Schlagwort: Deutschland

Gerhard Falkners „Apollokalypse“: „Georg Autenrieth, also ich“

Die Siebziger waren die liberalsten und offensten Jahre der BRD und gleichzeitig die gewalttätigsten der jüngeren deutschen Geschichte. Die größten Unruhen der Studentenrevolte waren vorüber, mit Willy Brandt und dann mit Helmut Schmidt waren nach rund dreißig Jahren CDU-Herrschaft Sozialdemokraten an den Hebeln der Macht. Außenpolitisch entspannte sich die Lage in Europa durch die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition. Die Siebziger waren aber auch Radikalenerlass, Vietnamkrieg und vor allem RAF. Auch wenn Gerhard Falkners sehr spätes Romandebüt hauptsächlich im Berlin der Achtziger und Neunziger spielt, sind diese Jahre die Keimzelle all dessen, was sich in „Apollokalypse“  vollzieht und Erklärungsmuster für den neologistischen Titel: gleich drei Seelen wohnen in Deutschlands Brust, die des Schönen, die des Verführerischen und die der Zerstörung. Weiterlesen

Christian Krachts „Die Toten“: Achtung, Sie betreten die hölderlinsche Zone

Vier Jahre ist es nun her, da rüttelte gerade der neuste Christian Kracht-Roman das deutschsprachige Feuilleton aus seiner Schläfrigkeit. Den Anfang machte Georg Diez, der mit seinem Vorwurf, Kracht sei „Türsteher des rechten Gedankens“, die Debatte lostrat. Ein gefeierter, rechter Schriftsteller? Nachdem Botho Strauß niemandem mehr die Zornesröte ins Gesicht treibt und Martin Walser das Dasein als Punchingball satt hat, war mit Kracht ein würdiger Nachfolger gefunden. Es wurde protestiert, es wurde ein bisschen zurückgerudert, schließlich wurde die Sache vergessen, nachdem sich Kracht für eine Weile ins mediale Nirwana zurückzog. Aus der Aufregung ist nun Tradition geworden. Pünktlich zur Veröffentlichung Krachts neuen Roman „Die Toten“ wurde sich wieder gründlich geärgert – dieses Mal jedoch in Form eines Sturms im Wasserglas. Weiterlesen

Auftakt zum 16. internationalen literaturfestival berlin: The Poetry Project

Heute Abend wird das 16. internationale literaturfestival in Berlin mit einem Vortrag des argentinischen Schriftstellers César Aira offiziell eröffnet. Bis zum 17. September werden auf rund 365 Veranstaltungen etwa 200 Autoren und Autorinnen aus ihren Werken lesen, aber auch über aktuelle Problematiken diskutieren. Im Fokus stehen dabei die Gefahren des Terrorismus und des Populismus. Weiterlesen

Das Ende der Welt: Nis-Momme Stockmanns „Der Fuchs“

Nis-Momme Stockmann, der bislang mit seinen Theaterstücken Erfolge feiern konnte, hat mit „Der Fuchs“ sein erstes Prosawerk vorgelegt und es gleich auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft. Seine Thematik passt zum Zeitgeist der deutschen Gegenwartsliteratur: In dystopischer Manier wird die Apokalypse durchgespielt, als eine große, alles auslöschende Flut auf das norddeutsche Dorf Thule trifft, welcher der Protagonist und Chronist Finn Schliemann nur entgehen kann, weil er sich mit zwei Freunden auf das Dach eines Hauses rettet. Was „Der Fuchs“ von Texten wie „Eigentlich müssten wir tanzen“ oder „Winters Garten“ unterscheidet, ist seine Radikalität und sein Mut zum allumfassenden Erklärungsmodell. Stockmann erschreibt auf über siebenhundert Seiten die Entstehung des Universums, dessen Schicksal sich mythisch in einer deutschen Kleinstadt verdichtet. Weiterlesen