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Die höchste Form der Selbstbestimmung: „Baba Dunjas letzte Liebe“

Nichts, aber wirklich gar nichts spricht dafür, im abgelegenen Dorf Tschernowo zu wohnen. Es liegt in direkter Nähe zum verunglückten Reaktor in Tschernobyl, die Wälder und deren Nahrungsquellen sind verstrahlt, eine funktionierende Infrastruktur gibt es kaum: Das Leben in Tschernowo ist widrig, macht krank und ist nicht sehr aufregend. Für Alina Bronskys Hauptfigur Baba Dunja ist es trotzdem oder gerade deswegen der perfekte Ort zum Leben.

Alina Bronsky ist 1978 in der Sowjetunion geboren und reiht sich in die lange Reihe der osteuropäischen Frauen ein, die in Deutschland zu Schriftstellerinnen wurden. Mit „Scherbenpark“ feierte sie ihren ersten großen Erfolg. Ihr neuester Roman „Baba Dunjas letzte Liebe“ hat es auf die diesjährige Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft und zeichnet ein filigranes Bild einer alten Dame, die allen Widrigkeiten trotzt.

Tschernowo ist ein fiktives Dorf, das von den Auswirkungen des Reaktorunglücks leergefegt wurde. Doch mit gallischem Widerstandsgeist behauptet sich eine Gruppe rüstiger Dorfbewohner in der lebensunwirtlichen Umgebung. Weiterlesen

„Gehen, ging, gegangen“: We become visible

Als im Oktober 2012 die Gruppe von Flüchtlingen auf dem Oranienplatz in Berlin ihre Zelte aufschlugen, konnte jeder hellsichtige Beobachter zumindest eine Ahnung entwickeln, dass das Thema Flucht keines sein wird, dass von alleine verschwindet. Die Zuspitzung der Flüchtlingsdramatik und die Nominierung Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging gegangen“ für den Deutschen Buchpreis ist allerdings eine bittere Pointe. Unverhofft erhält der Text eine tagespolitische Relevanz. Doch in Zeiten brennender Flüchtlingsheime und pöbelnder Meuten in den sozialen Netzwerken ist dieser Roman ein Glücksfall: Jenny Erpenbeck schafft es die historische Blindheit der Deutschen zu entlarven und dem Hass ein humanistisches Weltbild entgegenzustellen.

Es ist noch gar nicht so lange her, denkt Richard, da war die Geschichte der Auswanderung und der Suche nach Glück eine deutsche Geschichte.

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Protest und Magie: Vladimir Vertlibs „Lucia Binar und die russische Seele“

Vladimir Vertlib, der in Sankt Petersburg geborene Schriftsteller, welcher in seiner Kindheit mit seinen Eltern aus Russland emigrierte und sich schließlich in Österreich niederließ, publiziert seit rund zwanzig Jahren regelmäßig Romane und Erzählungen. Lucia Binar und die russische Seele ist kein literarisches Debüt, sondern der Text eines handwerklich versierten Autors, dem man seine Erfahrung anmerkt: keine Experimente, sondern einfache, solide Erzählprosa – das ist Lucia Binar. 
Vertlibs bisherige Veröffentlichungen verhandeln überwiegend die Frage und Suche nach der jüdischen Identität, den russischen Wurzeln und dem Leben im Exil. Sein neuer Text streift diese Themen nur periphär. Lucia Binar und die russische Seele ist ein Roman über das Wien der Gegenwart: eine Stadt im Wandel, das einen Kompromiss zwischen Traditionsbewusstsein und Moderne sucht. Im Zentrum steht die titelgebende Seniorin Lucia Binar, die sich gegen die Gentrifizierung in ihrer Straße wehrt.  Weiterlesen

„Bodentiefe Fenster“: Hilfe, uns geht’s zu gut!

Warum warfest du mich hin
In die Stadt der ewig Blinden
Mit dem aufgeschloßnen Sinn?
Warum gabst du mir zu sehen,
Was ich doch nicht wenden kann?
Das Verhängte muß geschehen,
Das Gefürchtete muß nahn.
– Friedrich Schiller: Kassandra

Kassandra hat eine lange Reise hinter sich. Christa Wolf holte einst die DDR zu ihr, was ihr wohl so gut gefallen hat, dass sie sich nun im Prenzlauer Berg niedergelassen hat. Dort weilt sie unter dem Namen Sandra, hat einen Mann und zwei Kinder, sieht so einiges und kann natürlich nichts davon verhindern. Anke Stellings Roman „Bodentiefe Fenster“ erzählt aus dem Auge des Sturms des mittlerweile berühmt-berüchtigtsten Viertel Deutschlands. Zwischen Kinderläden und Reformmüttern formuliert ihre Figur die Ohnmacht vor dem allzu offensichtlichen Terror, den junge Familien sich tagtäglich selbst antun. Weiterlesen

Die neue Wörtlichkeit: Kai Weyands „Applaus für Bronikowski“

Kai Weyands Roman Applaus für Bronikowski ist eine der Überraschungen auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015, der in den Kritiken bislang vor allem Zustimmung und Applaus erhält.
Das mag vor allem daran liegen, dass sich der Roman inhaltlich und formal deutlich unter den anderen Kandidaten heraussticht: der quantitativ gesehen eher zu den kürzeren Einreichungen gehörende Text ist nicht in einzelne Kapitel untergliedert, sondern über einhundertachtundachtzig Seiten fortlaufend und nur durch Absätze unterbrochen, sein markantestes Merkmal ist sein Humor, eine einzige Figur steht klar im Fokus der Erzählung.
Applaus für Bronikowski ist eine leichte, kurzweilige Lektüre, die ihre Tiefe nicht über eine metasprachliche Poetizität, sondern über die existenzielle Thematik entwickelt.  Weiterlesen

„Risiko“: Mit Kriegsausbruch ist zu rechnen

Steffen Kopetzky ist etwas sehr seltenes gelungen: Er hat einen Roman geschrieben, der über seinen historischen Stoff hinausgewachsen ist. Mit „Risiko“ legt er in diesem Jahr einen fulminanten Text auf, vor der jede Beschreibungsleistung kapitulieren muss. Ein Buch über den Ersten Weltkrieg? Auch. Ein Buch über Deutschland? Sicherlich. Ein Buch über den Nahen und Fernen Osten? Absolut. Ein Buch über die weltpolitische Gegenwart? Unbedingt!

Es hat etwas länger gedauert, bis der Erste Weltkrieg in der Belletristik angekommen ist. Nachdem der gefeierte Christopher Clark mit seinen „Schlafwandlern“ stürmische Reaktionen eingeheimst und der verfemte Herfried Münkler in dessen Windschatten seine ungleich weniger thesenstarke Publikation platziert hat, liegt der Staffelstab nun in den Händen des Schriftstellers. Weiterlesen

Vom Finden und Verschwinden: Ralph Dutlis „Die Liebenden von Mantua“

In Ralph Dutlis neuem Roman ist die Topographie der Protagonist. Mantua ist ein Ort mit großer literarischer Tradition: sie gilt als Geburtsort des römischen Dichters bzw. Epikers Vergil und ist neben dem benachbarten Verona der Schauplatz für das Liebesdrama um Shakespeares Romeo und Julia, der Ort, an dem im letzten Akt beide den gemeinsamen Tod finden. In jene Tradition stellt sich Ralph Dutli mit seinem Roman Die Liebenden von Mantua, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft hat.  
Irgendwo zwischen postmoderner Epik und Kriminalgeschichte erzählt Dutli in einer Art „Realismus des Unwahrscheinlichen„, in dem die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum, Fantasie und Wahn zu verschwimmen scheinen, von den Spielarten der Liebe und von der Macht der Literatur. Weiterlesen

Liebe (er)zählen: Monique Schwitters „Eins im Andern“

Anfang August erschien Monique Schwitters neuer Roman Eins im Andern, aus dem die in Hamburg lebende Schweizerin bereits Anfang Juli beim diesjährigen Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt vorlas [hier geht es zum vorgetragenen Auszug aus dem sechsten Kapitel des nun erschienenen Romans], einhellig positive Rückmeldung erhielt, aber trotzdem keinen der Preise gewann. Nun hat es Schwitters Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Das Autoren-Ich, aus dessen Perspektive erzählt wird, rekapituliert im Alter von etwa vierzig Jahren als Ehefrau und Mutter die Lieben ihres Lebens und was davon blieb. Von zwölf Männern berichtet Eins im Andern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Leser begleitet das Ich, die Schriftstellerin des Textes [aber nicht Monique Schwitter], in unmittelbarem Erzählmodus bei ihrer Reise in die Vergangenheit und bei ihrem Nachdenken über die Liebe: zu Männern, ihren Söhnen und ihrer Hündin.  Weiterlesen

Gertraud Klemm: Das Leben im „Aberland“

In einem Interview mit der taz sagte Gertraud Klemm unlängst, die Österreicher hätten eine natürliche Neigung zum „auskotzen“. Wer einen Blick in ihren neusten Roman „Aberland“ wagt, nimmt ihr das sofort ab. Die österreichische Autorin hat es mit ihrer wütenden Suada gegen die Situation von Frauen in unserer Gesellschaft auf die Longlist zum deutschen Buchpreis geschafft. Doch was diesen Roman überzeugen lässt, ist wohl weniger eine ehrliche Wut als kluge Alltagsbeobachtungen.

„Aberland“ erzählt aus dem Leben von Franziska und ihrer Mutter Elisabeth. Beide Frauen kennzeichnet, dass sie verheiratet sind, Kinder haben und an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben die falschen Entscheidungen getroffen haben. In dem Moment, in welchem die Handlung einsetzt, haben sich Mutter und Tochter an ihrer beider Leben wundgerieben. Weiterlesen

Bis uns der Himmel auf den Kopf fällt: Valerie Fritschs „Winters Garten“

„Winters Garten“ ist das in diesem Jahr erschienene Debüt der Österreicherin Valerie Fritsch, das bereits im März erschein, aber spätestens seit dem Antritt beim Wettlesen des diesjährigen Bachmann-Preises in Klagenfurt und nun auch mit der Longlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis Aufmerksamkeit erfährt, und das völlig zu Recht. Auf einhundertvierundfünfzig Seiten beweist die 26-Jährige ihr Können. Erzählt wird die Geschichte von Anton Winter und dem utopischen Garten seiner Kindheit, den er irgendwann zugunsten der Stadt verließ, um mit seiner Geliebten und der Familie seines Bruders im Angesicht des drohenden Weltuntergangs in jenen Garten zurückzukehren. Fritschs erster Text ist komplex und metasprachlich strukturiert, ohne konstruiert zu wirken, ihr Ton ist poetisch, die Metaphern sind fulminant.

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