Stuckrad-Barres „Panikherz“: Gegen die Ironie und für das Gefühl

Panikherz

Es ist ein seltenes Unglück, eine Buchbesprechung schon ganz zu Anfang mit einem Disclaimer versehen zu müssen. Das Sprechen über „Panikherz“ kann nur ein ungerechtes sein, was sich dieses Buch selbst eingebrockt hat. Denn Benjamin von Stuckrad-Barres neuster – ja, was eigentlich – Roman bzw. Autobiographie hat wohl vor allem eine selbstherapeutische Intention. In diesem Sinne kann man nur hoffen, dass es dem Autor geholfen hat, denn scheinbar stand es bei dem Schriftsteller mehrere Male Spitz auf Knopf, die letzte Ausfahrt zu nehmen. Wer sich „Panikherz“ mit einem voyeuristischen Interesse nähert, wird auf seine Kosten kommen, denn Stuckrad-Barre lüftet ausgiebig die eigene Bettdecke. Doch als literarischer Text muss das Buch auch anderen Kriterien standhalten: Schafft es der Text, die Geschichte seiner Figur soweit poetisch zu verdichten, dass daraus eine Generationengeschichte wird? Leider nicht – „Panikherz“ ist eher als Symptom zu lesen, denn hier wird wenig Literatur und viel Therapie betrieben.

Der Begriff der „Popliteratur“ ist eigentlich ein Nicht-Begriff, so wie „Postmoderne“ oder „Nachhaltigkeit“. Man trägt sie gerne im Mund, weil sie so distinguiert klingen und scheinbar etwas beschreiben, was furchtbar wichtig ist, doch Popliteratur ist eigentlich alles und nichts. Die Pointe: Die Substanzlosigkeit des Begriffs passt dann aber doch wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge zu jenen, die sich in Deutschland zuletzt unter seinem Banner versammelten. Ende der Neunziger traten junge Wilde ins Rampenlicht und schienen Massenkultur und Literatur zu versöhnen. Sie traten zusammen mit Popstars auf, waren Fotomodels und fanden im Fernsehen statt. Die Rede ist natürlich von jenen (und anderen), die sich schließlich ins Adlon einsperrten und die königliche Langeweile propagierten. Mit dabei ein fast jugendlicher Benjamin von Stuckrad-Barre, der von seinem Debütroman „Soloalbum“ ganz nach oben katapultiert wurde.  In „Panikherz“ beschreibt er nun den ebenso steilen Weg nach unten und begräbt so ganz nebenbei eine kurze, aufregende Literaturepoche.

Ich habe folgende Sensation über Udo Lindenberg mitzuteilen, etwas, das man über keinen anderen deutschen Sänger so allumfassend sagen kann: Er liebt die Menschen. Das tut er wirklich.

Aus der Sicht des Jahres 2016 wirkt diese Epoche wie eine außerirdische Zeit aus ferner Vergangenheit. Während wir uns mit dem Ukraine-Krieg, dem Zerfall des Nahen Ostens und der Flüchtlingskrise beschäftigen, war das größte Problem damals die Langeweile. Eine wohlstandsverwöhnte, arrogante Generation von Schriftstellern spie Weltekel über das Land und fand sich dabei ganz besonders klug. So machte man sich gar nicht erst die Mühe, nach einem eigenen Standpunkt zu forschen, sondern zitierte sich solange durch die Kunst- und Pop-Geschichte, bis alles soweit referenziell angereichert war, dass der Autor dahinter völlig verschwand. Der bestimmende Modus dieser Weltsicht war der der Ironie. Die wurde zwar in „Tristesse Royale“ schon verabschiedet, aber das war damals noch ironisch gemeint. Dieses Mal ist es Stuckrad-Barre damit sehr ernst.

Kreuzreim, Paarreim, Metaphern, Anaphern, Hyperbeln! Man fand auf Udos Platten wirklich alles, was man brauchte.

Die Figur Benjamin von Stuckrad-Barre, die die Öffentlichkeit kennt, wurde durch Udo Lindenberg geboren: „Ich hörte diese Udo-Kassette so oft bis sie irgendwann riss, doch da kannte ich die Lieder schon alle auswendig. Materialermüdung! Mich aber hatte dieses Material geweckt, erweckt, ein Kometeneinschlag, nun war es hell, jetzt konnte es losgehen, das Leben.“ Der Autor markiert damit nicht nur den Anfang seiner eigentlichen Biographie, sondern auch die Struktur, die den Text bestimmen soll. Lindenberg ist Stuckrad-Barres größter Held und ewiger Leitstern. Deren wechselhafte Beziehung steht stellvertretend für das Leben des Autors, das sich auch daran messen lässt, mit welcher Haltung er seinem Heroen entgegentritt.

Dieses Leben wird in „Panikherz“ über wenige Umwege chronologisch erzählt. Stuckrad-Barre zieht in den Text zwei Zeitebenen ein: Die der Gegenwart der Textproduktion, die im berühmt-berüchtigten Hotel Chateau Marmont in Los Angeles spielt und die des Rückblicks auf die verschiedenen Stationen seines Lebens. Nach Los Angeles hat den Autor – wer auch sonst – Udo Lindenberg gebracht, als Stuckrad-Barre wieder einmal einen Tiefpunkt erreicht hatte. Dort erhoffen sich beide die nötige Inspiration für den Schriftsteller. Im Hotel Chateau Marmont ist die Ereignisdichte der Hollywood-Tragödien und Skandale besonders hoch. Hier sprang James Dean aus dem Fenster, hier verunglückte Helmut Newton und hier bekamen reihenweise Sternchen Hausverbot, weil sich die Hotelrechnungen mittlerweile in die Fünfstelligkeit schraubten. Dass es diesen mythischen Ort tatsächlich gibt, ist einer der vielen Erweckungserlebnisse in diesem Buch: „Jeder Straßenname ein Songtitel, jedes Haus filmbekannt, jeder Stadtteil und jede Ecke besungen, bedichtet, kulturell kartographiert bis zum Gehtnichtmehr – und dann die Riesenüberraschung: Das gibt es sogar wirklich. Man kann da langgehen.“

Wo war der Witz? Ich war jetzt selbst einer.

Von dort aus schaut der Leser dem Autor über die Schulter, wie er selbst auf sein Leben zurückblickt: Sein Auszug aus der Kleinstadt, die ersten Schritte im Journalismus und Musikbusiness, Schriftstellererfolge und Engagements im Fernsehen als Gag-Schreiber und schließlich als Moderator. Mit dem Erfolg kamen die Drogen und die diktieren schon bald sein Leben. Stuckrad-Barre geht es darum, die Spießigkeit der Drogensucht herauszuarbeiten. Wer professioneller Abhängiger sein möchte, muss sich an einen strikten Zeitplan halten und ist damit über die Hintertür in der ritualfixierten Kleinbürgerlichkeit angekommen. Die Beschreibung der Sucht nimmt einen der größten Teile des Textes ein und ist leider die Achillesferse der Autobiographie. In der Rezeption wurde – ähnlich wie bei Knausgȧrd – häufig das Attribut „mutig“ bemüht, um das zu beschreiben, was Stuckrad-Barre in diesem Text betreibt. Tatsächlich spart der Autor kaum etwas aus: wie eine Bulimie-Attacke abläuft, was es körperlich mit einem Menschen anstellt. In Wirklichkeit aber handelt es sich dabei um das, was vor kurzem als „Bekenntnisliteratur“ bezeichnet wurde: Eine Literatur, dessen Pfund nicht mehr in ihrer Literarizität, sondern in ihrem Bekenntnisgehalt besteht. Je ehrlicher, je schonungsloser sich ein Autor geriert, desto besser. Dieses Phänomen hat den Norweger mit seinem megalomanischen Buchprojekt erst ermöglicht und Stuckrad-Barre hat davon Wind bekommen.

Das Gespräch plätschert dahin, es ist ein bisschen öde. Er lese gerade Knausgȧrd, sagt Ellis, er sei süchtig nach Knausgȧrds in Erzählzeit erlebtem Alltag, da passiere ja gar nichts, und genau deshalb sei es so spannend.

Interessant wird „Panikherz“ immer da, wo der Text über den Lindenberg-Bezug metapoetische Überlegungen zur eigenen Weltsicht erörtert. Udo Lindenbergs Antagonist ist Harald Schmidt, der sogenannte große „Kältetechniker“. Die Bewunderung für den Entertainer ist zwar auch noch in diesem Buch präsent, aber sie wird kritisch hinterfragt. Die ironische Distanz, die Schmidt zu den Dingen einnimmt und die ihn zum Stellvertreter der späten Neunziger, der frühen Nullerjahre macht, hat sich leergelaufen. Sie ist in unserer Gegenwart nicht mehr angemessen und ist ein Grund für die tiefe Traurigkeit, die aus „Panikherz“ spricht. Beide – das macht der Text deutlich und das ist ihm hoch anzurechnen – sind vollständige Künstlerfiguren. Schmidt kam nie aus seiner Haut des neurotischen Zynikers, genauso wenig wie Lindenberg je etwas anderes sein konnte als der positive Clown. Die Entscheidung, die Stuckrad-Barre hier anbietet, besteht also nicht zwischen dem ironischen Schmidt und dem authentischen Lindenberg, sondern in einer positiven oder negativen Weltdeutung.

Es war eine Frage der Herzensbildung, und wer Udo liebte, entschied sich damit für das Gefühl und gegen die Ironie.

„Panikherz“ feiert großen Abschied: Von dem, was damals Popliteratur genannt wurde, von der Kältewelt des Harald Schmidt und von dem ironischen Schutzpanzer, der die Wahrhaftigkeit der Welt abhalten sollte. Mit der Hinwendung zu Udo Lindenberg tritt der Autor aus der Dunkelheit und ins Leben. Mit der Regelmäßigkeit, in der der Text mit solchen Erweckungsmotiven hantiert, bewegt er sich immer scharf an der Grenze zum Esoterischen. Zwar versucht sich Stuckrad-Barre mit diesem Text auch neu zu erfinden, orientiert sich dabei aber an dem Trivialsten, was die Gegenwartsliteratur momentan zu bieten hat. Zurück bleibt ein hoffentlich nun glücklicher, aber leider auch poetisch entkernter Autor, der sich hier bis zur Unlesbarkeit entblößt.


Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

3 Kommentare

  1. Pingback: Panikherz - Benjamin von Stuckrad-Barre | Buzzaldrins Bücher

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