Schlagwort: Amerika

Wolfgang Koeppens „Amerikafahrt“: Republikanische Pracht

Die Geschichte Wolfgang Koeppens ist die des Verstummens. Der Autor aus Greifswald galt unter seinen Zeitgenossen als einer der avanciertesten Nachkriegsschriftsteller, obgleich sein literarischer Werdegang schon in der Weimarer Republik begann. Mit Marcel Reich-Ranicki hatte Koeppen einen wortmächtigen Fürsprecher an seiner Seite; eine Verbindung, die in der Nachbetrachtung unterschiedlich bewertet wurde. Während die einen Reich-Ranicki für seine Errungenschaften um Koeppen preisen, haben andere dem Großkritiker stets vorgehalten, das Verstummen des Autors mit seinem ständigen Drängen auf den nächsten großen Roman noch befördert zu haben. Wer es mit einfachen psychologischen Schlüssen hält, könnte vermuten, der Grund für Koeppens spätere Konzentration auf Reiseberichte ist genau in diesem Spannungsverhältnis erwachsen: die Reise als Flucht vor einem Kulturbetrieb, der ständig Erwartungen an einen Autoren herantrug, die dieser nicht mehr erfüllen konnte oder wollte. Einer der Texte dieser Zeit ist Koeppens „Amerikafahrt“, die Reise eines Enthusiasten. Weiterlesen

Matthias Engels‘ „Wilde & Hamsun“: Kaffeefahrt durch die Weltgeschichte

Im Jahr 1884 kam eine internationale Delegation nach Washington D.C., um ein dringliches Thema zu besprechen: Ein neuer, vereinheitlichter Nullmeridian sollte bestimmt werden, diejenige senkrechte Linie, die zum Bezugspunkt für alle Längengrade wird und zur Bestimmung der Weltzeit dient. Schnell ist man sich einig, der Nullmeridian sollte auf neutralem Grund und möglichst an einem der großen Observatorien verlaufen. Doch was ist im Jahre 1884 schon neutraler Grund, wo doch die Hälfte der Welt zum Commonwealth gehörte. Nach einigem diplomatischen Gerangel einigte man sich schließlich darauf, dass der Nullmeridian so gelegt werden würde, dass er die Londoner Sternwarte Greenwich kreuzen würde. Die Entscheidung hatte am Ende wenig mit Wissenschaft, viel mehr mit nationaler Geltungssucht und Pragmatik zu tun. Doch die Geschichte der Washingtoner Konferenz zeigt auch: So willkürlich wie die Menschheit die Erde eingeteilt hat, so willkürlich lassen sich auch Episoden aus dem Weltverlauf herausgreifen, am Ende hängt doch alles irgendwie miteinander zusammen. So geschehen in Matthias Engels‘ Roman „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“, eine Geschichte des Scheiterns, in allen Belangen. Weiterlesen