Schlagwort: deutschsprachige Gegenwartsliteratur

Martin Beyers »Und ich war da«: Banalität des Buben

Das ist ein Text, der so nicht geschrieben werden darf«, donnerte es im Juni von der in Klagenfurt traditionell ebenerdigen Kritikerkanzel dem zuvor vorlesenden Martin Beyer entgegen. Jury-Vorsitzender Hubert Winkels war ganz und gar nicht damit einverstanden, was Beyer da aus seinem Auszug des nun erschienen Romans »Und ich war da« vorgelesen hat. Beyer, der eine Passage über die Hinrichtung der Widerstandsgruppe Scholl vorlas, wusste vermutlich, dass er mit dieser thematischen Setzung ein Risiko einging und erwischte dann auch noch einen Zeitpunkt, als die deutsche Literaturkritik gerade Takis Würger für seine schlimme Nazi-Schmonzette »Stella« in den Boden gerammt hatte. Nun also Martin Beyer, der sich Winkels Verdikt widersetzt und seinen Roman »Und ich war da« nun bei Ullstein veröffentlicht hat. Weiterlesen

Hendrik Otrembas »Kachelbads Erbe«: Hoffnungstotschlag

Der menschliche Entdeckergeist kann noch ein paar große Herausforderungen angehen: Die Heilung bislang noch tödlicher Krankheiten, die Eroberung des Weltraums, die Eindämmung des Klimawandels. Die größte und gleichzeitig älteste Herausforderung ist aber vermutlich die Überwindung der Endlichkeit. Seit sich der Mensch seiner eigenen Sterblichkeit gewahr wurde, hat er Überlegungen zur Unsterblichkeit angestellt – ob mit religiöser, esoterischer oder wissenschaftlicher Motivation, wie die Transhumanisten aus dem Silicon Valley. Da der Tod das literarische Thema par excellence ist, gibt es auch etliche Romane über Unsterblichkeitsphantasien – so wie der neue Roman von Hendrik Otremba: »Kachelbads Erbe«. Weiterlesen

Philipp Schönthalers »Der Weg aller Wellen«: Unknown Identity

Wann hört Gegenwartsbeschreibung auf, wann fängt Dystopie an? Die Frage drängt sich bei der Lektüre von Philipp Schönthalers  »Der Weg aller Wellen« auf, denn seine Version einer aus dem Ruder laufenden Silicon Valley-Gesellschaft ist so nah an der Realität, dass die Grenzen verschwimmen. Tatsächlich bewirbt der Verlag das Buch auch gar nicht als Dystopie, die Rezeption möchte sie dennoch darin erkannt haben. Hat die Zeit die Dystopie überholt? Leben wir in einer Dystopie? Weiterlesen

Dana von Suffrins »Otto«: Dürfen die das?

Als am 20. August die Longlist zum Deutschen Buchpreis verkündet wurde, waren wieder die Social Media-Abteilungen der Verlage gefragt: Jubelbilder mussten her. Am meisten jubeln durfte S. Fischer, aber auch der Hanser Verlag konnte zufrieden sein. Sogar Wallstein durfte einmal kurz aufjuchzen, denn sie hatten das Kunststück vollbracht, sich mit einem der schlechtesten Romane der letzten Zeit auf die begehrten Plätze zu setzen. Nur Kiepenheuer & Witsch dürfte begossen in die Wäsche geschaut haben, als der Börsenverein in ihrem Fall schwarzen Rauch aufstiegen ließ. Und so machte der Verlag das einzig konsequente: Er präsentierte über Facebook und Twitter die wortwörtlichen leeren Hände. Das kann mal passieren, ist in diesem Fall aber ärgerlich, weil sie einen Roman im Petto gehabt hätten, der in diese Hände gehörte: »Otto« von Dana von Suffrin. Weiterlesen

Robert Seethalers „Das Feld“: Der Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch

Der Tod ist der Literatur kein Unbekannter. Gestorben wird eh dauernd, genauso wie getrauert. Weil die Literatur das Reich der Fiktion ist, so sehr sich die Autobiographisten auch dagegen wehren, kennt die Literatur auch Tote, die nicht zum Schweigen gebracht werden. Zuletzt sorgte der Totentanz des großen amerikanischen Schriftstellers George Saunders, „Lincoln in the Bardo“, für Aufsehen, der damit direkt den Man Booker Prize gewann. Saunders erzählte von Präsident Lincoln, der am Grab seines Sohnes trauert und um den sich eine ganze Gesellschaft Toter schart, die von ihrem Schicksal kündet. In „Lincoln in the Bardo“ wird daraus eine kluge Geschichte über ein amerikanisches Trauma und wie eine Gesellschaft sich darum formiert. Weiterlesen