Schlagwort: Debüt

Anna Giens & Marlene Starks „M“: Mit dem Strapon in die Welt schlagen

Ist Berlin-Neukölln der eigentliche Mittelpunkt Deutschlands? Kaum eine Woche vergeht, in der man nicht irgendetwas über den ehemaligen Arbeiter- und Migrantenbezirk Westberlins hört. Mal wird er als das neuste Beispiel einer voranschreitenden Gentrifizierung deutscher Innenstadtbezirke angeführt, mal ist er der Hort der hippen, digitalen Boheme und dann ist er immer wieder auch der Ort, an dem sich Deutschlands Kampf gegen kriminelle Clans entscheiden soll. Vermutlich ist Neukölln auch der einzige Ort, in dem man auf der niedrigschwelligen Ebene des Bezirksbürgermeisters bundesweite Prominenz erreichen kann. Im Herzen der jungen Berlinliteratur hat der Bezirk schon seit langem einen festen Platz und so streift auch die Ich-Erzählerin in „M“, dem Debütroman der Autorinnen Anna Gien und Marlene Stark, durch das Neuköllner Nachtleben. Weiterlesen

Emanuel Maeß‘ „Gelenke des Lichts“: Ungelenk ins Dunkle

Was ist literarischer Mut? Sich an neuen Formen zu versuchen, ästhetische Konventionen zu sprengen und alles auf eine, absolute Karte zu setzen? Oder das genaue Gegenteil? Gegen alle Innovationserwartungen anzuschreiben und sich allem verwahren, das irgendwie nach hipper Literaturmode riecht? Gibt es die radikale Nichtradikalität? Falls ja, Emanuel Maeß, der gerade sein Debüt, „Gelenke des Lichts“ im Wallstein Verlag vorgelegt hat, hätte sie zur Perfektion getrieben. Leider bedeutet jedoch die Verweigerung literarischer Moden nicht zwangsläufig eine geradlinige Literatur. Das einzige, das in diesem Roman konsequent gerät, ist sein inniges Verhältnis zum Klischee. Weiterlesen

Phantomangst: Gianna Molinaris „Hier ist noch alles möglich“

Obwohl es sich um ihren Erstling handelt, zählt Gianna Molinaris „Hier ist noch alles möglich“ zu den Romanen des vergangenen literarischen Herbstes, die von der Kritik und dem Literaturbetrieb Aufmerksamkeit erfahren haben. Für einen Auszug des Romans erhielt Molinari 2017 den 3sat-Preis beim Klagenfurter Wettlesen, im folgenden Jahr stand sie mit ihrem Debüt auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis und auf der Shortlist zum Schweizer Buchpreis. Weiterlesen

Schrei nach Liebe? Lukas Rietzschels „Mit der Faust in die Welt schlagen“

Kaum ein Buch hat in diesem Literaturherbst so viel Aufmerksamkeit erfahren wie der Roman von Lukas Rietzschel. Buchhändler und Blogs wurden bereits Monate vor Veröffentlichung mit „Mit der Faust in die Welt schlagen“ beschickt, der Verlag lud Presse und BloggerInnen zu einem Tagesausflug samt Autor nach Sachsen ein, zum Erscheinungstermin gab es ein überdimensionales Schaufenster im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann im Coverdesign und vor allem gab es jede Menge Presse. Das alles ist insofern überraschend, da es sich um einen Debütroman handelt. Rietzschels Buch wird als „das Buch der Stunde“ gehandelt – zu Recht? Weiterlesen

Wlada Kolosowas „Fliegende Hunde“: Im russischen Rione

Seit einigen Jahren hat die Gegenwartsliteratur weltweit ein neues Lieblingsmotiv entwickelt: Immer mehr Erfolgsromane erzählen von weiblichen Frauenfreundschaften, irgendwo zwischen tiefster Verbundenheit und immerwährender Rivalität. Bei Ferrante heißen sie Lila und Lenù, bei Zadie Smiths  Roman „Swing Time“ sind es die Ich-Erzählerin und Tracey, „The Mothers“, das grandiose Debüt der Amerikanerin Brit Bennett, das Ende April bei Rowohlt in deutscher Übersetzung erscheinen wird, erzählt von Nadia und Aubrey – bei Wlada Kolosowas Debütroman „Fliegende Hunde“ heißen die Protagonistinnen Lena und Oksana. Weiterlesen

Im tiefen, dunklen Wald: Jovana Reisingers „Still halten“

Er ist der ultimative Sehnsuchtsort der Deutschen: der Wald. Spätestens seit der Romantik und den Grimmschen Märchen weiß jedes Kind, das im Dickicht Gefahren in Form von bösen Wölfen und noch böseren Hexen lauern. Gleichzeitig aber ist dieses Archaische, dieses Gegenbild zur vom Menschen geprägten, kultivierten Landschaft zum überhöhten Ideal geworden, das bei der Reichsgründung 1871, so zeigt sich am Hermannsschlacht-Denkmal im Teutoburger Wald, zum Symbol nationaler Identität erklärt wurde, das die Nazis dankend für ihre Propaganda nutzten. In Jovana Reisingers literarischem Debüt ist der Wald nicht Sehnsuchtsort, sondern gefürchteter Schreckensraum. Dennoch läuft der Roman zielstrebig auf eben jenen zu. In „Still halten“ erobert die Natur die Topographie zurück. Weiterlesen

Fuchsteufelswild: Maren Wursters „Das Fell“

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ – Wenn man eines im Literaturstudium lernt, dann ist das wohl, den ersten Satz von Kafkas „Verwandlung“ zu zitieren. Die langsame Metamorphose vom Menschlichen zum Tierischen hat auch Maren Wurster, die im letzten Jahr ihr Studium am Deutschen Literaturinstitut abschloss, in ihrem Debütroman „Das Fell“, der diesen Sommer bei Hanser Berlin erschien, zum Thema gemacht. Weiterlesen

Vom Kampf gegen die Väter: Theresia Enzensbergers „Blaupause“

Eine junge Frau beendet die Schule. Sie beschließt, ihr Elternhaus zu verlassen und in einer anderen Stadt zu studieren – sie möchte Architektin werden. Was im Jahr 2017 wie selbstverständlich klingt, war es vor knapp 100 Jahren, im Herbst 1921, noch lange nicht. Hier entschieden nicht die Abiturientin für sich selbst, sondern ihre Eltern über die Zukunft der Tochter. In ihrem Debütroman „Blaupause“ erzählt Theresia Enzensberger, ihres Zeichens bislang selbst vor allem Tochter, nämlich von niemand geringerem als Hans Magnus Enzensberger, von einer jungen Frau, die am legendären Bauhaus in den 1920ern Architektur studiert. Weiterlesen

Ohne Herkunft, ohne Heimat: Lana Lux’ „Kukolka“

Ein immer wiederkehrerender Topos der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, dem sich in den vergangenen Jahren vor allem viele Debütromane gewidmet haben, ist die Verhandlung der in der Kindheit erlebten Migration nach Deutschland in den Jahren der Jahrtausendwende, vornehmlich aus osteuropäischen Ländern: So erzählen Alexandra Friedmann und Tijan Sila auf tragikomische Weise von den dramatischen Umständen und den kuriosen Kindheitserinnerung, die der Kulturschock mit sich brachte. Am Ende steht jedoch meist das Happy End, die Integration – vor allem durch Bildung – und der persönliche Erfolg. Auch Lana Lux erzählt in ihrem Roman „Kukolka“ die Geschichte eines Mädchens, das in den 2000er Jahren nach Deutschland kommt – jedoch auf radikal andere Art und Weise als ihre Kolleginnen und Kollegen. Weiterlesen

Das Trauma der Provinz: Lize Spits „Und es schmilzt“

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Wer die Debütromane der letzten Jahre verfolgte, der konnte beobachten, dass junge Autoren vor allem zwei Topographien bevorzugen: Die anonyme, kalte und brutale Großstadt wie in Fatma Aydemirs „Ellbogen“ oder das periphere Dorf, meist namenlos, zuletzt in Luise Maiers Debüt „Dass wir uns haben“ und Andreas Mosters „Wir leben hier, seit wir geboren sind“. Auch die flämische Literatur hat eine Vorliebe für die Provinz. Einer der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre ist Lize Spits Debüt „Und es schmilzt“, der von einem Sommer in einem belgischen Dorf erzählt, der für die Ich-Erzählerin alles verändern soll. Weiterlesen