Steven Blooms »Mendel Kabakov und das Jahr des Affen«: Biographie vs. Geschichte

Der ältere jüdische New Yorker Mann hat über Jahrzehnte die amerikanische Kultur geprägt, von Woody Allen bis Larry David, von Philip Roth bis Paul Auster. Auffällig: Der alte New Yorker Mann scheint besonders obsessiv über sich selbst oder andere, ähnliche alte Männer erzählen zu müssen. Und so ist die amerikanische Literatur- und Filmgeschichte voll von alten, männlichen Künstlern, Professoren, Schriftstellern, Regisseure etc. in New York. Da macht auch Steven Blooms »Mendel Kabakov und das Jahr des Affen« keine Ausnahme.

Das titelgebende Jahr des Affen ist 1968 – ein Jahr des Umbruches, das Anlass zur Reflexion gibt. Mendel Kabakov ist Geschichtsprofessor und hat daher ein doppeltes Verhältnis zur Geschichte: Im Roman erzählt er seine eigene, persönliche Geschichte, er referiert aber über amerikanische Geschichte. Anlass des Zurückschauens ist aber auch der Tod seiner Frau Sonja und die Konflikte mit der Generation seiner Kinder und Enkel.

Ich war schon lange, um es mit Mordecai Richler zu sagen, Jude nur noch, wenn es ans Verfolgtwerden ging.

Es ist also einiges durchgerüttelt in Kabakovs Leben, das schon immer ein schwieriges war. Der Ich-Erzähler blickt auf eine Kindheit zurück, in der er sich aus den orthodoxen Zuständen seiner Familie emanzipierte: »Ich hatte mir sogar die Pejes abgeschnitten.« Als der Nachfahre osteuropäischer Juden stößt er bei der jüdischen Community in New York auch auf Ablehnung, da das osteuropäische Judentum unter den New Yorkern als rückständig und konservativ gilt.

Pogrom wiederum war das eine russische Wort, das jeder Jude verstand.

Der Kontakt zu den Eltern bricht ab (»Drei Jahre später, direkt nach dem Überfall der Deutschen auf Polen, teilte mir ein Nachbar auf Englisch mit, dass meine Mutter gestorben war.«), die zentrale Gestalt in seinem Leben wird seine blinde Frau Sonja, der er in einer Zufallsbegegnung über die Straße hilft, während alle anderen vorbeigehen. Ihre Kinder Sammy und Eva wachsen zu streitbaren Kindern auf, die ihren Vater in seinem Selbstverständnis herausfordern.

Ein Zionist, heißt es im Witz, ist ein Jude, der möchte, dass ein anderer Jude nach Israel zurückkehrt.

Das ist die eine Ebene. Die andere Ebene sind die Geschichtsbetrachtungen des Ich-Erzählers Kabakov, der die Gänze der amerikanischen Historie überblickt. Sein Interesse gilt nicht nur der Frage, wie Geschichte verläuft, sondern wie sie hätte verlaufen können: »Wäre die Nase der Kleopatra kürzer gewesen, hatte Pascal geschrieben, hätte das Antlitz der Erde ein anderes Aussehen bekommen.«

Aus irgendeinem Grund war das Wort Nachfreude im neunzehnten Jahrhundert außer Gebrauch gekommen.

Steven Bloom, insofern ein ungewöhnlicher Autor, als dass er seine Bücher auf Englisch schreibt, im angloamerikanischen Literaturraum aber so gut wie unbekannt ist, zeichnet in »Mendel Kabakov und das Jahr des Affen« einen Mann, der damit kämpft, mit der gleichen erzählerischen Souveränität über Menschheitsgeschichte zu referieren, und zugleich seine eigene Geschichte in den Griff zu kriegen.

Als Kind hatte ich gelernt, meine Sinne abzuschalten.

Das ist auf der Ebene der Darstellung ohne großen Aufwand, aber sehr gefällig gelungen. Steven Blooms Roman wird sich nicht in die langen Liste der großen New York-Romane einreihen, aber in seiner handwerklichen Geschliffenheit und der Fähigkeit, die tragischen Töne genauso zielsicher zu treffen wie die humoristischen, ist »Mendel Kabakov und das Jahr des Affen« eine angenehme Abwechslung zwischen all den Texten, die in ihrem angestrengten Kunstwillen das Grundsätzliche vergessen.