Steffen Kopetzkys »Propaganda«: Boys will be Boys

Während der Zeiten der Studentenproteste ’68 gab es einen beliebten Kampfspruch: »USA SA SS«. Das Verhalten Amerikas, gerade in Hinblick auf den Vietnamkrieg, sollte damit in die Nähe der Gräuel der Nationalsozialisten gerückt werden. Linke Renegaten wie Henryk M. Broder oder Götz Aly haben darin im Nachhinein einen psychologischen Reflex gesehen, die eigene Schuld den einstigen Siegermächten überzustülpen. Zwar kommt man nicht umhin, den Vietnamkrieg in der Nachbetrachtung als einer der schrecklichsten kriegerischen Auseinandersetzung der Post-Zweite-Weltkriegs-Epoche zu nennen, doch diesen Schlachtruf gerade aus deutschen Mündern zu hören, hat etwas Infames. Rund fünfzig Jahre später erklingt er erneut – dieses Mal aus den Buchdeckeln des neuen Romans von Steffen Kopetzky: »Propaganda«.

Den meisten wird Steffen Kopetzky wegen seines vorherigen Romans bekannt sein. Damit (»Risiko«) schaffte er es nämlich 2015 auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis und legte einen unglaublich irrwitzigen und klugen Text über die Afghanistan-Expedition einer Handvoll deutscher Glücksritter vor, die die Afghanen während des Ersten Weltkriegs dazu aufstacheln wollten, Britisch-Indien aufzumischen. Nun also, ein Verlagswechsel von Klett-Cotta zu Rowohlt später, erscheint sein neuer Roman »Propaganda«. Dieser handelt von Leutnant John Glueck: »Department for Psychological Warfare, kurz Sykewar. Psychologische Kriegsführung.«

Dies war der Hürtgenwald. Ein grimmer deutscher Wald.

Die Handlung setzt in einem Moment kurz nach dem Eintritt der USA ins westeuropäische Kriegsgeschehen ein: »Wir schrieben Oktober 1944 in der Nordeifel, einem zerklüfteten Mittelgebirge, das in den Karten unserer Armeeführung Huertgen Forest genannt wurde, weil man nicht wusste, wie die Deutschen es nannten.« John Glueck ist nicht nur Protagonist, sondern auch Ich-Erzähler seiner eigenen Geschichte, die auf zwei zeitlichen Ebenen spielt: Im Jahr 1944 (und dessen Vorspiel) und in den 70er Jahren, in denen John Glueck mittlerweile als Analyst an brisante Akten über den Vietnamkrieg gelangt ist und nun als Whistleblower im Gefängnis sitzt.

Ich verspreche Frieden, indem ich mit Mord drohe. Eine amerikanische Amphibie.

Obwohl John Glueck amerikanischer Staatsbürger ist, schreibt der Autor ihm auch das Deutschsein mit ein, denn seine Familie ist Teil der »Pensilfaanisch«-Deutschen Community, weswegen Glueck Deutsch spricht und ein glühender Verfechter der deutschen Kultur ist. Der Eintritt in den Hürtgenwald ist für ihn daher nicht nur eine soldatische Aufgabe, sondern ein Erweckungserlebnis: »Deutschland! Jetzt setzte ich meine ersten Schritte auf das mythische Land meiner Vorfahren.« Wer über den Pathos stolpert, sollte die Augen weiter auf den Weg gerichtet halten, denn er wird den Roman über die ganze Strecke begleiten.

Muss Politik nicht grundsätzlich schmutzig, ihre Vertreter verlogen, ihre Ergebnisse einseitig und ungerecht sein? Nein, sage ich.

Zwei Dinge sind an dieser Anfangskonstellation zunächst festzuhalten. Erstens: John Glueck funktioniert im Text als eine Art Parade-Deutscher: Kulturbesessen und von deutscher Schuld nicht kontaminiert. Zweitens: Mit dem westeuropäischen Kriegsschauplatz wählt der Roman eine Szenerie, in der man sich leichter der Imagination konventioneller Kriegsführung hingeben kann, als das im vom Vernichtungskrieg geprägten Osteuropa der Fall gewesen wäre, was Auswirkungen auf den Text hat. Denn ein großer Teil der Schilderungen spielen im Hürtgenwald, in dem Glueck mit einer Handvoll Soldaten als Aufklärer unterwegs ist.

Im Krieg gegen das Land, das ich, ohne es je gesehen zu haben, inniglich liebte Und dessen Kultur ich so perfekt kannte.

Unter anderem begleitet ihn ein Native-American, der ganz offensichtlich von »Inglourious Basterds« inspiriert Nazi-Skalps sammelt: »›Skalpiert? Nicht dein Ernst. Klingt, als hätte sich das Dr. Goebbels persönlich ausgedacht. Propagandamärchen.‹« Das Kriegsgeschehen wird in Kopetzkys Roman insofern nicht beschönigt, als dass es kein blutiges Spektakel wäre, allerdings treffen hier Soldaten aufeinander (oder Krieger, wie die Deutschen sich im Roman selbst bezeichnen), die sich klumpig schießen dürfen. Das Kriegsbild, das hier gezeichnet wird, ist eher das eines Filmes wie »Patton« oder »The Great Escape«, jederzeit erwartet man, dass Steve McQueen hinter einem Baum hervorspringt. Die Shoah wird hingegen nur am Rande thematisiert.

›Und nun studieren Sie wohl geschlagene deutsche Krieger, was?‹

»Propaganda« versucht, das Geschehen des Zweiten Weltkriegs auf eine grundlegendere Ebene des Kriegsschreckens zu transzendieren, weshalb der Text ihn mit dem Vietnamkrieg verschränkt. Auf der Ebene der Textgegenwart war John Glueck nämlich in Vietnam als Analyst unterwegs und ist mit einer großen Menge »Agent Orange« (jenes chemisches Entlaubungsmittel, das die Amerikaner tonnenweise über dem Vietnamesischen Dschungel abgeworfen haben) in Kontakt gekommen, so dass er von einer sich immer wieder schuppenden Hautkrankheit entstellt ist. Über seine Tätigkeit bekommt er Zugang zu Regierungspapieren, die Kriegsverbrechen enthüllen. Als er eines Tages von einer Fahrzeugkontrolle wegen zu hoher Geschwindigkeit angehalten wird, hat er auch noch eine Schusswaffe dabei und landet im Gefängnis. Das ficht ihn allerdings nur insofern an, als dass er dafür sorgen muss, dass die Papiere nicht in falsche Hände gelangen.

Jetzt regiert die Lüge. Die Politik ist am Ende.

Denn eigentlich ist das Gefängnis der perfekte Ort für einen Mann, der viel Ruhe braucht, um seine Memoiren zu schreiben, die genau von dieser Zeit im Zweiten Weltkrieg erzählen. Diese Erzählungen thematisieren nicht nur die Kämpfe im Hürtgenwald, sondern auch von zufälligen Treffen mit zeitgeschichtlichen Persönlichkeiten wie Ernest Hemingway (einen anderen Großschriftsteller, Bukowski, trifft John Glueck bei einem Schreibseminar, das er vor dem Krieg belegte). Spätestens mit dem Eintritt von Hemingway in den Text erwischt man sich dabei, nervös nach Anzeichen der ironischen Brechung zu suchen, denn so viel »Echte Männer ziehen in den Krieg«-Eros im Jahr 2019 zu begegnen verblüfft, um es vorsichtig auszudrücken.

Jünger war gewissermaßen ein Anti-Kästner von rätselhaftem Charakter […]

Die menschlichen Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs jenseits der Shoah und des Vernichtungskrieges auf den basalen Horror des Krieges herunterzukochen, ist kein ganz neues Phänomen in der deutschsprachigen Literatur. Sowohl Arno Geiger (in »Unter der Drachenwand«) wie auch Ralf Rothmann (»Der Gott jenes Sommers«) thematisieren das Kriegsgeschehen als etwas, das in seiner Gewalt alle erfasst, auch Deutsche. Bei Rothmann wird dies am deutlichsten, in dem er auf alte Barock-Topoi zurückgreift, um den Krieg eher als conditio humana anstatt als das Ergebnis politischer Ereignisse darzustellen. Daraus resultiert ein massiver Bruch, denn plötzlich geht es in dieser Literatur nicht mehr darum, den Zweiten Weltkrieg als das Ergebnis deutscher Schuld zu thematisieren, sondern als allumgreifenden Schrecken. Aus »Auch Deutsche unter den Opfern« ist »Wir alle sind Opfer« geworden.

Bei Kopetzky ist die Lage noch mal vertrackter, weil sein Protagonist Amerikaner und gleichzeitig Deutscher im Geiste ist. Denn das weist auf eine sehr bedenkliche Gleichsetzung hin. John Glueck ist die zweiseitige Medaille eines angeblich gleichen Phänomens. Das führt im Text dazu, dass verwundete Deutsche und Amerikaner bei Schlachtbeschreibungen in einem ungewollt-gewollten Schulterschluss gezeigt werden: »Deutsche und Amerikaner nebeneinander. Kopf an Kopf.« Amis, Deutsche, alles dieselbe Soße. In der zweiten Hälfte wird dieser Roman so blödsinnig, dass es einem schwindelig wird. Der von Pathos besoffene Glueck darf zuletzt sagen: »Seit einem Jahr vielleicht muss ich unaufhörlich über das Deutschland in der Nazizeit nachdenken, weil ich das Gefühl habe, dass das, was hier gerade in Amerika erleben, dem ganz ähnlich ist.«

»Propaganda« ist ein Phänomen einer deutschen Hybris, die davon ausgeht, dass gerade wir Deutsche den Amerikanern erzählen können, wie schlimm ihre Kriege sind, weil wir davon schließlich die meiste Ahnung haben. Und wer immer noch nicht überzeugt ist, wird mit Nietzsche beworfen: »›Friedrich Nietzsche hat mal gesagt: ›Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.‹«

Ob jemals ein neuer Tolstoi erscheinen wird, um uns ein Meisterwerk wie Krieg und Frieden über den Zweiten Weltkrieg zu schenken, werden wir noch sehen.

Wenn man Kopetzky Gutes unterstellen möchte, dann war »Propaganda« der Versuch, einen Anti-Kriegsroman in der Tradition der Hemingways und Remarques mit der Coolness von Tarantino zu schreiben. Was dabei herausgekommen ist, ist selbst ein Stück Propaganda, das seine literarische Dürftigkeit mit markigen Sprüchen (»Vor der Literatur waren wir alle gleich.«) oder schlechten Parodien (»›Jessöä! Tänk ju somatsch.‹«) zu kompensieren versucht und seine geschichtsrelativistischen Effekte so offen ausbreitet, dass man das Vertrauen, das es seit »Stella« aufgebaut hat, in das hymnisch klatschende Feuilleton schon wieder verloren hat. An einer Stelle definiert John Glueck den Unterschied zwischen Literatur und Regierungsschreiben: »Der größte Unterschied zwischen dem Schreiben von Literatur und dem Schreiben für die Regierung besteht im Umgang mit den Auslassungen.« Literatur sei auf Auslassungen angewiesen, Regierungsarbeit auf das Verzichten von Leerstellen. Ein großer Literat hätte diesen Roman gleich komplett ausgelassen.