Schlagwort: deutsche Literatur

Norbert Scheuers »Winterbienen«: Bienenstich

Nazis und Zombies, Nazis und Dinosaurier, Nazis und Aliens – wenn es um den Spieltrieb geht, verspürt vor allem das Trash-Segment des Hollywoodkinos eine große Lust daran, alles Mögliche auf Nazis oder Nazis auf absurde Dinge loszulassen. In der Kategorie der »Was wäre wenn«-Geschichtsschreibung rangiert der Nationalsozialismus immer noch an erster Stelle, was auch den anhaltenden Erfolg der Serienadaption »The Man in the High Castle« erklärt. Nazis sind also vielseitig einsetzbar: Da liegt es auf der Hand, einen Roman zu schreiben, der die beiden deutschen Lieblingsthemen verbindet – Nazis und Bienen. Weiterlesen

Hans Dieter Zimmermanns „Theodor Fontane“: Der Romancier des diesjährigen Jubiläums

Er gilt als literarischer Spiegel Preußens“ heißt es am Anfang des Wikipedia-Eintrags zu Theodor Fontane, weshalb überall in hastig zusammenkopierten Texten zu Fontane im Internet die missglückte Formulierung auftaucht. Zum Spiegel Preußens macht Hans Dieter Zimmermann, dessen neue Fontane-Biographie nun pünktlich zu Fontys 100. Jahrestag erschienen ist, nicht, aber zumindest zu dessen Romancier. Doch was bedeutet eigentlich „Preußens Romancier“? Preußens wichtigster Romancier? Preußens Staatsromancier? Preußens einziger Romancier? Einen richtig innovativen Gedanken kriegt die Biographie nicht zu fassen und so liest sie sich wie ein Werk, das halt zum hundertsten Jahrestag irgendwie geschrieben werden musste. Weiterlesen

Anna Giens & Marlene Starks „M“: Mit dem Strapon in die Welt schlagen

Ist Berlin-Neukölln der eigentliche Mittelpunkt Deutschlands? Kaum eine Woche vergeht, in der man nicht irgendetwas über den ehemaligen Arbeiter- und Migrantenbezirk Westberlins hört. Mal wird er als das neuste Beispiel einer voranschreitenden Gentrifizierung deutscher Innenstadtbezirke angeführt, mal ist er der Hort der hippen, digitalen Boheme und dann ist er immer wieder auch der Ort, an dem sich Deutschlands Kampf gegen kriminelle Clans entscheiden soll. Vermutlich ist Neukölln auch der einzige Ort, in dem man auf der niedrigschwelligen Ebene des Bezirksbürgermeisters bundesweite Prominenz erreichen kann. Im Herzen der jungen Berlinliteratur hat der Bezirk schon seit langem einen festen Platz und so streift auch die Ich-Erzählerin in „M“, dem Debütroman der Autorinnen Anna Gien und Marlene Stark, durch das Neuköllner Nachtleben. Weiterlesen

Kenah Cusanits „Babel“: Jenga!

Zu allen Zeiten war Babylon Projektionsfläche. Seit den biblischen Erzählungen vom israelitischen Exil und dem Turmbau zu Babel hat sich das Zentrum des Zweistromlandes tief ins kulturelle Gedächtnis der drei monotheistischen Religionen und deren Einflussregionen gebrannt. Bis jetzt hält sich der Mythos Babylon, wie neuere deutsche Serienproduktionen beweist. Jede Gesellschaft, jedes Jahrhundert scheint den Ort am Euphrat für sich neu zu entdecken und so legt sich kulturelle Schicht über Schicht. Wie man diese wieder abtragen kann, davon erzählt Kenah Cusanit in ihrem Debütroman „Babel“. Weiterlesen

Emanuel Maeß‘ „Gelenke des Lichts“: Ungelenk ins Dunkle

Was ist literarischer Mut? Sich an neuen Formen zu versuchen, ästhetische Konventionen zu sprengen und alles auf eine, absolute Karte zu setzen? Oder das genaue Gegenteil? Gegen alle Innovationserwartungen anzuschreiben und sich allem verwahren, das irgendwie nach hipper Literaturmode riecht? Gibt es die radikale Nichtradikalität? Falls ja, Emanuel Maeß, der gerade sein Debüt, „Gelenke des Lichts“ im Wallstein Verlag vorgelegt hat, hätte sie zur Perfektion getrieben. Leider bedeutet jedoch die Verweigerung literarischer Moden nicht zwangsläufig eine geradlinige Literatur. Das einzige, das in diesem Roman konsequent gerät, ist sein inniges Verhältnis zum Klischee. Weiterlesen

Klaus Modicks „Keyserlings Geheimnis“: Jahrhundertaktuelle Literatur

Manche germanistischen Gemeinplätze stimmen dann doch: Wenn ein Schriftsteller einen anderen Schriftsteller porträtiert, weist der ausgestreckte Zeigefinger auch immer auf ihn zurück. Derjenige, der Spiel vielleicht am besten beherrschte, war Thomas Mann, der einfach so oft über Goethe geschrieben hat, bis Deutschland endlich begriff, dass es in Thomas Mann wohl Goethes rechtmäßigen Wiedergänger erkennen musste. Klaus Modick ist nicht Thomas Mann und Eduard von Keyserling ist nicht Goethe, dennoch wird man auch bei der Lektüre von Modicks neustem Roman „Keyserlings Geheimnis“ das Gefühl nicht los, dass hier jemand auf den Schultern des mittlerweile in Vergessenheit geratenen Schriftsteller seine eigene Ästhetik verteidigen möchte. Weiterlesen

Paul Gurks „Berlin“: Verfluchte, geliebte Stadt

Berlin-Romane gibt es viele – die einen nerven sie, die anderen können gar nicht genug von ihnen bekommen. Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man zwei Höhepunkte der Berlinbegeisterung bestimmt: Angefangen hat alles mit den Zwanzigern und frühen Dreißigern, als Berlin zu der Metropole aufstieg, die sie nie wieder geworden ist. Dann verlor die Stadt durch die Nachkriegsordnung für längere Zeit seine Anziehungskraft – außer bei denjenigen, die Biwak und schlechter Kantinenküche aus dem Weg gehen wollten. Mit der Wiedervereinigung und Berlins Rückkehr in den Hauptstadtstatus zog auch wieder die Berlinliteratur an. Die Reihe der prominenten Beispiele ist lang, aber auch extrem starr in ihrer kanonischen Verankerung: „Berlin Alexanderplatz“, „Fabian“, „Das kunstseidene Mädchen“ – neuerdings vielleicht die „Lehmann“-Bücher oder Volker Kutschers Krimireigen. Einer der immer vergessen wird, ist Paul Gurk. Wieso eigentlich? Weiterlesen

Daniel Kehlmanns „Tyll“: Die Leichtigkeit der Leichtigkeit

Es gibt nur noch sehr wenige Großereignisse im deutschsprachigen Literaturbetrieb, an denen sich die Öffentlichkeit ausrichtet: Klar, da ist der Deutsche Buchpreis, der den Herbst durchtaktet. Beim Nobelpreis ist man auch fünf Minuten gespannt, ob nicht mal wieder etwas für einen Deutschen abfällt. Und jetzt, wo der neue Handke erscheint, ist eine gewisse Aufgeregtheit im Feuilleton spürbar. Gleiches gilt vielleicht auch für einen neuen Daniel Kehlmann-Roman. Der Bestseller-Autor, der mit „Die Vermessung der Welt“ den größten literarischen Verkaufserfolg der jüngeren Geschichte feierte, ist auch mit „Tyll“ wieder anständig, wenn auch nicht großartig in die Bestsellerlisten eingestiegen. Kehlmann ist eine seltene Spezies: Er wird sowohl vom Publikum, wie auch vom Feuilleton geliebt. Und auch für seinen neuen Roman stehen wieder eifrig viele Kritiker bereit, um den erfolgsverwöhnten Autor mit Lobpreisungen zu überschütten. Scheinbar hat Kehlmanns Ruhm nicht nur ihn erfolgstrunken gemacht. Weiterlesen

Sabrina Janeschs „Die goldene Stadt“: Auf dem Umweg zum Weltruhm

El Dorado – so heißen heute nur noch schlechte Tex-Mex-Restaurants und noch schlechtere Cocktail-Bars, in denen der Cocktail-Preis zur Happy Hour schon mal in den bedenklichen Bereich rutscht. Lange Zeit war der Name „El Dorado“ jedoch eine Verheißung auf die ganz große Entdeckung und gleichzeitig der Inbegriff der kolonialen Ignoranz: Als die spanischen Konquistadoren alles Gold, das Südamerika zu rauben hatte, eingeschmolzen und ins Mutterland gebracht hatten, erträumte man sich einen Ort, der vor lauter Gold überquoll. Viele haben auf der Suche nach der sagenumwobenen Stadt aus Gold ihr Leben an den unbarmherzigen Dschungel verloren oder von Moskitos zerstochen und entnervt aufgegeben. Einer, der sich auch auf den Weg machte, war der Deutsche Rudolph August Berns. Der entdeckte zwar dann nicht El Dorado, aber immerhin mit Machu Pichhu die bedeutendste Ruinenstadt, die von der Inka-Kultur erhalten geblieben ist. Über seine unwegsame Reise hat Sabrina Janesch nun ihren neuen Roman „Die goldene Stadt“ geschrieben. Weiterlesen

Ijoma Mangolds „Das deutsche Krokodil“: Das Unikum

Als Kritiker selbst Bücher zu schreiben, ist wohl das gefährlichste Vorhaben in der Literaturbranche. Gibt es positive Reaktionen vermutet jeder Freundschaftsdienste, wird das Buch verrissen, meint man die Messer zu hören, die schon jahrelang in Vorbereitung gewetzt wurden. So oder so, man kann es eigentlich kaum jemanden Recht machen. Früher war das eigene (literarische) Schreiben und Kritikersein noch kein Widerspruch, da war es aber auch üblicher, dass Schriftsteller als Kritiker tätig wurden. In jüngerer Vergangenheit hat Fritz J. Raddatz sich mit seinem eigenen Werk ganz passabel geschlagen, vor allem mit seinen biographischen Texten, Reich-Ranicki versuchte sich erst gar nicht am Fiktionalen, feierte dafür riesige Erfolge, vor allem mit seinem Memoir. Schlechter erging es da Helmuth Karasek, der mit seinen literarischen Gehversuchen regelmäßig auf die Nase fiel. Nun hat sich Ijoma Mangold, Literaturchef bei der ZEIT, ein Herz gefasst und in „Das deutsche Krokodil“ sein Leben beschrieben. Leider hat der literaturbeflissene Kritiker darin keinen konsequenten Umgang mit dem Autobiographischen gefunden. Weiterlesen