Schlagwort: der moderne Mensch

Walker Percys „Der Kinogeher“: Die traurigen Automaten-Menschen

Auf die Frage, wieso der moderne Mensch so traurig ist, haben verschiedene Denkschulen, Ideologien und Disziplinen unterschiedliche Antworten gefunden: der Marxist ruft „Entfremdung“ und meint damit, die Arbeitskraft für fremde Zwecke verdingen zu müssen, die wilden Wiener der Jahrhundertwende proklamierten die Sprachkrise und Sigmund Freud saß daneben und stellte die psychologische Kränkung fest, die bekannterweise darin bestünde, „nicht mehr Herr im eigenen Hause“ zu sein. Der moderne Mensch bewegt sich – so die These – in dem schnell mal als zynisch abgetanen Paradox, einen immer (zumindest für einige) steigenden Lebensstandard zu produzieren und gleichzeitig immer trauriger zu werden. Diese Traurigkeit besteht darin, sich nicht mehr zu sich und seiner Umgebung in Bezug setzen zu können und Fremder im eigenen Leben zu sein. Die immer stärker werdende Sehnsucht nach dem Authentischen ist ein Symptom dieses Phantomschmerzes der Gegenwart. Das Narrativ vom traurigen Menschen der Moderne ist, wie sich zeigt, alt und traditionsreich. Einer der wichtigen Wegpunkte dieses Narrativs ist ganz sicher Walker Percys „Der Kinogeher“, das in den Achtzigern von Peter Handke ins Deutsche übertragen und vom Suhrkamp-Verlag neu aufgelegt wurde. Weiterlesen

Matthias Engels‘ „Wilde & Hamsun“: Kaffeefahrt durch die Weltgeschichte

Im Jahr 1884 kam eine internationale Delegation nach Washington D.C., um ein dringliches Thema zu besprechen: Ein neuer, vereinheitlichter Nullmeridian sollte bestimmt werden, diejenige senkrechte Linie, die zum Bezugspunkt für alle Längengrade wird und zur Bestimmung der Weltzeit dient. Schnell ist man sich einig, der Nullmeridian sollte auf neutralem Grund und möglichst an einem der großen Observatorien verlaufen. Doch was ist im Jahre 1884 schon neutraler Grund, wo doch die Hälfte der Welt zum Commonwealth gehörte. Nach einigem diplomatischen Gerangel einigte man sich schließlich darauf, dass der Nullmeridian so gelegt werden würde, dass er die Londoner Sternwarte Greenwich kreuzen würde. Die Entscheidung hatte am Ende wenig mit Wissenschaft, viel mehr mit nationaler Geltungssucht und Pragmatik zu tun. Doch die Geschichte der Washingtoner Konferenz zeigt auch: So willkürlich wie die Menschheit die Erde eingeteilt hat, so willkürlich lassen sich auch Episoden aus dem Weltverlauf herausgreifen, am Ende hängt doch alles irgendwie miteinander zusammen. So geschehen in Matthias Engels‘ Roman „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“, eine Geschichte des Scheiterns, in allen Belangen. Weiterlesen

Heinrich Spoerl: Der Schlüsselloch-Leser

Unter den vielen merkwürdigen Ritualen Deutschlands gibt es ein besonders merkwürdiges: Immer dann, wenn die Adventszeit gekommen ist oder ein Schullehrplan gerade Löcher aufweist und Schüler drüber hinweggetäuscht werden sollen, wird ein Film herausgekramt, der mittlerweile rund siebzig Jahre auf den Buckel hat. Mit „Der kleine Lord“ oder „Sissi“ gehört er zu den glücklichen Filmen, bei denen das sonst so unhistorische Publikum drüber hinwegsehen kann, dass in ihm Matthias Schweighöfer keine Frauenkleider trägt und Til Schweiger auch keinen Macho spielt, der dann am Ende voll nett wird. Die Verfilmung der „Feuerzangenbowle“ von Helmut Weiss hat es in den exklusiven Kreis der deutschen Klassiker geschafft, wobei gerne ignoriert wird, dass man den Film damals mit dem kecken Heinz Rühmann ein Jahr vor Ende des Kriegs dazu nutzte, dem Volk im totalen Krieg noch mal richtig was zum Lachen zu geben. Zur Bekanntheit Heinrich Spoerls, dem Autor der Romanvorlage, hat der Erfolg des Films nur bedingt beigetragen, zumal sich um die Autorschaft unschöne Gerüchte ranken. Noch weniger bekannt sind allerdings Spoerls andere Werke, von denen nun der homunculus-Verlag zwei Romane neuaufgelegt hat. Ein echter Gewinn. Weiterlesen