Schlagwort: Deutscher Buchpreis

Opfer und Täter: Ilija Trojanows „Macht und Widerstand“

Zuschauer der ersten Neuauflage des Literarischen Quartetts am 2. Oktober wohnten dem Verriss von Ilija Trojanows Roman „Macht und Widerstand“ bei, der von Juli Zeh in die Sendung mitgebracht wurde und dieses Jahr auf der Longlist des deutschen Buchpreises steht. Bis auf Zeh, die wohlbemerkt bereits mit Trojanow zusammen arbeitete und befreundet ist, waren sich alle einig: der neue Roman von Trojanow sei unzugänglich, langweilig und zeige keine Entwicklung auf Handlungs- oder Figurenebene, „Macht und Widerstand“ sei kein lesenswertes Buch. Stimmt das? Weiterlesen

„Das bessere Leben“: Ideenland ist abgebrannt

Würde man Wetten auf den Gewinner des Deutschen Buchpreises abschließen, Ulrich Peltzers „Das bessere Leben“ würde wohl die niedrigste Gewinnquote erzielen. Der in Berlin lebende Romancier gilt als großer Favorit für den diesjährigen Preis. Auch Peltzers vorherige Romane, genauso wie seine Zusammenarbeit mit Regisseur Christoph Hochhäusler für den Film „Unter dir die Stadt“ haben positive Resonanz im Feuilleton gefunden. Nun positioniert er sich mit „Das bessere Leben“ in einer Debatte über unsere Gegenwart und wie sie es mit großen Utopien vom Fortschritt hält. Weiterlesen

Lässt mich kalt: Rolf Lapperts „Über den Winter“

Rolf Lapperts aktueller Roman „Über den Winter“ steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und gehört im Wettbewerb vergleichsweise zu den konservativeren Kandidaten: Erzählt wird in einem klassischen, durchgängigen Vergangenheits-Tempus entlang einer einzelnen Figur, Lennard Salm, vordergründig aus personaler, passagenweise aus auktorialer Perspektive. Im Zentrum von „Über den Winter“ steht die erzählte Handlung und nicht die Sprache, die sich ihrerseits lediglich durch den detailverliebten Wirklichkeits-Realismus auszeichnet.  Weiterlesen

Die trotzige Monarchin: „Wie ihr wollt“

Es gibt Orte, Zeiten und Personen, zu denen die Literatur immer wieder zurückkehrt. Zuletzt ließ sich die Wiederkehr der Kassandra im Prenzlauer Berg beobachten. Dass nun ein Buch auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht, welches in das Elisabethanische Zeitalter eintaucht, ist kurios und logisch zu gleich. Die deutsche Literatur hatte schon immer ein sehr inniges Verhältnis zu dieser Epoche. Die Weimarer Klassiker haben die Shakespeare-Rezeption in Deutschland vorangetrieben, seitdem sind er und seine Zeit ein fester Bestandteil des kulturellen Erbes. Inger-Maria Mahlke erzählt genau aus dieser Epoche in ihrem neuesten Roman „Wie ihr wollt“ eine tragikomische Geschichte einer Frau, die nicht viel mehr möchte, als Selbstbestimmung.

Das 16. Jahrhundert fällt unter die weniger angenehmen Zeiten Britanniens. Weiterlesen

Hilfe, wir leben noch! Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“

Das dystopische Szenario einer postapokalyptischen Welt ohne Menschen ist ein Topos, der in den letzten Jahren vor allem zahlreiche Popcorn-Hollywood-Filme hervorbrachte: man denke da an die Eiszeit in Day after tomorrow, I am legend nach dem gleichnamigen Roman von Richard Matheson mit Will Smith in der Hauptrolle und zahlreiche Zombiefilme.

In der deutschsprachigen Belletristik scheint sich das dystopische Endzeit-Genre nun einer neuen literarischen Beliebtheit zu erfreuen. Neben dem brillianten Erstling „Winters Garten“ von Valerie Fritsch, das den Vorabend des Weltuntergangs imaginiert, ist Heinz Helles Roman Eigentlich müssten wir tanzen der zweite apokalyptische Text aus dem Hause Suhrkamp auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Hier haben fünf Jugendfreunde den Untergang der menschlichen Zivilisation zufällig überlebt, als sie sich auf Wochenendurlaub in einer abgelegenen Hütte in den Alpen befinden. Helle erzählt in neunundsechzig Kurzkapiteln von ihrer gemeinsamen Wanderung durch die verwüstete Landschaft zwischen Deutschland und Österreich in einer „aus den Fugen geratenen Welt“.  Weiterlesen

Zwischen den Welten: Feridun Zaimoglus „Siebentürmeviertel“

Feridun Zaimoglu hat es mit seinem Siebentürmeviertel nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft. Trotzdem ist sein Roman von Relevanz und Aktualität: Zaimoglu erzählt die Geschichte eines Flüchtlings in einer multikulturellen Exilgesellschaft aus einer neuen Perspektive, die ihn von der Konkurrenz abgrenzt: der Asyl suchende Protagonist und Ich-Erzähler ist Deutscher.

Der sechsjährige Wolf flieht mit seinem Vater vor den Nationalsozialisten, sie finden Zuflucht im kulturellen Schmelztiegel Istanbul. Yedikule, das titelgebende Siebentürmeviertel, in dem das Ich aufwächst, entspricht den Stereotypen von Neukölln in Berlin: es ist ein Einwandererbezirk mit Banden- und Jugendkriminalität, in dem Menschen aus verschiedenen Kulturen mit verschiedenen Religionen aufeinander treffen. In zwei Romanteilen, die zeitlich zwischen 1939 und 1949 angesiedelt sind, und insgesamt neunundneunzig Kapiteln erzählt Zaimoglu vom Aufwachsen in einer fremden Kultur und dem Identitätskonflikt, der damit einhergeht.  Weiterlesen

„89/90″ – Das Leben in der Nische

Kaum eine Diskussion innerhalb der deutschen Literatur ist so verbissen geführt worden wie jene um die literarische Verarbeitung der Wende. Es mag eine verworrene Ansicht sein, die davon ausgeht, jedes große Ereignis müsste seine literarische Entsprechung finden, doch der Deutsche wollte nach 1990 gefälligst seinen „Wenderoman“ aufgetischt bekommen. Als einer der Ersten wurde Günter Grass am Nasenring in die Manege gezerrt und schließlich für sein „Weites Feld“ ordentlich verprügelt. Danach haben sich dutzende Schriftsteller, bewusst oder unbewusst, West oder Ost, daran versucht – so richtig zufrieden war die deutsche Öffentlichkeit nie. 25 Jahre später, so würde man denken, ist die Sache gegessen. Doch dann kommt auf einmal Peter Richter mit seinem Roman „89/90“ um die Ecke und belehrt eines Besseren: Über die Wende kann höchst relevant und vor allem sehr unterhaltsam erzählt werden.

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Die höchste Form der Selbstbestimmung: „Baba Dunjas letzte Liebe“

Nichts, aber wirklich gar nichts spricht dafür, im abgelegenen Dorf Tschernowo zu wohnen. Es liegt in direkter Nähe zum verunglückten Reaktor in Tschernobyl, die Wälder und deren Nahrungsquellen sind verstrahlt, eine funktionierende Infrastruktur gibt es kaum: Das Leben in Tschernowo ist widrig, macht krank und ist nicht sehr aufregend. Für Alina Bronskys Hauptfigur Baba Dunja ist es trotzdem oder gerade deswegen der perfekte Ort zum Leben.

Alina Bronsky ist 1978 in der Sowjetunion geboren und reiht sich in die lange Reihe der osteuropäischen Frauen ein, die in Deutschland zu Schriftstellerinnen wurden. Mit „Scherbenpark“ feierte sie ihren ersten großen Erfolg. Ihr neuester Roman „Baba Dunjas letzte Liebe“ hat es auf die diesjährige Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft und zeichnet ein filigranes Bild einer alten Dame, die allen Widrigkeiten trotzt.

Tschernowo ist ein fiktives Dorf, das von den Auswirkungen des Reaktorunglücks leergefegt wurde. Doch mit gallischem Widerstandsgeist behauptet sich eine Gruppe rüstiger Dorfbewohner in der lebensunwirtlichen Umgebung. Weiterlesen

„Gehen, ging, gegangen“: We become visible

Als im Oktober 2012 die Gruppe von Flüchtlingen auf dem Oranienplatz in Berlin ihre Zelte aufschlugen, konnte jeder hellsichtige Beobachter zumindest eine Ahnung entwickeln, dass das Thema Flucht keines sein wird, dass von alleine verschwindet. Die Zuspitzung der Flüchtlingsdramatik und die Nominierung Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging gegangen“ für den Deutschen Buchpreis ist allerdings eine bittere Pointe. Unverhofft erhält der Text eine tagespolitische Relevanz. Doch in Zeiten brennender Flüchtlingsheime und pöbelnder Meuten in den sozialen Netzwerken ist dieser Roman ein Glücksfall: Jenny Erpenbeck schafft es die historische Blindheit der Deutschen zu entlarven und dem Hass ein humanistisches Weltbild entgegenzustellen.

Es ist noch gar nicht so lange her, denkt Richard, da war die Geschichte der Auswanderung und der Suche nach Glück eine deutsche Geschichte.

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Protest und Magie: Vladimir Vertlibs „Lucia Binar und die russische Seele“

Vladimir Vertlib, der in Sankt Petersburg geborene Schriftsteller, welcher in seiner Kindheit mit seinen Eltern aus Russland emigrierte und sich schließlich in Österreich niederließ, publiziert seit rund zwanzig Jahren regelmäßig Romane und Erzählungen. Lucia Binar und die russische Seele ist kein literarisches Debüt, sondern der Text eines handwerklich versierten Autors, dem man seine Erfahrung anmerkt: keine Experimente, sondern einfache, solide Erzählprosa – das ist Lucia Binar. 
Vertlibs bisherige Veröffentlichungen verhandeln überwiegend die Frage und Suche nach der jüdischen Identität, den russischen Wurzeln und dem Leben im Exil. Sein neuer Text streift diese Themen nur periphär. Lucia Binar und die russische Seele ist ein Roman über das Wien der Gegenwart: eine Stadt im Wandel, das einen Kompromiss zwischen Traditionsbewusstsein und Moderne sucht. Im Zentrum steht die titelgebende Seniorin Lucia Binar, die sich gegen die Gentrifizierung in ihrer Straße wehrt.  Weiterlesen