Sven Regeners „Wiener Straße“: Auf der Suche nach dem verlorenen Ziel

Wiener Straße

Die Wiener Straße schneidet einmal quer durch das Fleisch von Kreuzberg. An ihrem äußersten Ostende lugt sie fast schon einmal nach Treptow rüber, am anderen Ende verlängert sie die Oranienstraße, die einstmals mit dem SO36 das Sinnbild des alternativen Stadtteils war. Heute ist sie vor allem noch durch zwei passable Fußballkneipen und als jene Straße bekannt, die dem berühmt-berüchtigten Görlitzer Park zur Südseite Einhalt gebietet. Wie überall in Berlin kämpft auch diese Ecke der Stadt mit Gentrifizierung und Stadtwandel. Doch einst, so erzählt die Legende, war auch die Wiener Straße ein wilder Mix aus Migranten, Studenten, Künstlern und Tagedieben. Wer diese Zeiten noch mal Revue passieren lassen will, der kann das nun in Sven Regeners x-ten Fortführung des Lehmann-Kosmos tun.

Die Figur Frank Lehmann und sein Soziotop sind für den Schriftsteller und Musiker zu einem ewigen Wandteppich geworden. Szene für Szene, Stück für Stück knüpft sich dieser Teppich weiter, bis – ja, bis was eigentlich passiert? Denn in Regeners Romanen geht es eigentlich immer darum, dass nichts passiert oder genauer gesagt: Es passiert eigentlich immer sehr viel (z.B. der Mauerfall), doch niemand mag es so richtig mitbekommen. Man kann also nicht davon sprechen, dass sich dieses Werk einem Endpunkt zuneigt. Das mag mit ein Grund sein, weswegen es sich anbietet, immer wieder darauf zurückzukommen. Das Lehmann-Universum ist eine endlose Kreisbewegung unter anderem Namen. Mal „Herr Lehmann“, mal „Neue Vahr Süd“, nun also „Wiener Straße“. Wie schon die letzten Bücher erschien auch der neuste Roman im Galiani Verlag und hat Regener nun seine erste Nominerung für den Deutschen Buchpreis eingebracht.

„Entweder berlinern oder nicht berlinern, aber nicht das dauernde Durcheinander.“

Zwar gehört „Wiener Straße“ laut Autorenaussage nicht zur Lehmann-Trilogie, doch diesen Hinweis kann man beherzt beiseiteschieben, denn in Regeners Werk hängt ja doch alles miteinander zusammen und Lehmann, immer noch bzw. schon (denn „Wiener Straße“ spielt vor „Herr Lehmann“) damit beschäftigt, sich darum zu bemühen, mit richtigen Namen angesprochen zu werden („Immer schön Frank. Nicht Frankie.“), taucht auch selbst auf. Doch der Fokus ist in diesem Buch verstreuter, Erwin Kächele und das Café Einfall sind wieder mit dabei, aber eigentlich geht es wie immer um Existenzen in der Nische. Die Nische bildet das Viertel und das Viertel bildet wiederum Existenzen heraus, die auch nur in der Nische funktionieren.

„In der Kunst gibt es keine Demokratie und keine Widerworte.“

Der Roman setzt in den frühen Achtzigern an, was für Westberlin bedeutet, dass die Stadt noch ein letztes Jahrzehnt dazu ansetzt, es sich auf ihrer Insel gemütlich zu machen. Der Punk ist angebrochen, die Grünen gründen sich und die Neue Deutsche Welle ist schon fast wieder Geschichte. In einem Interview mit der ZEIT schildert Regener das Charakteristische dieser Tage folgendermaßen: „Das Interessante an Kreuzberg war, dass sich die bildende Kunst durch die Punkszene entakademisiert hatte. Das war neu. Plötzlich herrschte das Gefühl, dass jeder mitmachen konnte. Dass Kunst nicht mehr von einem gemacht sein müsse, der von der Hochschule kommt. Das war plötzlich egal.“ Daher ist es auch nur folgerichtig, dass dieses plötzlich entstandene Kunstmilieu in „Wiener Straße“ eine große Rolle spielt.

„Wie bin ich hier nur reingeraten?!!“

So geht es in weiten Teilen um eine Wiener Künstlergruppe, derer ein gewisser Kacki die prominenteste Figur ist. Einer der geplanten Kunstaktionen heißt „Haut der Stadt“, in der es um „Kunst in Beziehung zur Stadt und ihren Bewohnern und so weiter und so fort“ gehen soll. Die demokratisierte Kunst, die hier im Roman vorgeführt wird, ist eine entprofessionalisierte Kunst. Sie beginnt mit einer Schnapsidee, bleibt eine Schnapsidee und löst sich meist auch in Schnaps wieder auf. Dennoch: Der Roman schildert dies mit sehr viel Sympathie für einen Ort, der Räume für das anarchische Moment in der Kunst bereithält. Gleichzeitig sind diese etwas verschrobenen Wiener Künstler auch entwurzelt, ihnen hängt eine Melancholie und Sehnsucht an, die vor allem über das Wesentliche der österreichischen Kultur kommuniziert wird: „Sollen sie mich doch ausweisen, ich hab so Heimweh! Nach Palatschinken und Erdäpfelsalat und nach einem schönen Schnitzel und nach Ottakring!“

„Wenn sich einer schon P. Immel nennt, dann ist der doch das letzte Chauvi-Schwein!“

Doch auch wenn das Personal teilweise ein anderes ist, die Leser von „Herr Lehmann“ und dessen Nachfolge-Romanen werden sich auch hier wieder, in diesem kratzig-charmanten Kreuzberg wohlfühlen. Das liegt auch daran, dass sich Regener auf ein altbewährtes Prinzip verlässt: Das Reden ersetzt das Handeln. Regeners Personal stellt zwar allerlei an, aber meist ohne Ziel oder Erwartungshorizont. Stattdessen gewinnt die Routine die Oberhand über so etwas die Lebensplanung. Es wird vor allem viel geschwafelt und Bier getrunken, geschwafelt über das, was man machen will, das was man auf keinen Fall machen will und das was man eigentlich mal machen könnte.

Er nahm einen Schluck von dem Kakao. Das war wirklich der Geschmack seiner Kindheit, dieser Apfelkuchen und dazu der Kakao […]

In diesem aktionsarmen Umfeld entsteht zwangsläufig ein ganz neuer Ereignisbegriff. Obwohl Berlin eigentlich im Mittelpunkt der Weltgeschichte steht, sind politische Ereignisse kaum von Relevanz für die handelnden Figuren. Stattdessen ist das größte Ereignis dieses Romans die Anschaffung einer neuen Kaffeemaschine: „Die neue Kaffeemaschine war nicht schön und auch nicht besonders praktisch, der Deckel über dem Filterbehälter hakte, alles wackelte, aber Erwin beschloss, dass das jetzt mal egal war […]“ „Wiener Straße“ zeigt eine Stadt in einer historischen Situation, in der sie sich im Auge des Sturms befindet – und dort ist es bekanntlich still. Eine Insel der Seligen in einem chaotischen Meer.

„Du baust ein Haus aus Lügen, Immel! Und wir werden beide noch erleben, dass es einstürzt“, sagte H.R.

Doch so treffsicher Sven Regener es auch in diesem Roman wieder schafft, dieses tragikomische, untergegangene Kreuzberg vor Augen zu führen, so sehr schleichen sich langsam Ermüdungserscheinungen ein. Das Konzept dieses Romankosmos ist darauf angelegt, es quasi ins Unermessliche zu verlängern, weil sich in diesem Kosmos selbst alles nur wiederholt. Doch die eigene Legitimation des Erzählens wird auch zum Problem für das Erzählen: So plausibel wie es erscheint, einfach noch mal eine Runde mit Sven Regener um den Görli zu drehen, so plausibel erscheint es auch einfach zu sagen: Ich setz eine Runde aus. Denn verpassen tut man nichts und ein nächstes Mal wird es sicher geben.


Wir danken dem Galiani Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

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