Schlagwort: Bürgerlichkeit

Heinrich Spoerl: Der Schlüsselloch-Leser

Unter den vielen merkwürdigen Ritualen Deutschlands gibt es ein besonders merkwürdiges: Immer dann, wenn die Adventszeit gekommen ist oder ein Schullehrplan gerade Löcher aufweist und Schüler drüber hinweggetäuscht werden sollen, wird ein Film herausgekramt, der mittlerweile rund siebzig Jahre auf den Buckel hat. Mit „Der kleine Lord“ oder „Sissi“ gehört er zu den glücklichen Filmen, bei denen das sonst so unhistorische Publikum drüber hinwegsehen kann, dass in ihm Matthias Schweighöfer keine Frauenkleider trägt und Til Schweiger auch keinen Macho spielt, der dann am Ende voll nett wird. Die Verfilmung der „Feuerzangenbowle“ von Helmut Weiss hat es in den exklusiven Kreis der deutschen Klassiker geschafft, wobei gerne ignoriert wird, dass man den Film damals mit dem kecken Heinz Rühmann ein Jahr vor Ende des Kriegs dazu nutzte, dem Volk im totalen Krieg noch mal richtig was zum Lachen zu geben. Zur Bekanntheit Heinrich Spoerls, dem Autor der Romanvorlage, hat der Erfolg des Films nur bedingt beigetragen, zumal sich um die Autorschaft unschöne Gerüchte ranken. Noch weniger bekannt sind allerdings Spoerls andere Werke, von denen nun der homunculus-Verlag zwei Romane neuaufgelegt hat. Ein echter Gewinn. Weiterlesen

Alexander Kluge: Zirkusdirektor des Zufalls

Alexander Kluge ist das große Hintergrundrauschen unserer Zeit: Schlafverweigerern führt er mit seinen Formaten wie „10 vor 11“ oder „News & Stories“ durch die Nacht, seit er sich durch seinen Husarenstreich erfolgreich im Privatfernsehen festgesetzt hat und ihn bislang niemand vom Hof jagen konnte. Er drehte richtungsweisende Filme, schreibt Bücher, ist im Spiegel zu lesen und produziert andere Fernsehformate. Alexander Kluge war immer anwesend, wenn sich in der Nachkriegs-BRD Orte der Relevanz ausgebildet haben: So war er 1962 auf der Tagung der Gruppe 47, war einer der Mitverfasser des Oberhausener Manifests und darüber hinaus im Umfeld der Frankfurter Schule umtriebig. Kaum ein Intellektueller kann den Werdegang des 20. Jahrhunderts so glaubhaft bezeugen wie Alexander Kluge. Dass er nicht das kulturelle Aushängeschild Deutschlands ist, liegt wohl weniger daran, dass er nicht mit dem genialischen Rüstzeug gewappnet wäre, sondern eher an der Tatsache, dass die Person Kluge hinter seinen zahlreichen Formaten unsichtbar bleibt. Er ist, wie in seinen Fernsehsendungen, die Stimme aus dem Off, die die Menschen zum Reden und die Gedanken zum Kreisen bringt. Weiterlesen