Schlagwort: Berlin

Thorsten Nagelschmidts: „Der Abfall der Herzen“: Monoton, trist-romantisch, irgendwie urban

Jeder möchte von sich glauben, sein eigener Lebensweg wäre etwas ganz besonderes, würde auf unbefahrenen Bahnen verlaufen, gleicht keinem anderen. Gleichzeitig gibt es wohl in jeder Generation Konstanten, die sich immer wiederholen. Früher waren das vielleicht mal kirchliche Initiationsriten wie die Kommunion/Konfirmation und der Wehrdienst. Und heute? Zwar trügt das Gefühl der Berliner Glasglocke, mittlerweile wohne eigentlich jeder in Berlin, trotzdem begegnet einem an jeder Ecke der Satz: „Ich zieh nach Berlin.“ Daran ist nun erst mal nichts verwerfliches, doch was macht das mit den Orten, die man zurücklässt? Und was sagt das über eine Stadt aus, die ja gerade das Versprechen birgt, Individualität frei ausleben zu können? Thorsten Nagelschmidt, ehemaliges Bandmitglied der Muff Potters, zieht literarische Linien durch seinen Lebensweg, der auch ein vorläufiges Ende in Berlin nimmt. Weiterlesen

Paul Gurks „Berlin“: Verfluchte, geliebte Stadt

Berlin-Romane gibt es viele – die einen nerven sie, die anderen können gar nicht genug von ihnen bekommen. Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man zwei Höhepunkte der Berlinbegeisterung bestimmt: Angefangen hat alles mit den Zwanzigern und frühen Dreißigern, als Berlin zu der Metropole aufstieg, die sie nie wieder geworden ist. Dann verlor die Stadt durch die Nachkriegsordnung für längere Zeit seine Anziehungskraft – außer bei denjenigen, die Biwak und schlechter Kantinenküche aus dem Weg gehen wollten. Mit der Wiedervereinigung und Berlins Rückkehr in den Hauptstadtstatus zog auch wieder die Berlinliteratur an. Die Reihe der prominenten Beispiele ist lang, aber auch extrem starr in ihrer kanonischen Verankerung: „Berlin Alexanderplatz“, „Fabian“, „Das kunstseidene Mädchen“ – neuerdings vielleicht die „Lehmann“-Bücher oder Volker Kutschers Krimireigen. Einer der immer vergessen wird, ist Paul Gurk. Wieso eigentlich? Weiterlesen

Kevin Kuhns „Liv“: So nah und doch so fern

Es ist der kollektive Traum einer Generation: Immer mehr junge Menschen brechen nach der Schule, der Ausbildung oder dem Studium auf, um auf Weltreise zu gehen. Ob Backpacking durch Südostasien oder Work-and-Travel in Australien und Neuseeland – was verspricht, besonders exotisch zu sein, haben schon Abertausende erlebt. Die Routen sind mehr oder minder vorgegeben, alle besuchen die gleichen Partyhostels, den gleichen vermeintlich abgelegenen Wasserfall: Die abenteuerliche Weltreise hat immer schon jemand vorher erlebt, bereits ein Selfie auf Instagram, Facebook oder einem Travelblog gepostet. Auch die titelgebende Protagonistin von Kevin Kuhn macht sich auf den Weg, um die Welt zu bereisen. Für „Liv“ gibt es jedoch kein Zurück. Weiterlesen

Alte neue Denkräume: Die Benjamin-Brecht-Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste

Treffen sich zwei Intellektuelle zum Schachspielen … So könnte auch ein schlechter Gelehrtenwitz beginnen. Gemeint sind in diesem Fall aber niemand geringeres als einer der wichtigsten Denker der Moderne – Walter Benjamin – und einer der bedeutendsten deutschsprachigen Literaten des 20. Jahrhunderts – Bertolt Brecht. Ihrer Freundschaft und dem gemeinsamen Schaffen hat die Akademie der Künste in Berlin nun eine Ausstellung gewidmet. Weiterlesen

Fuchsteufelswild: Maren Wursters „Das Fell“

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ – Wenn man eines im Literaturstudium lernt, dann ist das wohl, den ersten Satz von Kafkas „Verwandlung“ zu zitieren. Die langsame Metamorphose vom Menschlichen zum Tierischen hat auch Maren Wurster, die im letzten Jahr ihr Studium am Deutschen Literaturinstitut abschloss, in ihrem Debütroman „Das Fell“, der diesen Sommer bei Hanser Berlin erschien, zum Thema gemacht. Weiterlesen

Vom Kampf gegen die Väter: Theresia Enzensbergers „Blaupause“

Eine junge Frau beendet die Schule. Sie beschließt, ihr Elternhaus zu verlassen und in einer anderen Stadt zu studieren – sie möchte Architektin werden. Was im Jahr 2017 wie selbstverständlich klingt, war es vor knapp 100 Jahren, im Herbst 1921, noch lange nicht. Hier entschieden nicht die Abiturientin für sich selbst, sondern ihre Eltern über die Zukunft der Tochter. In ihrem Debütroman „Blaupause“ erzählt Theresia Enzensberger, ihres Zeichens bislang selbst vor allem Tochter, nämlich von niemand geringerem als Hans Magnus Enzensberger, von einer jungen Frau, die am legendären Bauhaus in den 1920ern Architektur studiert. Weiterlesen

Ohne Herkunft, ohne Heimat: Lana Lux’ „Kukolka“

Ein immer wiederkehrerender Topos der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, dem sich in den vergangenen Jahren vor allem viele Debütromane gewidmet haben, ist die Verhandlung der in der Kindheit erlebten Migration nach Deutschland in den Jahren der Jahrtausendwende, vornehmlich aus osteuropäischen Ländern: So erzählen Alexandra Friedmann und Tijan Sila auf tragikomische Weise von den dramatischen Umständen und den kuriosen Kindheitserinnerung, die der Kulturschock mit sich brachte. Am Ende steht jedoch meist das Happy End, die Integration – vor allem durch Bildung – und der persönliche Erfolg. Auch Lana Lux erzählt in ihrem Roman „Kukolka“ die Geschichte eines Mädchens, das in den 2000er Jahren nach Deutschland kommt – jedoch auf radikal andere Art und Weise als ihre Kolleginnen und Kollegen. Weiterlesen

Die Leiche im Keller: Birgit Müller-Wielands „Flugschnee“

Sitzt da etwa ein Peter Weiss-Liebhaber in der diesjährigen Jury des Deutschen Buchpreises? Gleich zwei der Romane der Longlist weisen eklatante intertextuelle Bezüge zum  epischen Jahrhundertwerk des deutsch-schwedischen Schriftstellers auf. Während der Verweis bei Franzobels „Das Floß der Medusa“ indirekt ist – sowohl die „Ästhetik des Widerstands“ als auch dieser Roman beziehen sich auf das gleichnamige Gemälde von Théodore Géricault –, verweist Birgit Müller-Wieland in ihrem neuen Roman „Flugschnee“ gleich mehrfach und alles andere als subtil auf das Hauptwerk von Peter Weiss. Weiterlesen

Sven Regeners „Wiener Straße“: Auf der Suche nach dem verlorenen Ziel

Die Wiener Straße schneidet einmal quer durch das Fleisch von Kreuzberg. An ihrem äußersten Ostende lugt sie fast schon einmal nach Treptow rüber, am anderen Ende verlängert sie die Oranienstraße, die einstmals mit dem SO36 das Sinnbild des alternativen Stadtteils war. Heute ist sie vor allem noch durch zwei passable Fußballkneipen und als jene Straße bekannt, die dem berühmt-berüchtigten Görlitzer Park zur Südseite Einhalt gebietet. Wie überall in Berlin kämpft auch diese Ecke der Stadt mit Gentrifizierung und Stadtwandel. Doch einst, so erzählt die Legende, war auch die Wiener Straße ein wilder Mix aus Migranten, Studenten, Künstlern und Tagedieben. Wer diese Zeiten noch mal Revue passieren lassen will, der kann das nun in Sven Regeners x-ten Fortführung des Lehmann-Kosmos tun. Weiterlesen

Die Topographie der Heimatlosigkeit: Jana Hensels „Keinland“

Vor gut zwei Monaten führte der Streit um die ARD-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ zu einem Aufflammen der Debatte um den auch hierzulande erstarkenden Antisemitismus. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur der vergangenen Jahre hat sich immer wieder mit dem Thema ‚Alltags’-Antisemitismus, der oft in einer ‚Das wird man doch wohl wieder sagen dürfen’-Manier daherkommt, auseinandergesetzt. Ein literarisches Beispiel ist Mirna Funks großartiger Debütroman „Winternähe“ (2015), in dem sich die Protagonistin Lola vor lauter Antisemitismus schließlich nach Tel Aviv absetzt. Auch in Jana Hensels Debüt „Keinland“ steht das deutsch-jüdische Verhältnis im Zentrum: ein „Liebesroman“ ohne Happy End. Weiterlesen