Steffen Menschings „Schermanns Augen“: In diesem Lager ist das 20. Jahrhundert inhaftiert

Das Projekt, das 20. Jahrhundert zu erzählen, war auch immer ein Projekt, Räume zu erzählen. Die krisengeschüttelte Gesellschaft der Jahrhundertwende war eine Gesellschaft des Sanatoriums, das wie im „Zauberberg“ in Agonie liegend, der sicheren Katastrophe entgegensah. Die Poststrukturalisten, allen voran Michel Foucault, erkannten dann das Gefängnis als den zentralen Ort, an dem die Repressions- und Disziplinarkräfte einer modernen Gesellschaft offenbar werden. Ein weiterer zentraler Ort des 20. Jahrhundert ist das Lager, das seine Verwandtschaft zum Gefängnis aufweist, aber eine ganz eigene Erzähltradition begründete. In diese Erzähltradition stellt sich nun auch Steffen Menschings „Schermanns Augen“.

Auch wenn der Begriff der Lagerliteratur mittlerweile von den Texten über den Holocaust bestimmt ist, findet diese Literaturtradition ihren Anfang in dem Moment, in dem sich moderne Staaten ausbilden, die ihre Subjekte separieren wollen, Macht ausüben und unterwerfen. Sie beginnt mit Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ und anderen russischen Texten, sie ist tief mit der Kolonialgeschichte verwoben, wovon Filme wie „Papillon“ erzählen und sie findet ihren Höhepunkt zu dem Zeitpunkt, an dem zwei totalitäre Staaten in der Mitte des 20. Jahrhunderts aus einem Lagersystem ein Arbeits- und Vernichtungssystem machen.

Also, Schnauze halten, Schwäche zeigen. Nachdenken.

In diese Zeit fällt auch die Erzählung von „Schermanns Augen“, in dem Steffen Mensching seinen Protagonisten Rafael Schermann in die Literatur einführt. Dem Roman gehen zwei Dinge voraus, um die man weiß, ohne auch nur eine Seite gelesen zu haben: Steffen Mensching soll rund zehn Jahre an diesem Roman gesessen haben und der Roman galt als einer der vielversprechenden Favoriten für den Deutschen Buchpreis, ähnlich wie Michael Lentz oder Robert Seethaler. Dass es am Ende keiner der drei Romane gar auf die Longlist geschafft hat, mag an der Weigerung des langen Atems seitens der Jury gelegen haben, das ändert jedoch nichts daran, dass dem Roman einiges an Aufmerksamkeit zu Teil wird.

Das Lager war voller Gestalten, die im Labyrinth ihrer Einbildung lebten.

Das mag zunächst erstaunen, denn Menschings Buch will so gar nicht in unsere Zeit passen, in der der vermeintliche Roman der Stunde „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist und alle sich danach sehnen, dass die Literatur doch mal endlich das leistet, worin die Leitartikler dieser Republik Woche für Woche versagen (müssen): Die Welt zu erklären. In „Schermanns Augen“ wird erst mal gar nichts erklärt, es hat auch keinen aktuellen Zeitbezug. Stattdessen zeigt der Roman Gewalterfahrungen in der Sowjetunion kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs.

Der Mensch ist eine Bestie, sagte Schermann, domestiziert, aber das Raubtier schläft nur.

Dort findet sich ein ungleiches Paar in einem sowjetischen Gefangenenlager wieder: „Safronawka, ITL 47, genannt Artek II, war ein Nebenlager im Archangelsker Gebietet, hundertfünfzig Kilometer östlich von Kotlas, an der Bahntrasse nach Workuta gelegen. Bis 1935 ein verschlafenes Fünfzig-Seelen-Dorf, windschiefe Hütten und eine baufällige, als Getreidespeicher genutzte Kirche. Dann übernahm das NKWD die Siedlung.“ Rafael Schermann, der historischen Person entlehnt, ist auf seiner Flucht vor den Nazi-Schergen genauso in die Fänge der Politkommissare geraten wie ein gewisser Otto Haferkorn, ein junger deutscher Kommunist, der wie viele andere kommunistische Exilanten der Selbstzerfleischung-Maschinerie des paranoiden Stalinismus zum Opfer fällt.

Deutsche und Russen waren Verbündete, Partner im Kampf gegen den westlichen Imperialismus.

Schermann und Haferkorn sind ein solch offensichtlich herausgestelltes Gegensatzpaar, das sie von Autor und Kritik schon in eine Reihe mit Don Quixote und Sancho Panza gestellt wurden. Tatsächlich trennt sie nicht nur, dass der eine jüdischer Pole und der andere Deutscher ist, sondern auch, dass Mensching sie zwei verschiedenen Sphären, Geistestraditionen oder Weltanschauungen zuweist: Schermann ist Graphologe, Handschriftendeuter und hat sich als dieser vor allem in Wien einen Namen gemacht. Angeblich sei er in der Lage, über die Schrift eines Menschen, weitgehende Urteile über sein Leben und Wesen fällen zu können. Otto Haferkorn hingegen hat hingegen in der Setzerei einer kommunistischen Zeitschrift gearbeitet und ist damit, in seiner Arbeit mit automatisierter und normierter Schrift, rationalen Fortschritt näher als der zum okkulten neigender Schermann.

Die Schrift ist der Ausgangspunkt, der Ort, an dem die Suche beginnt.

Was beide im Lager erleben, ist eine Strecke an Schrecklichkeiten, Erniedrigungen und Entsagung. Mensching erzählt von Tagen der Zwangsarbeiten, Nächten im „Hotel Lazarus“ (wer im Lazarett liegt, muss nicht arbeiten) und einem Männerüberschuss, der in absurden Onaniewettbewerben mündet. Schermann genießt innerhalb des Lagers jedoch einen Sonderstatus, weil sich die russischen Wärter für seine angebliche Fähigkeit zum Schriftdeuten interessieren. Gleichzeitig setzt das Schermann natürlich auch in Zugzwang die Illusion von Ergebnissen aufrechtzuerhalten.

Mein Name war zu bekannt. Zu jüdisch. Jeder Grenzbeamte in Deutschland wusste, was er von so einem Namen zu halten hatte: Rafael Hirsch Schermann.

Unterbrochen wird die Narration von ständigen Rückblicken. Der Text reist dann in dann die Zeit Vor- und Zwischenkriegszeit und in ein Wien, das das Wien von Karl Kraus, Elias Canetti, Oskar Kokoschka und der Wiener Moderne ist. Solch kulturelle Prominenz leistet sich gerne Extravaganzen und eine dieser Extravaganzen ist Schermann. Vor allem der genialische Kritiker Karl Kraus ist von Schermann angetan und verspricht sich von ihm die Lösung eines amourösen Problems.

Bevor er den Handschriftendeuter kennenlernte, hatte er mit Hellseherei und Okkultismus nichts am Hut.

Was so klingt, als würde Mensching vor allem Schermanns Leben erzählen, wird in der Erzählweise klarer: Denn dadurch, dass der Text wörtliche Rede nicht markiert, tauchen im Text immer wieder „Ichs“ auf, die nicht klar zuzuordnen sind. Die Summe der „Ichs“ ergibt am Ende so etwas wie eine Kollektivgeschichte, in der das einzelne Subjekt jedoch nicht verschwindet. Neben der detaillierten Recherche ist das vermutlich die gelungenste Idee, in der Steffen Menschings Roman von einer reinen Dokumentation zu echter Literatur wird.

Man musste dir erst die Wahrheit aus dem Kopf prügeln. Umgekehrt, dachte Otto, man hat mir die Lüge in den Mund getreten.

Die beeindruckende Detailfülle droht allerdings auch immer wieder zur Achillesferse des Romans zu werden. Denn bei dem Versuch, die gesamte erste Hälfte des 20. Jahrhunderts aufs Tableau zu bringen, ist nicht immer klar, was für den Text Bedeutung besitzt, was reine Dokumentation um den Dokumentationswillen und wo es schon nahe am Namedropping ist. Diese Bedenken sind im Vergleich dazu, was der Roman zu leisten vermag, jedoch zu vernachlässigen, denn „Schermanns Augen“ schafft etwas außergewöhnliches: Er verteidigt das Subjekt im Akt des Erzählens vor der Zerstörungswut der Kollektive.


Wir danken dem Wallstein Verlag für das Rezensionsexemplar