Schlagwort: Derrida

Walker Percys „Der Kinogeher“: Die traurigen Automaten-Menschen

Auf die Frage, wieso der moderne Mensch so traurig ist, haben verschiedene Denkschulen, Ideologien und Disziplinen unterschiedliche Antworten gefunden: der Marxist ruft „Entfremdung“ und meint damit, die Arbeitskraft für fremde Zwecke verdingen zu müssen, die wilden Wiener der Jahrhundertwende proklamierten die Sprachkrise und Sigmund Freud saß daneben und stellte die psychologische Kränkung fest, die bekannterweise darin bestünde, „nicht mehr Herr im eigenen Hause“ zu sein. Der moderne Mensch bewegt sich – so die These – in dem schnell mal als zynisch abgetanen Paradox, einen immer (zumindest für einige) steigenden Lebensstandard zu produzieren und gleichzeitig immer trauriger zu werden. Diese Traurigkeit besteht darin, sich nicht mehr zu sich und seiner Umgebung in Bezug setzen zu können und Fremder im eigenen Leben zu sein. Die immer stärker werdende Sehnsucht nach dem Authentischen ist ein Symptom dieses Phantomschmerzes der Gegenwart. Das Narrativ vom traurigen Menschen der Moderne ist, wie sich zeigt, alt und traditionsreich. Einer der wichtigen Wegpunkte dieses Narrativs ist ganz sicher Walker Percys „Der Kinogeher“, das in den Achtzigern von Peter Handke ins Deutsche übertragen und vom Suhrkamp-Verlag neu aufgelegt wurde. Weiterlesen

Frank Witzel: Die Ästhetik des Widerständigen

Frank Witzel hat den diesjährigen Buchpreis gewonnen und ganz Deutschland frohlockt: Die Jury hat Schneid bewiesen und ist nicht dem schon sicher geglaubten Sieger Ulrich Peltzer gefolgt. Sie hat auch keine gefühlige Entscheidung für Erpenbeck gefällt, die das Buch der Stunde geschrieben zu haben scheint. Die Wahl ist auf den Outsider Witzel gefallen, dessen megalomanischen Roman das Feuilleton schon lange vor der Entscheidung in den Literaturolymp gehoben hat. Die Jury hat damit nicht nur Courage gezeigt, sondern vor allem – so könnte man meinen – auf den Vorwurf reagiert, der schon lange an sie herangetragen wird: Der Buchpreis sei eine riesige Marketingmaschine, in dessen Jury zu viele sitzen, die direkt oder indirekt an der Vergabe des Preises profitieren: Der Buchhändler als Entscheidender darüber, welches Buch ausgezeichnet wird, das er danach dann auch noch verkaufen darf. Mit Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ haben sie nun alles, aber keinen potentiellen Beststeller ausgezeichnet. Zu dornig, zu sperrig ist der Text für den Durchschnittsleser. Die Jury hat damit die wirtschaftliche Konjunkturspritze für das eigene Prestige geopfert. Weiterlesen