Schlagwort: Depression

Im tiefen, dunklen Wald: Jovana Reisingers „Still halten“

Er ist der ultimative Sehnsuchtsort der Deutschen: der Wald. Spätestens seit der Romantik und den Grimmschen Märchen weiß jedes Kind, das im Dickicht Gefahren in Form von bösen Wölfen und noch böseren Hexen lauern. Gleichzeitig aber ist dieses Archaische, dieses Gegenbild zur vom Menschen geprägten, kultivierten Landschaft zum überhöhten Ideal geworden, das bei der Reichsgründung 1871, so zeigt sich am Hermannsschlacht-Denkmal im Teutoburger Wald, zum Symbol nationaler Identität erklärt wurde, das die Nazis dankend für ihre Propaganda nutzten. In Jovana Reisingers literarischem Debüt ist der Wald nicht Sehnsuchtsort, sondern gefürchteter Schreckensraum. Dennoch läuft der Roman zielstrebig auf eben jenen zu. In „Still halten“ erobert die Natur die Topographie zurück. Weiterlesen

Thomas Melles „Die Welt im Rücken“: Schonungslos geirrt

Mal wieder ist es nicht der große Favorit geworden. Nachdem 2015 aufgrund der Aktualität Jenny Erpendeck mit ihrem Roman „Gehen, ging, gegangen“ bei den Buchmachern ganz oben stand, schien für viele dieses Jahr fast schon beschlossene Sache, dass Thomas Melle mit „Die Welt im Rücken“ den Deutschen Buchpreis abräumen würde. Schließlich ist es doch Bodo Kirchhoff geworden. Für die Literatur ist das eine gute Nachricht, denn der Umgang mit Melles Text ist symptomatisch für die deutschsprachige Rezeption und ihre Ich-Sucht. Die Fiktion gilt nicht mehr viel, authentisch muss es sein. Dabei ist „Die Welt im Rücken“ ein faszinierender Text, aber kein Roman. Weiterlesen