Schlagwort: amerikanische Literatur

Rachel Khongs „Goodbye, Vitamin“: Das Jahr des Vergessens

Khong_Goodbye Vitamin

Die Digitalisierung hat viel mehr verändert als den Medienkonsum und die etablierten Kommunikationsformen: Die örtliche Ungebundenheit und der stetige technische Fortschritt haben auch dazu geführt, dass sich die Lebensmodelle der Generationen auseinander entwickelt haben. War es früher noch üblich, mit Ende zwanzig zu heiraten und mit dem unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche an der Familienplanung zu feilen, ist es heute die Ungewissheit, die das Leben der Endzwanigergeneration beschäftigt. Denn wer möchte sich schon binden, wenn man potenzielle Partnerinnen und Partner mit einem Swipe nach links oder rechts wie einen Modekatalog durchblättern kann? Wer möchte sich beruflich festlegen, wenn feste Arbeitsverträge die Ausnahme sind, weil niemand sicher ist, welche Jobs morgen gebraucht werden? Dass heute mit dreißig längst nicht alles entschieden ist, sondern das neue Jahrzehnt Anlass zur eigenen Neuerfindung wird, davon erzählt Rachel Khongs Roman „Goodbye Vitamin“. Weiterlesen

Michael Chabons „Moonglow“: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Paratext

Chabon-Moonglow

Michael Chabon ist wahrlich kein unbeschriebenes Blatt. Der amerikanische Schriftsteller zählt zu den bedeutendsten, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Vertretern seines Landes. Sein jüngstes Werk „Moonglow“ erschien 2016 im englischen Original und wird Anfang März in deutscher Übersetzung bei Kiepenheuer & Witsch verfügbar sein. Chabon schildere darin, so sein deutscher Verlag in der Ankündigung, „Episoden aus der Lebensgeschichte seines Großvaters“. Ein autobiographischer Roman – oder doch nicht? Weiterlesen

Matthew Weiners „Heather, the Totality“: Mad Men

E s gibt viele Faktoren, an denen man die heutige Bedeutung von Literatur messen kann: Verkaufszahlen, mediales Interesse, Verankerung im Alltag. Vielleicht lässt sich aber auch über den Umstand, wer zum Schreiben kommt, Rückschlüsse darauf ziehen, welche Bedeutung Literatur heute noch hat. Matthew Weiner hat an zwei ganz großen Serienhits mitgewirkt – die „Sopranos“ und „Mad Men“. Auch wenn er noch an anderen Projekten gearbeitet hat, werden diese zwei Namen wohl immer mit ihm verknüpft bleiben, prägten sie die zeitgenössische Serienkultur wie kaum andere Serien. Als Regisseur, Produzent und Drehbuchschreiber wird er dabei ein bisschen was verdient haben. Geld war es also nicht, wenn es im Literaturbetrieb denn welches zu holen gäbe, das ihn dazu bewogen hat, nun mit „Heather, the Totality“ seinen Debütroman vorzulegen. Nach der Lektüre weiß man mit Sicherheit: Das Talent war es aber auch nicht. Weiterlesen

Getrennte Schwestern: Yaa Gyasis „Heimkehren“

Die Anzahl der Filme und Bücher, die sich mit der Geschichte der Sklaverei, insbesondere in den USA, auseinandersetzen, hat in den vergangenen Jahren zugenommen: 2014 wurde „12 Years a Slave“ als bester Film mit dem Oscar ausgezeichnet, erst unlängst gewann Colson Whitehead mit seinem Roman „Underground Railroad“ den Pulitzer Price for Fiction. Ein weiterer Roman, der das Zeug hat, in den Kanon einzugehen, stammt von einer erst 28-jährigen Debütantin: Yaa Gyasi hat einen epischen Roman geschrieben, der 250 Jahre afrikanisch-amerikanische Geschichte erzählt. Weiterlesen

Gabriel Tallents „My Absolute Darling“: Die Wildnis der Westküste

Von „Ein wenig Leben“ über „Und es schmilzt“, von „Dann schlaf auch du“ bis zum „Inzest-Tagebuch“ – zu den meist diskutierten Texten dieses Jahres gehören Bücher, die Tabus brechen und ihre Leser mit dem verhandelten Stoff und expliziten Beschreibungen von Gewalt an ihre Grenzen bringen. In den USA erschien im August mit „My Absolute Darling“ ein Romandebüt, das im deutschen Literaturbetrieb bislang wenig Beachtung findet, aber genau jenem literarischen Trend der Neuen Tabulosigkeit entspricht.

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Omar El Akkads „American War“: Beim Benzin hört der Spaß auf

A house divided against itself cannot stand – so beschrieb Abraham Lincoln einst die politische Situation, die in den USA zum Bürgerkrieg führte. Die gesellschaftliche Polarisierung, die sich an der Frage der Sklaverei entzündete, brachte die amerikanische Gesellschaft schließlich in eine Situation, in der schließlich nur noch die militärische Auseinandersetzung eine Lösung bringen sollte. Lösung – ja und nein. Der Bürgerkrieg schaffte die inhumane Institution der Sklaverei ab und befreite Abertausende aus der Willkür der reichen Plantagenbesitzer des Südens. Auf der anderen Seite, schaut man heuer nach Charlottesville, sind die Tiefenspuren dieses Konflikts immer noch erkenn- und spürbar. Kein Wunder also, dass die Thematik der Sklaverei und des Bürgerkriegs omnipräsent sind in Film und Literatur. So wie in Omar El Akkads „American War“. Weiterlesen

George Saunders‘ „Lincoln in the Bardo“: Die Nation ist ein trauriger Mann

Es gibt wohl kaum einen Präsidenten, der in den USA inbrünstiger verehrt wird als Abraham Lincoln, nimmt man den alten Süden mal aus. Über ihm kommt vielleicht nur noch George Washington. Selbst Donald Trump – in seiner Selbstüberschätzung grenzenlos – schätzt Abraham Lincolns historische Bedeutung vielleicht noch etwas höher als seine eigene ein. Die Geschichte seiner Präsidentschaft ist natürlich die Geschichte des Amerikanischen Bürgerkriegs und der Befreiung der schwarzen Bevölkerung aus der Sklaverei. Werke über diese Zeit gibt es heuer noch und nöcher – doch die haben sich meist von den Heldenerzählungen von Generälen und Präsidenten verabschiedet und nehmen den Blick derer ein, die den Kampf und das Leiden am eigenen Schicksal hautnah erleben mussten. Nun hat George Saunders seinen neusten Roman „Lincoln in the Bardo“ vorgelegt, der klar macht: Das Schicksal des Präsidenten kann man gar nicht von dem aller Amerikaner trennen. Weiterlesen

„Amazingly beautiful and terrifyingly alone“: Jacqueline Woodsons „Another Brooklyn“

Blickt man über den Tellerrand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur auf jene Bücher, die auch international Erfolge feiern, zeigt sich, dass vor allem ein Thema Konjunktur zu haben scheint, das in der Literatur, die hierzulande entsteht, seltener thematisiert wird: Viele der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre erzählen von Freundschaften zwischen Mädchen und Frauen. Allen voran Elena Ferrante mit ihrer Neapolitanischen Saga, aber auch Emma Cline mit ihrem Roman „The Girls“ oder Zadie Smiths neuester Roman „Swing Time“ sind in ihren Übersetzungen auch hierzulande sehr erfolgreich. Einer der großartigsten Romane über eine ‚female friendship’ wurde bislang noch nicht übersetzt: Jacqueline Woodsons „Another Brooklyn“. Weiterlesen

Colson Whiteheads „Underground Railroad“: A Streetcar Named Despair

Der amerikanische Mythos verläuft auf der Schiene. Als die Unabhängigkeit der 13 Kolonien gesichert war, fand der US-Amerikaner sich plötzlich in einem riesigen Land wieder, das es zu unterwerfen galt. So machten sich die Siedlertrecks auf gen Westen, auf der Suche nach dem Glück. Doch einen inneren Zusammenhang konnte die junge Nation nur dann entwickeln, wenn der Weg von Küste zu Küste kein Lebensalter dauerte. Mit der Eisenbahn schien ein Weg gefunden, die unendlichen Weiten des mittleren Westen zu überbrücken; darüber hinaus ist sie eins der prägnantesten Motive des amerikanischen Mythos – verkörpert sie doch technischen Fortschritt mit ungezügelter Kraft und Aufbruchsstimmung. Auch wenn sich die USA längst von ihrem Schienennetz verabschiedet haben und aufs Flugzeug umgestiegen sind – die Eisenbahn lebt im kulturellen Gedächtnis weiter. Was die Zeit kaum überdauert hat, ist die Erinnerung an ein anderes Schienensystem, ein Netzwerk im Untergrund, organisiert von jenen, die im amerikanischen Narrativ lange nicht vorkamen: die Underground Railroad, von der Colson Whitehead in seinem vielgerühmten Roman erzählt. Weiterlesen

Philip Roths „I Married a Communist“: „The tyrant of evil is Everyman!“

Wut, Wut, Wut wohin man schaut. Rund um die Welt berufen sich Politiker auf die Wut der Bevölkerung. Vor allem die USA scheinen momentan ein besonders wütendes Land zu sein, was Trump ins Weiße Haus getragen hat. Die Vereinigten Staaten hatten viele wütende Jahrzehnte, eines davon waren die Fünfziger Jahre. Dabei hätte alles so schön sein können: Aus dem Zweiten Weltkrieg war man als Hegemon der westlichen Welt herausgegangen, die Wirtschaft brummte so stark, dass das Versprechen auf Reichtum für Jedermann greifbar schien. Doch etwas verhinderte, dass man sich auf den Lorbeeren der Errungenschaften ausruhte: das Gespenst des Kommunismus. Während man im Außen den blutigen Koreakrieg führte, verfolgte der US-Senator Joseph McCarthy alle vermeintlichen kommunistischen Umtriebe im Inneren. Auch McCarthy wurde von Wut getrieben, von heiliger Wut, was wiederum Verbitterung auf der Gegenseite auslöste. In Philip Roths „I Married a Communist“ bekommt dieser Konflikt ein literarisches Gesicht. Weiterlesen