Schlagwort: deutsche Gegenwartsliteratur

Katerina Poladjans »Hier sind Löwen«: Dark Side of the Moon

Die Weltliteratur ist voller Bücher über Büchermenschen: Schriftstellerinnen, Bibliothekarinnen, Archivarinnen, Literaturwissenschaftlerinnen, Buchhändlerinnen. Meist tritt Literatur dann in Selbstreflexion und überdenkt ihre inneren wie äußeren Umstände. Daraus kann ganz große Literatur wie zum Beispiel bei Canettis »Die Blendung« werden oder es wird so anstrengend wie wenn Thomas Mann über Goethe schreibt. Buchrestauratorinnen sind jedoch selten dabei. In »Hier sind Löwen« von Katerina Poladjan tritt genau eine solche Figur aufs Tableau. Weiterlesen

Sibylle Bergs »GRM«: »Wohlstand für viele und Elend für die Low Performer«

Kaum ein Buch wurde in diesem Jahr so stark antizipiert und dann auch so frenetisch durchgejubelt wie der neueste Roman von Sybille Berg, »GRM«. Das mag am Text liegen, es liegt aber sicherlich auch an der Person Bergs, die in der öffentlichen Wahrnehmung als ähnlich lässige Rebellin gilt wie eine Virginie Despentes – und das obwohl sie sich mit SPIEGEL Online und Jan Böhmermann eingelassen hat. Sibylle Berg ist überall: Kolumnistin, Theaterregisseurin, Schriftstellerin. Vielleicht prädestiniert sie auch das dafür nun mit »GRM« einen Text vorzulegen, der sich in das Herz der Finsternis unserer Gegenwart hineinwagt. Weiterlesen

Alexander Schimmelbuschs „Hochdeutschland“: „This is not an exit.“

Wohin treibt der Neoliberalismus? Und wohin reißt er die Gesellschaft mit sich? Hinter dem Zusammenbrechen der nahöstlichen Nicht-Ordnung der Nachkriegsära und den daraus resultierenden Fluchtbewegungen ist fast in Vergessen geraten, dass in den frühen Zehnerjahren ein ganz anderes Problem die meisten Gesellschaften vor eine existenzielle Bewährungsprobe stellte: ein heiß gelaufener Finanzkapitalismus. Wer die verheerende Wirkung dieses Finanzcrashs und die verfehlte politische Reaktion darauf besichtigen möchte, sollte beim nächsten Griechenlandurlaub mal einen kurzen Zwischenaufenthalt in den Außenbezirken Athens und Thessalonikis einplanen. Doch die nächste Krise ließ nicht lange auf sich warten und so atmeten New York, London und Frankfurt auf: Es darf wieder auf den Putz gehauen werden. Weiterlesen

Anja Kampmanns „Wie hoch die Wasser steigen“: Babylon Kapitalismus

Der Kapitalismus macht die Welt groß. Und gleichzeitig ganz klein. Arbeiten können die Gutausgebildeten mittlerweile fast überall. Ein Jahr in Shanghai, dann Berlin, vielleicht als nächstes Kuala Lumpur? Gleichzeitig schrumpft die Arbeit, ohne soziales Gefüge irgendwo in einer fremden Stadt, die Welt manchmal bis auf ein kleines Bürocubical zusammen. Eine Gesellschaft, die Arbeit und Sozialgefüge, so trennt, produziert laufend Orientierungslosigkeit. Die allumgreifenden Diskussionen um Begriffe wie Heimat oder Identität zeugen davon. Was macht das mit den Menschen? Anja Kampmann hat mit dieser Frage im Gepäck in „Wie hoch die Wasser steigen“ große Literatur gemacht. Weiterlesen

Arno Geigers „Unter der Drachenwand“: Stell dir vor, es ist Krieg und einer macht Pause

Die Literatur über den Zweiten Weltkrieg ist in der Regel eine Literatur der Front oder des Lagers. Die Pole sind Stalingrad und Auschwitz, während Oer-Erkenschwick selten als Schauplatz gewählt wird. Der Grund dafür ist naheliegend: Wo sonst sollte der Horror der nationalsozialistischen Herrschaft erkundet werden, wenn nicht da, wo dieser sich in Krieg und Vernichtung manifestiert? Die Leerstelle, die diese Literatur gelassen hat, hat am prominentesten W. G. Sebald beklagt, der der Nachkriegsliteratur das Versäumnis vorwarf, den Bombenkrieg nicht thematisiert zu haben. Viel wurde diskutiert, ob die These überhaupt zutreffend sei – sicher ist, dass der Mensch an der Heimatfront der Literatur eher fremd ist. In diese Lücke stößt unter anderen Arno Geiger mit seinem neusten Roman „Unter der Drachenwand“, der die Frage umkreist, was mit einem Soldat passiert, wenn der Krieg eine kurze Pause macht. Weiterlesen

Juli Zehs „Leere Herzen“: Was ist Populismus?

Haben Sie auch so eine Angst? Glauben Sie, dass mit dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen das Ende der Demokratie gekommen ist? Dass Angela Merkel die letzte aufrechte Regierungschefin sein wird, bevor der faschistische Sturm der Barbaren das Land übernimmt? Möglicherweise ist das der Grund, weshalb Sie sich hinter einer frischgezapften Bio-Rhabarberschorle auf dem schwedischen Design-Sofa verkriechen? Ist die Gegenwart nicht furchtbar hektisch geworden? Und diese neuen Medien! Machen alles so furchtbar schnell, chaotisch und unübersichtlich. Vielleicht sollte man nach draußen ziehen, aufs Land. Aber das wäre ja auch schon wieder so zeitgenössisch! Diese schreckliche Landlust mit artgerechter Tierhaltung und zwei Kind-Familie – natürlich mit klassischen Namen wie Charlotte-Sophie und Maximilian-Friedrich. Ist schon verrückt unsere Gegenwart, gell? Hat sich auch Juli Zeh gedacht und den vielleicht dümmsten Roman des Jahres geschrieben. Weiterlesen

Manja Präkels‘: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“: Der Kapitalismus trägt Springerstiefel

Mit langen, lustigen Titeln ist es so wie mit T-Shirt-Sprüchen. Zuerst huscht ein Grinsen ins Gesicht, doch je länger man draufschaut, desto tiefer sinken die Mundwinkel. Warum das so ist, das hat Daniel Kehlmann im ZEIT-Interview zuletzt gut auf den Punkt gebracht: „Der Witz ist da, man lacht, man hat ihn verarbeitet – aber dann bleibt er da. Weil der Mensch das T-Shirt ja immer noch trägt. Aber der Witz sollte nicht mehr im Raum sein, nachdem er gewirkt hat. Und deswegen sollte man keine lustigen T-Shirts tragen!“ Ähnlich verhält es sich mit dem Titel von Manja Präkels Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“. Hitler, das ist sowieso ein beliebtes Buzzword, mit dem man die Leute vom Hocker holt, und dazu noch Schnapskirschen, das ein versunkenes Wort aus Zeiten der Mettigel und Häkeldecken ist, bildet einen schönen Kontrast. Unterstützt vom prägnanten Verbrecher Verlags-Design, das den Kontrast im Rot der Schrift und Schwarz des Buches aufnimmt, ist der Witz im Raum. Und verlässt ihn nicht mehr. Weiterlesen

Lorenz Justs „Der böse Mensch“: Böse ist der, der Böses tut?

Einem Debüt gegenüberzutreten ist eine reizvolle wie schwierige Aufgabe. Wer Brillanz gleich erkennt, kann sich für sein literarisches Gespür rühmen, schließlich möchte jeder den neuen Shootingstar als erstes ausgemacht haben. Gleichzeitig ist das kritische Annähern an ein Debüt ein Flug auf Sicht: Kein Werk, aus dem heraus sich etwas erklären lassen könnte, keine Kritikermeinung, an die man sich anlehnen könnte. Klar: Irgendwoher lassen sich immer Stützen holen – vielleicht gibt es einen vergleichbaren Autor oder Text. Und wenn man nicht über das Debüt selbst sprechen will, kann man immer noch darauf ausweichen, es als Symptom auszudeuten. Wie wäre es zum Beispiel mal wieder mit einer Debatte über Literaturinstitute? Weiterlesen

Dietmar Daths „Der Schnitt durch die Sonne“: „Guten Morgen, falsche Welt.“

Dietmar Dath ist das Schweizer Taschenmesser des deutschsprachigen Feuilletons. Im Grunde kann man ihn auf jedes Thema loslassen, er wird es meistern. Vom Kommunismus über Iggy Pop bis zu „My Little Pony“ bespricht Dath wöchentlich alles weg, was man zwischen Popkultur und Mathematikpromotion einordnen kann. Und ganz nebenbei schreibt er noch gefühlt jedes Jahr einen Roman. Dass er als überzeugter Marxist schon seit Jahren Redaktionsmitglied der FAZ sein kann, zeugt entweder davon, dass die FAZ dem Marxismus kein Bedrohungspotential mehr zuspricht oder aber, dass er ideologisch nicht verbrämt ist. Denn sein Interesse gehört immer beidem: der Politik und der Kunst. Beides ist nicht zu trennen, doch Daths Kunstverständnis zielt nicht darauf ab, mit Literatur Politik zu machen, sondern mit Literatur das Politische zu erkunden. Das beweist auch „Der Schnitt durch die Sonne“, Dietmar Daths neustem Roman. Der versucht sich an einer avancierten Zukunftsvision, scheitert aber an der Überforderung des Lesers. Weiterlesen

Ohne Herkunft, ohne Heimat: Lana Lux’ „Kukolka“

Ein immer wiederkehrerender Topos der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, dem sich in den vergangenen Jahren vor allem viele Debütromane gewidmet haben, ist die Verhandlung der in der Kindheit erlebten Migration nach Deutschland in den Jahren der Jahrtausendwende, vornehmlich aus osteuropäischen Ländern: So erzählen Alexandra Friedmann und Tijan Sila auf tragikomische Weise von den dramatischen Umständen und den kuriosen Kindheitserinnerung, die der Kulturschock mit sich brachte. Am Ende steht jedoch meist das Happy End, die Integration – vor allem durch Bildung – und der persönliche Erfolg. Auch Lana Lux erzählt in ihrem Roman „Kukolka“ die Geschichte eines Mädchens, das in den 2000er Jahren nach Deutschland kommt – jedoch auf radikal andere Art und Weise als ihre Kolleginnen und Kollegen. Weiterlesen