Schlagwort: Aufbau

Ela Angerers „Und die Nacht prahlt mit Kometen“: Literatur auf Krücken

Die Wiener Schriftstellerin Ela Angerer hatte mit ihrem Debütroman „Als ich 21 war“ für Aufsehen gesorgt: eine frische, unverbrauchte Stimme schrieb über das Heranwachsen im Schatten der Eltern, im Wohlstandsmilieu, als junge Frau. Das Feuilleton war damals fast durchgehend begeistert. Der Erfolg hat Angerer in den Aufbau Verlag gespült, bei dem nun ihr zweiter Roman „Und die Nacht prahlt mit Kometen“ erschienen ist. Die Themen sind dieselben geblieben, mit einem entscheidenden Unterschied: dieser zweite Roman wird nicht als autobiographisch beworben. Die große Frage ist nun also: schafft Angerer den Sprung aus dem eigenen Leben? Sie schafft es nicht. Dieser Roman ist eine Katastrophe, bei der man sich fragen muss, wie der Text durch die Qualitätskontrolle eines großen, angesehenen Hauses gelangt ist. Ein literarischer Fahrversuch außerhalb der autobiographischen Komfortzone, der mit 200 km/h vor die Wand gefahren wurde. Ein Schadensbericht. Weiterlesen

„Wir waren Fischer“: Chigozie Obiomas „Der dunkle Fluss“

Als das Literarische Quartett am 2. Oktober 2015 neu aufgelegt wurde, war „Der dunkle Fluss“ von Chigozie Obioma das erste Buch, das vorgestellt wurde. Während Maxim Biller den Debütroman des nigerianischen Exilautors vor allem inhaltlich verteidigte, kritisierte Christine Westermann die „wackelige“ Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner. Das von Volker Weidermann gezogene Resümee am Ende der Sendung: „Ein gerechtes Unentschieden“. Zeit, sich diesen Text über eine self-fulfilling prophecy in einer Stadt im Südwesten Nigerias in den 1990er Jahren, die aus der Kinderperspektive des neunjährigen Ben erzählt wird, näher anzusehen. Weiterlesen

Jan Böttcher: Gefangener der Perspektive

Jeder Erzählakt ist ein Gewaltakt. Die Gewalt besteht darin, sich das Recht herauszunehmen, die Stimme zu erheben und die Geschichte jemandes zu erzählen. Nun könnte man einwenden, dass im autobiographischen Erzählen diese Gewaltstrukturen nicht zu Tage treten, da man von sich spricht. Aber immer dort, wo einer spricht, müssen andere schweigen. Seit den neunziger Jahren beschäftigt sich die Kulturwissenschaft in all ihren Ausformungen mit der Frage der Sprecherpositionen: Wer spricht? Wer kommt im Diskurs vor? Und wer nimmt sich das Recht heraus, das Wort für andere zu ergreifen? Das Ergebnis dieser Beschäftigung ist eine allgemeine Verunsicherung des Denkens und Sprechens. Aussagen müssen sich nicht mehr nur auf ihre argumentative Konsistenz prüfen lassen, sondern auch darauf, ob sie die Erfahrungen anderer miteinschließen. Wenn Jennifer Lawrence die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen fordert, dann tut sie das aus der Erfahrungswelt einer weißen, wohlstandsverwöhnten Hollywood-Schauspielerin. Der Realität einer indischen Frau aus der Kaste der Unberührbaren entspricht dies nicht, zudem hat sie Jennifer Lawrence nicht das Mandat dafür gegeben, in ihrem Namen zu sprechen. In solchen Diskussion ist der Vorwurf des Rassismus schnell erhoben. Weiterlesen

Janko Markleins „Florian Berg ist sterblich“

Janko Marklein, der 2010 den open mike gewann, legt mit „Florian Berg ist sterblich“ seinen Debütroman vor. Abwechselnd erzählen die fünfzehn Kapitel von Florians erstem Semester an der Universität Leipzig und von seiner Vorgeschichte, der Jugend in Wulsbüttel, seinem Heimatdorf. Wie der Protagonist, der vor allem unfreundlich, unsensibel und gefühlslos daherkommt, zu dem werden konnte, der er ist, versucht der Roman zu erklären: „Florian Berg ist sterblich“ handelt vom Erwachsenwerden, von dem, was einen Menschen prägt, wenn er jung ist. Weiterlesen

Die Zeit der Einsamkeit: Mercedes Lauensteins „Nachts“

Das namenlose Ich in Mercedes Lauensteins Romandebüt „Nachts“ streift durch die Straßen von München und klingelt bei Menschen, in deren Fenstern zwischen 2 und 5 Uhr morgens noch Licht brennt. Unter dem Vorwand, für eine Forschungsarbeit zu recherchieren, befragt das Ich auf einhundertneunzig Seiten insgesamt fünfundzwanzig Schlaflose, die nicht nur Einlass in ihre Wohnungen, sondern auch in ihr Leben und ihre Gedanken gewähren. Weiterlesen