Schlagwort: Aufbau Verlag

Kein Blatt ist unbeschrieben: Mercedes Lauensteins „Blanca“

In jeder Jugend kommt der Punkt, an dem man am liebsten die sieben Sachen packen und von zu Hause weglaufen möchte. Einige verschwinden wirklich für ein paar Stunden, bei anderen bleibt das Ausreißen nur Gedankenspiel. Wenn das Ziel auch individuell variiert – es geht um die Reise, und die ist aufregend, abenteuerlich, alles andere als Alltag.
In Mercedes Lauensteins Roman „Blanca“ ist es die gleichnamige Protagonistin, die ganz allein nach Italien aufbricht: ein literarischer Roadtrip mit Höhen und Tiefen. Weiterlesen

Nadja Spiegelmans „I‘m supposed to protect you from all this“: Meine geniale Mutter

Spiegelman-Memoir

„What Ferrante did for female friends—exploring the tumult and complexity their relationships could hold — Spiegelman sets out to do for mothers and daughters. She’s essentially written ‚My Brilliant Mom’“, konstatiert Katy Waldman in ihrer Rezension zu Nadja Spiegelmans Memoir, das im März unter dem Titel „Was nie geschehen ist“ im Aufbau Verlag in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Wird Spiegelman diesem Maßstab wirklich gerecht? Weiterlesen

Ohne Herkunft, ohne Heimat: Lana Lux’ „Kukolka“

Ein immer wiederkehrerender Topos der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, dem sich in den vergangenen Jahren vor allem viele Debütromane gewidmet haben, ist die Verhandlung der in der Kindheit erlebten Migration nach Deutschland in den Jahren der Jahrtausendwende, vornehmlich aus osteuropäischen Ländern: So erzählen Alexandra Friedmann und Tijan Sila auf tragikomische Weise von den dramatischen Umständen und den kuriosen Kindheitserinnerung, die der Kulturschock mit sich brachte. Am Ende steht jedoch meist das Happy End, die Integration – vor allem durch Bildung – und der persönliche Erfolg. Auch Lana Lux erzählt in ihrem Roman „Kukolka“ die Geschichte eines Mädchens, das in den 2000er Jahren nach Deutschland kommt – jedoch auf radikal andere Art und Weise als ihre Kolleginnen und Kollegen. Weiterlesen

David Vogels „Eine Ehe in Wien“: Mit dem Schlimmsten rechnen

David Vogels Leben war immer ein Leben am Rande des Unglücks. Der Vater starb früh, viele Umzüge führten ihn schließlich kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach Wien, wo er nach Kriegsausbruch interniert wurde. Eine Tuberkuloseerkrankung führte ihn in den Zwanzigern nach Palästina, wo er tragischerweise nicht geblieben ist, sondern nach Europa zurückkehrte. Dort endete sein Weg schließlich in Auschwitz und mit ihm für viele Jahre die Aufmerksamkeit für sein Werk. Seine Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten mag ein Grund für den Schatten sein, der sich über sein Werk gelegt hat, der andere sicher der Umstand, dass er seine Texte im Hebräischen schrieb. Das unterschied ihn von den allermeisten jüdischen Wiener Schriftstellern seiner Zeit und machte ihn zu einem Begründer einer modernen hebräischen Literatur, die ihre Wurzeln jedoch noch fest in Europa hatte. Das lässt sich nun in einer Neuauflage von Vogels großen Roman „Eine Ehe in Wien“ nachlesen. Weiterlesen

Lutz C. Klevemans „Lemberg“: Das große Nichtmehr

Wenn im Jahr 2014 auf der Krim nicht ein zweifelhaftes Referendum über den Anschluss an Russland durchgeführt worden wäre, die Ukraine würde weiterhin in der Aufmerksamkeitsperipherie Europas schlummern. Das Einzige, was man von der einstigen Sowjetrepublik in Deutschland mitbekam, waren die endlosen politischen Querelen an der ukrainischen Staatsführung und dass jeweils der eine dem anderen den Gashahn abdrehte. Doch mit dem Eingreifen Russlands war das Land am Schwarzen Meer wieder im Zentrum der politischen Auseinandersetzung – bis zur Flüchtlingskrise. Das kulturelle Desinteresse an der Region stand schon immer im Gegensatz zum territorialen Gierblick der Großmächte. Denn das Gebiet, das heute Ukraine heißt, hatte schon viele Namen. Dieses Schicksal teilt auch eine der größten Städte des Landes, Lwiw, das einst Lemberg hieß. Weiterlesen

Von Damaskus nach Berlin: Olga Grjasnowas „Gott ist nicht schüchtern“

Grjasnowa_Gott ist nicht schüchtern

Wie nah darf und wie nah muss Literatur sein? Darf man von ungeheurem Leid erzählen, wenn man es selbst nicht erlebt hat? Und wie kann man das Unaussprechliche verbalisieren? Olga Grjasnowa, die neuerdings bei Aufbau verlegt wird, erzählt in ihrem dritten Roman „Gott ist nicht schüchtern“ die Geschichte einer jungen Frau und einem jungen Mann aus Syrien, vom Bürgerkrieg und der Flucht nach Europa. Weiterlesen

Kaffee statt Kokain: Julia Zanges „Realitätsgewitter“

Zange_Realitätsgewitter

Julia Zange ist viel beschäftigt: Sie spielt gerade ihre erste Hauptrolle im Film „Mein Bruder Robert“, der 2017 in die Kinos kommen soll und hat ganz nebenbei ihren neuen Roman „Realitätsgewitter“ vorgelegt, der nicht wie der Vorläufer „Die Anstalt der besseren Mädchen“ im Suhrkamp Verlag, sondern bei Aufbau erschienen ist. Auf dem Buchumschlag verkündet Maxim Biller: „Das kann nur Julia Zange: Alle zehn Jahre ein Buch schreiben, das man nicht mehr vergisst!“. Es mutet ironisch an, dass nun eben jenes Buch von Zange ein Schicksal zu ereilen droht, zu dem Biller mit seinem Roman „Esra“ den Präzedenzfall lieferte: angeblich haben Zanges Eltern eine einstweilige Verfügung gegen den Roman eingereicht [mehr hier], weil sie sich wiedererkannt haben wollen. Ist der Titel des Romans also Programm? Weiterlesen