch den Wert der Erinnerung und die Bedingungen dafür, dass solche Originale wie der Sammler oder der Buchmendel ihren Platz in der Welt erhalten. Obwohl beide Erzählungen simpel, fast gleichnishaft gestrickt sind, ist ihre Komplexität im Nachdenken über Zäsuren keinesfalls zu unterschätzen. Während andere Texte über die Zeit verblassen, hat der zeitliche Verlauf diesen beiden leider nur noch mehr Dringlichkeit verliehen. Dass Zweig sich gerade zu den Sammlern und Buchmenschen hingezogen fühlt, liegt auf der Hand, war er doch selbst enthusiastischer Autographen-Sammler.

Er war nicht anders zu denken als im Café Gluck.

In „Die unsichtbare Sammlung“ werden die Kunstschätze zwar von der Inflation aufgefressen, der blinde Sammler hat sie aber soweit verinnerlicht, dass sie als Imaginäres, als Phantasma präsent bleiben. So ähnlich auch im „Buchmendel“, der jedoch einen traurigeren Blick in die Vergangenheit wirft und darüber hinaus im historischen Kontext als Warnung an das österreichische Judentum zu verstehen ist. Der Grund für Mendels Inhaftierung sind seine Briefe ins verfeindete Ausland. Darüber staunend, was der Buchhändler mitten im Ersten Weltkrieg für Korrespondenz mit Frankreich und Russland zu halten hat, kommen die Behörden ihm auf die Schliche: Mendel hat sich seit seiner Einwanderung nach Österreich nie um die örtliche Staatsbürgerschaft gekümmert. So sitzt da nun ein russischer Jude im Wiener Kaffeehaus und interessiert sich für Bücher, nur für Bücher und das Weltgeschehen könnte ihm nicht ferner sein: „Er rauchte nicht, er spielte nicht, ja man darf sagen, er lebte nicht, nur die beiden Augen lebten hinter der Brille und fütterten jenes rätselhafte Wesen Gehirn unablässig mit Worten, Titeln und Namen.“

Nun wurde es dem in die Uniform eingenähten Gymnasialprofessor doch ein wenig eng unter dem Rock.

Die Passivität des europäischen Judentums und das Verhangensein entweder im europäischen Ideal der Bildungskultur oder in der jüdischen Religion hat Stefan Zweig immer wieder angemerkt und kritisiert, hier erzählt er ein Gleichnis von einem Mensch gewordenen Bücherverzeichnis, der vor lauter Schrift die Welt nicht sieht. Und so könnten die beiden Erzählungen nicht besser zusammen passen. Stefan Zweig, der große Nostalgiker, der große Erinnerer, macht im Jahre 1929 darauf aufmerksam, wie wertvoll das Bewahren von Kultur ist, wie blind die Kultur aber auch für die Welt machen kann. Wenn die erste Erzählung das Goethe-Wort „Sammler sind glückliche Menschen.“ zitiert, dann können sie auch die unglücklichsten Menschen sein.

Bei so viel tragischer Sammellust ist es fast eine frivole Volte, dass der nun im Topalian & Milani Verlag erschienene Erzählband selbst ein Sammlerstück ist. Auch wenn die Kritik sich normalerweise nicht mit den Oberflächlichkeiten der Buchdeckel beschäftigen sollte, sei an dieser Stelle die sehr aufwendige Gestaltung, die liebevolle Verarbeitung und die große Mühe gelobt, mit der hier zwei der unbekannteren Texte von Stefan Zweig wieder ins Bewusstsein des gegenwärtigen Lesers gesetzt werden können. Bücher wie diese machen Hoffnung, dass die Buchkultur auch im 21. Jahrhundert seinen Platz haben wird.


Wir danken Topalian & Milani für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

  1. Ehrlich, ich weiß nicht mehr welches Buch oder Sammelband das war, in dem ich zum ersten mal vom Buchmendel gelesen habe. Es war sehr beeindruckend, aber auch bedrückend. Auf jedenfall lässt einen diese Geschichte, nachdenklich zurück. großartige Literatur.

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