Schlagwort: Berlin

Die Leiche im Keller: Birgit Müller-Wielands „Flugschnee“

Müller-Wieland_Flugschnee

Sitzt da etwa ein Peter Weiss-Liebhaber in der diesjährigen Jury des Deutschen Buchpreises? Gleich zwei der Romane der Longlist weisen eklatante intertextuelle Bezüge zum  epischen Jahrhundertwerk des deutsch-schwedischen Schriftstellers auf. Während der Verweis bei Franzobels „Das Floß der Medusa“ indirekt ist – sowohl die „Ästhetik des Widerstands“ als auch dieser Roman beziehen sich auf das gleichnamige Gemälde von Théodore Géricault –, verweist Birgit Müller-Wieland in ihrem neuen Roman „Flugschnee“ gleich mehrfach und alles andere als subtil auf das Hauptwerk von Peter Weiss. Weiterlesen

Sven Regeners „Wiener Straße“: Auf der Suche nach dem verlorenen Ziel

Wiener Straße

Die Wiener Straße schneidet einmal quer durch das Fleisch von Kreuzberg. An ihrem äußersten Ostende lugt sie fast schon einmal nach Treptow rüber, am anderen Ende verlängert sie die Oranienstraße, die einstmals mit dem SO36 das Sinnbild des alternativen Stadtteils war. Heute ist sie vor allem noch durch zwei passable Fußballkneipen und als jene Straße bekannt, die dem berühmt-berüchtigten Görlitzer Park zur Südseite Einhalt gebietet. Wie überall in Berlin kämpft auch diese Ecke der Stadt mit Gentrifizierung und Stadtwandel. Doch einst, so erzählt die Legende, war auch die Wiener Straße ein wilder Mix aus Migranten, Studenten, Künstlern und Tagedieben. Wer diese Zeiten noch mal Revue passieren lassen will, der kann das nun in Sven Regeners x-ten Fortführung des Lehmann-Kosmos tun. Weiterlesen

Die Topographie der Heimatlosigkeit: Jana Hensels „Keinland“

Hensel-Keinland

Vor gut zwei Monaten führte der Streit um die ARD-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ zu einem Aufflammen der Debatte um den auch hierzulande erstarkenden Antisemitismus. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur der vergangenen Jahre hat sich immer wieder mit dem Thema ‚Alltags’-Antisemitismus, der oft in einer ‚Das wird man doch wohl wieder sagen dürfen’-Manier daherkommt, auseinandergesetzt. Ein literarisches Beispiel ist Mirna Funks großartiger Debütroman „Winternähe“ (2015), in dem sich die Protagonistin Lola vor lauter Antisemitismus schließlich nach Tel Aviv absetzt. Auch in Jana Hensels Debüt „Keinland“ steht das deutsch-jüdische Verhältnis im Zentrum: ein „Liebesroman“ ohne Happy End. Weiterlesen

Gewachsen auf Beton: Fatma Aydemirs „Ellbogen“

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Berlin ist grau, und der Berliner Wedding ganz besonders. Spätestens seit den Boateng-Brüdern, die es „herausgeschafft“ haben, ist der Arbeiterbezirk auch deutschlandweit bekannt. Hier lebt die 17-jährige Hazal, die aus einer unmittelbaren Ich-Perspektive in Fatma Aydemirs Debütroman „Ellbogen“ vom Sommer erzählt, in dem sie ihren 18. Geburtstag feiert, bis zur Eskalation.  Weiterlesen

Kaffee statt Kokain: Julia Zanges „Realitätsgewitter“

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Julia Zange ist viel beschäftigt: Sie spielt gerade ihre erste Hauptrolle im Film „Mein Bruder Robert“, der 2017 in die Kinos kommen soll und hat ganz nebenbei ihren neuen Roman „Realitätsgewitter“ vorgelegt, der nicht wie der Vorläufer „Die Anstalt der besseren Mädchen“ im Suhrkamp Verlag, sondern bei Aufbau erschienen ist. Auf dem Buchumschlag verkündet Maxim Biller: „Das kann nur Julia Zange: Alle zehn Jahre ein Buch schreiben, das man nicht mehr vergisst!“. Es mutet ironisch an, dass nun eben jenes Buch von Zange ein Schicksal zu ereilen droht, zu dem Biller mit seinem Roman „Esra“ den Präzedenzfall lieferte: angeblich haben Zanges Eltern eine einstweilige Verfügung gegen den Roman eingereicht [mehr hier], weil sie sich wiedererkannt haben wollen. Ist der Titel des Romans also Programm? Weiterlesen

Der Großmeister der Kritik: Deborah Vietor-Engländers Alfred Kerr-Biographie

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Wenn er das Theater betrat, erstarrte der Saal in ehrfürchtiger Stille. Dramatiker und Schauspieler zitterten, wenn sie am Tag nach der Premiere die Zeitung aufschlugen, um seine Besprechung zu lesen. Millionen von Lesern zwischen Königsberg und Paris berichtete er wöchentlich über die kleinen und großen Verfehlungen der Berliner Kulturelite, aber auch aus seinem Privatleben: Vor 100 Jahren gehörte Alfred Kerr zu den prominentesten Berlinern seiner Zeit. Endlich hat Deborah Vietor-Engländer dem Großmeister der Kritik eine ausführliche Biographie gewidmet. Weiterlesen

Aus dem Osten: Kathrin Schmidts „Kapoks Schwestern“

Kapoks Schwestern

Kathrin Schmidt, die vor sieben Jahren mit „Du stirbst nicht“ den Deutschen Buchpreis gewann, hat einen neuen Roman vorgelegt. „Kapoks Schwestern“ lässt sich wohl ohne weiteres als Berlin-Roman identifizieren. Schauplatz ist jedoch kein hipper Szenebezirk wie Mitte, Neukölln oder Friedrichshain, sondern eine Einfamilienhaus-Siedlung am Baumschulenweg im Südosten von Berlin, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Die Siedlung in Köpenick ist Ausgangspunkt für eine Erinnerungsreise in die Geschichte des letzten Jahrhunderts, die anhand zweier Familien erzählt wird und von Berlin aus in den Osten führt, um am Ende nach Berlin zurückzukehren.

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open mike 2016: Die junge Literatur kapert den Heimathafen

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Einmal im Jahr verwandelt sich der Neuköllner Heimathafen von einem Veranstaltungssaal für Kiez-Comedy, Konzerte und Kleinkunst zur Weihestätte der jungen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. An einem kalten Novemberwochenende versammelte sich die Berliner Literaturszene und vollzog den 24. open mike. Neben dem Klagenfurter Ingeborg Bachmann-Preis kann sich der open mike selbstbewusst als der wichtigste Literaturwettbewerb verstehen, für die Veranstalter war es das erste Mal unter dem neuen Namen „Haus der Poesie“. Während die Jury wohl lange nicht mehr so namhaft besetzt war, musste der Zuhörer bei den gelesenen Texten dieses Jahr viel Mittelmaß über sich ergehen lassen. Gewinner wurden trotzdem gekürt: Was sagen sie über den Zustand der jungen Gegenwartsliteratur aus? Weiterlesen

Gerhard Falkners „Apollokalypse“: „Georg Autenrieth, also ich“

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Die Siebziger waren die liberalsten und offensten Jahre der BRD und gleichzeitig die gewalttätigsten der jüngeren deutschen Geschichte. Die größten Unruhen der Studentenrevolte waren vorüber, mit Willy Brandt und dann mit Helmut Schmidt waren nach rund dreißig Jahren CDU-Herrschaft Sozialdemokraten an den Hebeln der Macht. Außenpolitisch entspannte sich die Lage in Europa durch die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition. Die Siebziger waren aber auch Radikalenerlass, Vietnamkrieg und vor allem RAF. Auch wenn Gerhard Falkners sehr spätes Romandebüt hauptsächlich im Berlin der Achtziger und Neunziger spielt, sind diese Jahre die Keimzelle all dessen, was sich in „Apollokalypse“  vollzieht und Erklärungsmuster für den neologistischen Titel: gleich drei Seelen wohnen in Deutschlands Brust, die des Schönen, die des Verführerischen und die der Zerstörung. Weiterlesen

Der GOLEM kommt! Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

Der Golem

Der Golem ist die wahrscheinlich bekannteste jüdische Legendenfigur. Selbst wer die populären Verarbeitungen des Golem-Mythos‘ des frühen 20. Jahrhunderts – Gustav Meyrinks Roman „Der Golem“, der zwischen 1913 und 1914 als Fortsetzungsroman erschien und die drei Golem Stummfilme von Paul Wegener von 1914, 1917 und 1920 – nicht kennt, ist zumindest mit dem Motiv oder den modernen Adaptionen vertraut: Sie sind Teil des Pokémon- oder des Marvel-Universums, seine Attribute sind in diversen modernen Filmfiguren enthalten. Das Jüdische Museum Berlin hat dem Golem nun eine großartige, gut durchdachte und abwechselungsreiche Ausstellung gewidmet, die sich dem literarischen Mythos, seinen diversen Bearbeitungen und den zeitgenössischen Adaptionen widmet. Weiterlesen