Steffen Martus: Die Entzauberung der Aufklärung

Martus Aufklärung

Die Aufklärung ist die Epoche, in der der Mensch das selbstständige Denken gelernt hat. So besagt das Klischee. Doch während der Kant’sche Ausspruch vom Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit in jedermanns Ohr klingt und man Voltaire auch gerade noch in Sanssouci herumwandern sieht, ist die Aufklärung als Summe ihrer Akteure weitgehend in den akademischen Diskurs abgesunken. Wenn man dieses Zeitalter als jenes begreift, das den Westen als politisches Projekt definiert hat, dann lohnt ein Blick zurück, gerade in Zeiten, wo dieses Projekt zur Disposition steht. Dieser Aufgabe hat sich der Berliner Germanist Steffen Martus gestellt und ein vom Umfang monumentales Werk zu Papier gebracht, welches dem Image der Aufklärung einem nüchternen Blick entgegenstellt.

Das Wort „Image“ sei an dieser Stelle ganz bewusst gewählt, denn es folgt der Diktion des Autors und Leibniz-Preisträgers, der seine Abhandlung über ein „deutsches Jahrhundert“ mit Kant eröffnet und auch wieder beschließt. Dieser sei, so Martus, ein „begnadeter Werbetexter“ und mit dieser Wortwahl setzt der Autor direkt eine erste These. Denn so sehr es den Aufklärern um die Befreiung des Menschen ging, so sehr hätten sie auch verstanden, dass es um die „hipness“ (wieder Martus) der Gedanken geht, um sie wirkungsvoll im gesellschaftlichen Diskurs zu platzieren. Die Aufklärer waren somit auch die ersten Medienexperten.

Die Aufklärung stellte sich darauf ein, indem sie Dynamik und Instabilität nicht als Zeichen des Verfalls deutete, sondern als Chance.

Doch das manchmal etwas gewollt jugendliche Vokabular soll keinen falschen Eindruck erwecken: so nüchtern Martus‘ Thesen sind, so seriös bewegt er sich auch über fast neunhundert Seiten durch das deutsche 18. Jahrhundert. Die Beschaffenheit der politischen und kulturellen Wirklichkeit im deutschsprachigen Raum dieser Zeit macht das Sprechen über Aufklärung kompliziert. Sie lässt sich weder räumlich, noch personell lokalisieren. Und so bewegt sich der Text von der Krönung Friedrich I. in Königsberg über Hamburg, Zürich, Berlin, Halle, Wien, Dresden und wieder zurück nach Berlin.

Ziel aber war während der Aufklärungsepoche die Wahrung der Balance.

Aus all diesen Orten samt ihres Personals möchte der Text das Wesen der Aufklärung herausarbeiten. Am 4. Oktober 1686 richtete die Hamburger Obrigkeit den Reeder Cord Jastram und Kaufmann Hieronymus Snitger hin. Getrieben wurden sie vom wütenden Mob, der den politischen Unmut auf der Straße artikulierte. Dänemark schaltete sich in den Konflikt ein, genauso wie Preußen. Zu dieser eh schon unübersichtlichen Gemengelage kam auch noch der Protest über eine katholische Kapelle. Einer kaiserlichen Kommission kam es schließlich zu, den Streit zu schlichten. Dieser Fall, der neben der politischen, auch eine soziale und religiöse Dimension hat, lässt erkennen: In einem Reich, dessen religiöse und politische Spaltung seit dem Westfälischen Frieden zementiert waren, sind Konflikte selten auf einzelne Faktoren zu reduzieren. Aufklärung in einer solchen Gesellschaft heißt natürlich Toleranz zu fördern, aber zuallererst politische Strukturen und Verfahren zu finden, die verhindern, dass Volkes Zorn jedes Mal in öffentlicher Lynchjustiz Ausdruck findet:

Man kann die Aufklärung mit Aktualitätswert ausstatten, indem man sie als Teil einer klassischen Modernisierungserzählung darbietet, in der Toleranz, Demokratie und Säkularisierung die gleichsam natürlichen Ziele der Geschichte bilden. Diese Erzählung wirkt nach wie vor attraktiv, und es besteht kein Grund, sich von ihr nicht weiter anleiten zu lassen. Zugleich aber gibt es viele Anlässe, an der schlichten Allgemeinverbindlichkeit und der planen Durchsetzbarkeit der Ideale zu zweifeln. Setzt man voraus, dass die Moderne nur eine sehr spezifische historische Episode für bestimmte Landstrichte und Kulturen war, liegt der Aktualitätswert der Aufklärung nicht allein darin, dass sie bestimmte Errungenschaften der Moderne vorweggenommen hat, sondern dass sie sich auch um einen Ausgleich zwischen konkurrierenden sozialen Strukturen, politischen Systemen und ideellen Orientierungen bemüht hat.

Die Epoche der Aufklärung ist auch die Zeit der umfassenden Gründung von Institutionen. Neben der fortschreitenden Schulgründung und dem Versuch der Ausbildung einer flächendeckenden medizinischen Versorgung, sind vor allem die intellektuellen Zentren – Wissenschaftsakademien und Universitäten – die zentralen Orte der Aufklärung. In ihnen werden die entscheidenden theoretischen Auseinandersetzungen geführt. Auch dort gestaltet sich die Gefechtslage unübersichtlich: Neben den philosophischen Auseinandersetzungen müssen sich die Aufklärer auch gegenüber ihren Landesherren und dem dort ansässigen Klerus verantworten. Nicht selten endet das in der Entlassung an einem Ort und der Anstellung an einem anderen. Wie sehr auch in der intellektuellen Auseinandersetzung nicht nur der theoretische Gehalt, sondern auch der begleitende Habitus entscheidend ist, versucht Martus am Fall Christian Thomasius zu zeigen. Dieser provozierte seine Zeitgenossen inhaltlich, aber auch dadurch, dass er in seiner Bekleidung die universitären Gepflogenheiten durchkreuzte. Damit unterstrich er den Anspruch, eine Zäsur zu markieren.

Die Bedeutung der Aufklärung für uns liegt daher weniger im Aufruf zur rationalen Ermächtigung als vielmehr darin, uns unsere Unmündigkeit einzugestehen und mit ihr produktiv umzugehen.

Dass sich die Aufklärung zwar in Teilen um die Säkularisierung des Staates bemühte, aber maßgeblich – vor allem in den protestantischen Gebieten – von religiös-motivierten Reform-bestrebungen profitierte, zeigen die pietistischen Bewegungen. Mit ihrer Innerlichkeitsagenda förderten sie die Bildung des Einzelnen und produzierten dabei den perfekten Staatsdiener: „Der wahre Staatsdiener kommt seinen Pflichten ohne eigene Ambitionen nach, weil er im Dienst einer höheren Macht handelt.“ Auf solche Charaktere kam es im modernen Staat an. Auch Religion und Aufklärung als Konterparts zu sehen, ist ein weit verbreitetes Klischee. Vielmehr ging es wieder darum, Formen der Balance zu finden.

Die großen Zäsuren der Aufklärung waren zu einem der Siebenjährige Krieg, zum anderen das Erdbeben von Lissabon. Sie machten dem Menschen die eigene Unzulänglichkeit offensichtlich, vor dem Weltenlauf selbstbestimmt bestehen zu können und kreierten im Fall des Erdbebens einen eigenen theoretischen Diskurs: den der Theodizee. Doch sie führten auch einen Begriff in das Nachdenken über geschichtliche Verläufe ein, der auch heute immer noch von hoher Relevanz ist: der schlichte Zufall. Wäre 1762 Zarin Elisabeth nicht plötzlich gestorben, wer weiß wie der Krieg für Preußen weiterverlaufen wäre. Alle rationale Planung, alle politischen Ränken lösen sich in diesem einen Moment auf, mit dem keiner rechnen konnte. Wie sehr wir alle davon abhängig sind, hat fundamentale Auswirkungen auf unsere Stellung in der Welt.

Das sanfte Licht der Aufklärung zeigt etwas anderes: wie man sich an unklare Verhältnisse und unruhige Zeiten gewöhnen kann.

Ein durchgängiges Narrativ in Martus‘ Aufklärungs-Abhandlung zu erkennen gelingt nicht immer. Dafür ist der Text zu sehr darauf angelegt, eine Gesamtübersicht zu bieten: Von der Rolle der Frau, jüdischer Aufklärung, Astronomie, über medizinischen Diskurs bis hin zur Werther-Hysterie handelt Martus alles ab, aus dem sich schließlich Aufklärung herstellt. Seine große Leitlinie soll dabei jedoch bleiben: so sehr die Epoche der Aufklärung das Neue markieren will, geht es ihr im gleichen Maße darum, Formen zu finden, die das Neue darstellbar machen. Das ist am Ende als große These des Texts – so informativ und belesen die Darstellungen auch sind – nicht ganz überzeugend, da es dem Autor nicht wirklich gelingt, plausibel zu machen, inwiefern die enge Verzahnung von Habitus und Inhalt etwas genuin Aufklärerisches wäre. Dennoch lässt sich der Text mit viel Gewinn lesen, schon alleine wegen seiner völlig unhippen Nüchternheit.


Wir danken Rowohlt Berlin für das Rezensionsexemplar.

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