Schlagwort: Bildungsroman

Emanuel Maeß‘ „Gelenke des Lichts“: Ungelenk ins Dunkle

Was ist literarischer Mut? Sich an neuen Formen zu versuchen, ästhetische Konventionen zu sprengen und alles auf eine, absolute Karte zu setzen? Oder das genaue Gegenteil? Gegen alle Innovationserwartungen anzuschreiben und sich allem verwahren, das irgendwie nach hipper Literaturmode riecht? Gibt es die radikale Nichtradikalität? Falls ja, Emanuel Maeß, der gerade sein Debüt, „Gelenke des Lichts“ im Wallstein Verlag vorgelegt hat, hätte sie zur Perfektion getrieben. Leider bedeutet jedoch die Verweigerung literarischer Moden nicht zwangsläufig eine geradlinige Literatur. Das einzige, das in diesem Roman konsequent gerät, ist sein inniges Verhältnis zum Klischee. Weiterlesen

Gabriel Tallents „My Absolute Darling“: Die Wildnis der Westküste

Von „Ein wenig Leben“ über „Und es schmilzt“, von „Dann schlaf auch du“ bis zum „Inzest-Tagebuch“ – zu den meist diskutierten Texten dieses Jahres gehören Bücher, die Tabus brechen und ihre Leser mit dem verhandelten Stoff und expliziten Beschreibungen von Gewalt an ihre Grenzen bringen. In den USA erschien im August mit „My Absolute Darling“ ein Romandebüt, das im deutschen Literaturbetrieb bislang wenig Beachtung findet, aber genau jenem literarischen Trend der Neuen Tabulosigkeit entspricht.

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Heul doch, Satre! Elif Shafaks „Der Geruch des Paradieses“

Als „Stimme der türkischen Literatur“ wird Elif Shafak auf dem Buchumschlag ihres neuen Romans „Der Geruch des Paradieses“ bezeichnet. Aber die Istanbulerin ist mehr als nur Literatin. In den letzten Monaten fällt sie immer wieder in Interviews, mit Artikeln und Essays (hier oder hier oder hier zum Beispiel) als politische Person auf, die die aktuellen Entwicklungen in ihrem Heimatland kommentiert und analysiert. In „Der Geruch des Paradieses“ thematisiert Shafak die gesellschaftlichen Zustände in der Türkei anhand einer Frauenfreundschaft. Weiterlesen

Andreas Maiers „Der Kreis“: „Haus. Stille. Gardinen. Ich.“

Im schnelllebigen Literaturbetrieb ist Andreas Maier eine echte Konstante. Während ein Debüt das nächste Debüt jagt, Autoren mal Historienromane, mal Science-Fiction-Dystopien veröffentlichen, schreibt Maier mit mönchischer Gelassenheit seit Jahren an seiner autobiographischen Romanreihe oder wie er es nennt: der Ortsumgehung. In den letzten Bänden ging es um die geistige Vermessung des Elternhauses, Onkel J., den romantischen Ersterlebnissen und der Aneignung einer eigenen Sprache, geschult an der Bravo. So wie sich das Leben beim Aufwachsen immer weiter öffnet, entfaltet sich auch Maiers Romanzyklus: von der kleinsten Einheit des Hauses, dem Zimmer, bis nun mittlerweile zum Kreis. In diesem neusten Band erwacht im Ich der Schriftsteller. Weiterlesen

Gustav Freytag: Soll und Nicht-Wahrhaben?

In Veit Harlans viel zu wirkungsmächtigen Film „Jud Süß“ gibt es eine Szene, in der Joseph Süß Oppenheimer per Kutsche durch württembergisches Land fährt und an der Straßenseite mit einem Hofbesitzer in ein Wortgefecht gerät. Das suggerierte Thema des Gesprächs ist der Streit zwischen dem erzürnten Volk und korrupter jüdischer Obrigkeit, um die erhobenen Steuern. Worauf der Film aber eigentlich hinaus will: Den Juden Oppenheimer im Motiv der Straße fassen, den deutschen Bauern im Gutsbesitz – dort das mobile Kapital, auf der anderen Seite der fest im vaterländischen Boden verwurzelte Hof. Flüchtig und liquide vs. stetig und substantiell. Die Bildtradition dieser Zuschreibung führt natürlich zu Wilhelm Hauffs „Jud Süß“-Stoff, aber auch zu Gustav Freytag.

Dessen 1855 veröffentlichte Roman „Soll und Haben“ war einer der Bestseller seiner Zeit. Weiterlesen